• vom 14.01.2017, 11:00 Uhr

Vermessungen


Artenschutz

Tierische Staatsfeinde




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Von Stefan Spath

  • Um die einzigartige Vogelwelt zu bewahren, sollen auf Neuseeland bis 2050 alle "Bio-Invasoren" getötet werden, die Vögel jagen. Ist das vertretbar? Bericht über ein Dilemma der Tierschützer.

Der Kakapo-Papagei galt schon als ausgestorben. Aber einige Dutzend Exemplare haben überlebt und bildeten die Grundlage für eine neue Aufzucht. - © Spath

Der Kakapo-Papagei galt schon als ausgestorben. Aber einige Dutzend Exemplare haben überlebt und bildeten die Grundlage für eine neue Aufzucht. © Spath



Mal tönt der schrille Schrei eines Kea-Papageis aus dem Äther, dann trällert der Korimako kurz vor sieben seine betörenden Lieder in die neuseeländischen Haushalte. Tag für Tag, und das seit 1974, leitet "Radio New Zealand" seine morgendliche Nachrichtensendung mit einem halbminütigen Konzert aus der Wildnis ein. Wenn die Bewohner des Inselstaates einen Dollar-Schein in die Hand nehmen, blicken ihnen Bilder von See- und Landvögeln entgegen.

Kampf den Invasoren

Die Verbundenheit mit der heimischen Vogelwelt geht aber weit über Symbolik hinaus. Schon vor über 50 Jahren sagte Neuseeland eingeschleppten Säugetieren, die einheimische Vögel, Reptilien und Insekten an den Rand des Untergangs brachten, den Kampf an.

Nun hat dieser "War on Predators" eine neue Stufe erreicht. "Unser Ziel ist es, Neuseeland bis zum Jahr 2050 frei von Ratten, Hermelinen und Possums zu machen", stellte Premierminister John Key im vergangenen Jahr das "ehrgeizigste Artenschutzprojekt der Welt" vor. Die Vision eines "Predator Free New Zealand" (PFNZ) fand ein positives Echo; denn einige Bio-Invasoren gelten geradezu als Staatsfeinde.

Ulva Island im äußersten Süden des Landes ist ein Musterbeispiel, wie Artenschutz auf neuseeländisch funktioniert. Vor 20 Jahren machten Ranger der Rattenpopulation auf der 2,7 Qua-dratkilometer großen Insel mit Giftködern und Fallen den Garaus. Alle Rehe - ebenfalls ein Übersee-Import - wurden abgeschossen. Auf die Eliminierung der als pests - also "Schädlinge" - definierten Tiere folgte die Ansiedlung gefährdeter Vogelarten.

Information

Stefan Spath, geboren 1964. lebt als freiberuflicher Journalist in Wien. Schwerpunkte: Reisereportagen, Porträts, Geschichte. 

Das Experiment erwies sich als durchschlagender Erfolg. Wer morgens per Boot in das Schutzgebiet übersetzt, dem schallt ein Tschilpen, Tirilieren, Klicken und Gurren entgegen, wie man es auf dem Festland kaum zu hören bekommt. Die Yellowheads (Gelbköpfchen), als "nationally vulnerable" eingestuft, ebenso wie die Kakapo-Papageien können hier ungestört brüten.

Comeback der Pflanzen

Auch die Vegetation hat profitiert. Seitdem sich Ratten und Rehe nicht mehr an Samen, Trieben und Früchten gütlich tun, haben mehrere Orchideen-Arten ein Comeback gefeiert. Baumfarne erreichen wieder stattliche Größen und verschmelzen mit Rimu-, Totara- und Miro-Bäumen, die zur Familie der Steineiben-Gewächse zählen, zu einer dichten grünen Wand. Als Besucher bekommt man eine Ahnung davon, wie Neuseeland ausgesehen und geklungen haben mag, bevor die Menschen das ökologische Gefüge aus den Angeln hoben.

Der Kiwi, das Wahrzeichen Neuseelands, wird besonders sorgfältig geschützt.

Der Kiwi, das Wahrzeichen Neuseelands, wird besonders sorgfältig geschützt.© Spath Der Kiwi, das Wahrzeichen Neuseelands, wird besonders sorgfältig geschützt.© Spath

Nach der Abspaltung vom Urkontinent Gondwana-Land vor 85 Millionen Jahren war die Doppelinsel zu einer Welt der Vögel geworden. Weil gefräßige Säugetiere und Schlangen fehlten, verlegten sich manche Arten auf das Leben am Boden und legten ihre Fluchtinstinkte ab. Kakapo-Papageien, Kiwis und Takahe-Rallen tapsten ziemlich sorglos durch die Wälder, bis Homo sapiens auf der Bildfläche erschien.

Um 1300 n. Chr. verschlug es polynesische Seefahrer auf die südlichste Inselkette des Pazifiks. 120 Jahre brauchten die ersten Siedler - zugleich die ersten "Bio-Invasoren" -, um die bis zu 250 Kilogramm schweren Moa-Riesenvögel bis auf das letzte Exemplar zu verspeisen. In ihren Kanus schleppten die Maoris die Kiore-Ratte ein, die die Nester bodenbrütender Vögel plünderte.

Rückblick ins Paradies

Den ersten Besuchern aus Europa boten sich noch paradiesische Impressionen. "Heute früh wurde ich von Vogelgesang geweckt. (. . .) Die Stimmen waren zweifellos die melodiöseste wilde Musik, die ich je vernommen habe", hielt Joseph Banks fest, der James Cook 1770 auf dessen erster Weltumsegelung begleitete. Georg Forster, Naturforscher auf Cooks zweiter Expedition, registrierte bereits erste Verwerfungen im Ökosystem. Jeden Morgen, so schrieb er drei Jahre später, spazierte eine Schiffskatze an Land und "richtete großen Schaden unter den kleinen Vögeln an, die einen solch tückischen Feind nicht kannten".

Auch Ratten und Mäuse strömten von den Schiffen der Europäer in ein Schlaraffenland. Bewusst angesiedelte Säugetiere brachten die einheimische Tierwelt weiter in Bedrängnis. Um 1880 importierten Farmer Hermeline, Frettchen und Wiesel, um die zur Plage gewordenen Hasen und Ratten zu bekämpfen. Aber bald hatten die Marder heraus, dass gefiederte Beute leichter zu erlegen war.

Mit dem Fuchskusