• vom 03.12.2016, 16:00 Uhr

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Raumplanung

Raubbau an der Landschaft




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Von Reinhard Seiß

  • In Österreich wird jedes Jahr fruchtbares Land größer als das Stadtgebiet von Salzburg zersiedelt und verbaut.



Wohlstand und ökologische Sorglosigkeit führten zur Ausdehnung der Siedlungsräume.

Wohlstand und ökologische Sorglosigkeit führten zur Ausdehnung der Siedlungsräume.© Seiß Wohlstand und ökologische Sorglosigkeit führten zur Ausdehnung der Siedlungsräume.© Seiß

Nirgends in Europa wird so viel fruchtbares Land für die Siedlungsentwicklung verbraucht wie in Österreich: 7300 Hektar sind es Jahr für Jahr - ein Terrain, größer als das Stadtgebiet von Salzburg. So verschwinden per anno 0,5 Prozent unseres landwirtschaftlichen Bodens. In Deutschland und der Schweiz ist es nur halb so viel. Laut Umweltbundesamt haben wir in den letzten 50 Jahren rund 300.000 Hektar Bauernland für Wohnhäuser, Supermärkte, Gewerbehallen, Straßen, Parkplätze und vieles andere mehr in Anspruch genommen.

Information

Am 5. Dezember ruft der alljährliche "Weltbodentag" zum sorgsamen Umgang mit der natürlichen Ressource "Boden" auf.

Reinhard Seiß ist Raumplaner, Filmemacher und Fachpublizist in Wien und Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung.

Auch das spiegelt wider, wie ernsthaft umwelt- und planungspolitische Aufgaben hierzulande und demgegenüber in vergleichbaren Staaten wahrgenommen werden. Zwar beschloss die Österreichische Bundesregierung 2002 in ihrer Nachhaltigkeitsstrategie eine drastische Reduktion des täglichen Bodenverbrauchs bis 2010 um fast 90 Prozent - tatsächlich nahm er seither aber um weitere 22 Prozent zu. Dieser Umgang kann nicht mehr nur als verschwenderisch bezeichnet werden, er ist in hohem Maße verantwortungslos. Boden ist selbstredend nicht vermehrbar, fruchtbarer Boden schon gar nicht.

Die "fünfte Fruchtfolge"

Bis in die 90er Jahre wurde die recht großzügige Umwidmung von Grünland in Bauland von Raumplanern oft spöttisch als "fünfte Fruchtfolge" bezeichnet, da sie - in Anlehnung an die produktivitätssteigernde Drei- oder Vierfelderwirtschaft - als ultimative Bodenwertsteigerung unzähligen Bauern millionenschwere Erträge einbrachte. Heute zeigen sich zumindest die offiziellen Vertreter der heimischen Landwirtschaft längst besorgt über den Schwund an Agrarflächen durch den Bodenfraß unserer Gesellschaft, zumal die Möglichkeit der Eigenversorgung Österreichs in akuter Gefahr ist.

Man könnte angesichts mancher unbewirtschafteter oder verwaldender Flächen meinen, dass nach wie vor genügend Grünland vorhanden sei. Doch sind unsere Städte und Dörfer inmitten der fruchtbarsten Böden entstanden: Bis ins frühe 20. Jahrhundert lebten sie von der unmittelbaren Nähe zu den Wiesen und Feldern, die Arbeit und Nahrung boten. Mit dem Bedeutungsverlust der Landwirtschaft und dem gleichzeitigen Aufkommen der Automobilisierung verlor diese räumliche Bindung schlagartig ihre Bedeutung. Zunehmender Wohlstand und ökologische Sorglosigkeit führten zu einer raschen Ausdehnung unserer Siedlungsräume - fatalerweise genau auf jenen Flächen mit der höchsten Bodengüte.

Doch nicht nur aus landwirtschafts- und umweltpolitischer Sicht ist die Vergeudung von Boden ruinös: Je sorgloser das Tourismusland Österreich seine Landschaft zersiedelt, umso mehr schwächt es die Basis eines seiner wichtigsten Wirtschaftszweige. Volkswirtschaftlich folgenschwer ist der Bodenverbrauch auch durch die extensive Besiedelung: Weitläufige Wohn- und Gewerbegebiete fernab der Ortszentren ziehen immense öffentliche Ausgaben für die Errichtung und Erhaltung der Verkehrs- und Siedlungsinfrastruktur sowie für die soziale Versorgung nach sich. Es wird schnell klar, dass die überfällige Einschränkung unseres Flächenkonsums nicht von einem Ressort allein veranlasst oder auf nur einer politischen Ebene bewerkstelligt werden kann.

So wäre es etwa Aufgabe der Raumordnungspolitik der Länder, endlich auf einer disziplinierten Flächenwidmungsplanung der Gemeinden zu beharren - mit klaren Siedlungsgrenzen, mit Rückwidmungen des immensen Baulandüberhangs sowie mit einem Umwidmungsverbot von Flächen mit hoher Bodengüte. Flankierend müssten die inzwischen bestehenden Instrumente zur Mobilisierung gehorteten Baulands zwingend Anwendung finden. Die Gemeinden sollten schon bei der Parzellierung des Baulands für deutlich kleinere Grundstücksgrößen sorgen, da sich ansonsten verdichtete Bauformen am Land niemals durchsetzen - und Ziele wie ein täglicher Bodenverbrauch von bloß 2,5 Hektar (statt 20) auf ewig Illusion bleiben.

Die Wohnbaupolitik der Länder müsste bodensparendes Bauen zur Bedingung für die Gewährung von Wohnbauförderung machen. Selbiges gilt für die Wirtschaftspolitik und ihre Subventionierung von Betriebsansiedlungen. Die Bundesfinanzpolitik wiederum müsste den Finanzausgleich dahingehend reformieren, dass die Kommunen nicht mehr nur für Wachstum um jeden Preis belohnt werden: Ähnlich den Stilllegungsprämien in der Landwirtschaft, sollten Gemeinden profitieren können, wenn sie ihren Boden zum Wohle der Allgemeinheit vor jedweder Verbauung freihalten.

Zudem müssten die Bürgermeister vom ruinösen und flächenintensiven Wettlauf um die Kommunalsteuer befreit werden, dem wir eine Unzahl überflüssiger oder zu groß dimensionierter Gewerbestandorte verdanken. Laut Umweltbundesamt bestehen in Österreich 130 Millionen Quadratmeter ungenutzte lndustrie- und Gewerbehallen. Berücksichtigt man auch alle leerstehenden Wohn-, Büro- und Geschäftsimmobilien, kommt man auf 500 Millionen Quadratmeter brachliegender Nutzfläche. Längst müssten sämtliche öffentliche Entwicklungsanreize auf die Sanierung, Verdichtung und Umnutzung der bestehenden Bebauung statt auf Neuansiedlungen abzielen.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-01 15:44:06
Letzte ─nderung am 2016-12-03 14:48:42



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