• vom 17.12.2016, 09:00 Uhr

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Bildende Kunst

Genauigkeit und Paranoia




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Von Bernhard Widder

  • Vor 90 Jahren, am 17. Dezember 1926, starb der Künstler Klemens Brosch einen selbstgewählten Tod. In seiner Heimatstadt Linz erschließen nun zwei Ausstellungen Leben und Werk des Hochbegabten.



Klemens Brosch: Selbstbildnis, 1911.

Klemens Brosch: Selbstbildnis, 1911.© Landesgalerie Linz Klemens Brosch: Selbstbildnis, 1911.© Landesgalerie Linz

Ein Besucher von Ausstellungen österreichischer Grafik des frühen 20. Jahrhunderts konnte in den vergangenen Jahrzehnten öfter auf Zeichnungen von Klemens Brosch stoßen, und ein aufmerksamer Betrachter wird diese Werke nicht vergessen haben. Sie wurden öfter in Gruppen-Ausstellungen als in personalen Werkdarstellungen gezeigt, da solche vorrangig auf Linz beschränkt blieben; dies vor allem, weil dort zwei grafische Sammlungen den größten Teil des umfangreichen Werks von Klemens Brosch, das zwischen 1910 und 1926 entstanden ist, besitzen.

Die früher gezeigten Zeichnungen, Druckgrafiken und Aquarelle Broschs fielen im Kontext der Ausstellungen als herausragende Werke der frühen Moderne auf. Das Besondere daran war nicht nur die technische Virtuosität des Zeichners, der als Fünfzehnjähriger bereits "formvollendet" zeichnen konnte, sondern der Blick des jungen Künstlers, der als hyper-realistisch bezeichnet werden kann - etwa so, als hätte ein fotografisch geschulter Blick gewirkt, der allerdings mit zeichnerischen Mitteln die Abbildungs-Genauigkeit der Fotografie noch übertreffen wollte. Die frühen Zeichnungen Broschs schienen von der zeitgleichen Wiener Moderne, den unterschiedlichen Stilen der "Secessionisten" (dem Jugendstil Gustav Klimts, dem Expressionismus von Schiele und Kokoschka) unbeeinflusst gewesen zu sein, und bereits zur "Neuen Sachlichkeit" und zum Surrealismus der 1920er, 30er Jahre hinzudeuten.

Frühreifer Ausdruck

Aber woher kam diese mögliche Voraussicht, diese Vorahnung beim jungen Zeichner Brosch, der in Linz aufgewachsen war? Auch um 1900 war Linz schon Landeshauptstadt von Oberösterreich, und vor allem eine bürgerliche Provinzstadt mit einem überschaubaren, sparsamen Kulturleben. Woher kam der frühreife Ausdruck seiner Jugendwerke, der auf die ersten Blicke modern und sehr eigenständig wirkt?

Elisabeth Nowak-Thaller, Vizedirektorin des Museums Lentos, gilt als besondere Kennerin des Werks von Klemens Brosch. 1991 veröffentlichte sie eine erste umfassende Monografie im Klagenfurter Ritter Verlag, basierend auf ihrer kunsthistorischen Dissertation über den Künstler.

Information

Klemens Brosch: Kunst und Sucht des Zeichengenies.

Noch bis 8. Jänner 2017. NOR-DICO Stadtmuseum Linz, Dametzstraße 23, Linz.

Landesgalerie Linz des Oberösterreichischen Landesmuseums, Museumsstraße 14, Linz.

Katalog: Elisabeth Nowak-Thaller: "Klemens Brosch". Anton Pustet, Salzburg 2016, 319 Seiten, 34.- Euro.

Als Kuratorin hat Nowak-Thaller nun in den beiden Linzer Museen Nordico und Landesgalerie den bisher größten Querschnitt durch Leben und Werk Broschs zusammengestellt. Die zweiteilige Ausstellung rückt die Biografie des Künstlers im Stadtmuseum Nordico in einem Obergeschoß in den Vordergrund. Broschs künstlerische Entwicklung wird in sechs großen Räumen der Landesgalerie ausgebreitet. Eine verbindende Klammer zwischen beiden Ausstellungen bildet die Gestaltung der Architektin Silvia Merlo, die wechselnde Stationen des Lebens von Brosch mit Einbauten und Farbgebungen betont, wobei die Farben die Dramatik von Broschs tragischem Leben verstärken.

Klemens Brosch wurde 1894 in Linz als fünftes von sieben Kindern einer gutbürgerlichen Familie geboren. Der Vater Franz Philipp Brosch (1859-1933), geboren im damals ungarischen Siebenbürgen, war Direktor einer Bürgerschule, Heimatforscher und früher "Fotopionier" in Linz. Die Mutter Elisabeth (1866-1946) stammte aus dem Mühlviertel.

"Klemens Brosch ist wie sein Vater und sein Bruder vielseitig begabt: Er zeichnet und malt bereits als Kind, schreibt als Schüler Gedichte, pflegt eine ‚expressionistische’ Sprache, beschäftigt sich intensiv mit Mathematik, und ‚improvisiert frei nach der Phantasie’ am Klavier", berichtet Nowak-Thaller in ihrer erweiterten, neuen Monografie über Broschs Kindheit und Jugend.

Mit zehn Jahren wurde bei Klemens eine Lungenschwäche festgestellt, die chronisch bleiben sollte. Mit 15, 16 Jahren begann sein künstlerisches Werk mit eigenständigen Arbeiten, der Jugendliche sah sich bereits als Künstler, die Eltern unterstützten seine Vorstellungen. 1912, ein Jahr vor der Matura, stellte Brosch im "Oberösterreichischen Kunstverein" erstmals aus. 1913 erfolgte die Gründung der Künstlervereinigung "MAERZ" durch eine junge Gruppe, der Klemens und sein Bruder Franz Brosch, Franz Sedlacek, Anton Lutz und Heinz Bitzan angehörten. Die erste Ausstellung fand im September 1913 statt, "Besucher- und Verkaufszahlen übertrafen alle Erwartungen".

Noch vor der Matura, 1913, verbrachte Brosch mehrere Monate als Soldat in Garnisonen im Trentino, in Süd- und Nordtirol, wegen seiner Lungenkrankheit aber auch in Militär-Spitälern, wo Zeichnungen entstanden. Wegen Krankheit beurlaubt, schien das k.k. Regiment ihn nicht mehr verpflichten zu wollen.

Studium in Wien

Durch die engagierte Vermittlung seines Vaters kam Klemens Brosch im November 1913 an die Akademie der bildenden Künste in Wien, wurde ohne Aufnahmeprüfung sofort aufgenommen, studierte dort bis Juni 1914. "Brosch betritt als perfekter Autodidakt die Akademie, als technisch versierter, vielfältiger Zeichner verlässt er sie nach nur achtmonatiger Ausbildungsdauer", schreibt Nowak-Thaller.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Brosch erneut eingezogen, kam im November 1914 mit seinem Bruder nach Galizien. Klemens war dort etwa 50 Tage an Kriegsschauplätzen, wurde wegen seiner Krankheit zurückgestellt, bis 1915 in verschiedenen Spitälern behandelt, um dann als invalid entlassen zu werden. Später gab Brosch an, im Jahr 1914 von einem Militärarzt Morphiumpulver erhalten zu haben. Traumatisiert durch die Erfahrungen mit Kriegsgräueln in Galizien (deren zeichnerische Bearbeitung in den folgenden Jahren einen besonderen Teil seines Werks bestimmen sollten), verfolgt von der chronischen Krankheit, ergab sich für den sensiblen Künstler aus der Behandlung mit Morphium eine Sucht, die ihn bis zu seinem Suizid im Dezember 1926 peinigen sollte. Zum Morphium gesellte sich später noch Kokain hinzu.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-15 18:11:06
Letzte ─nderung am 2016-12-15 18:45:47



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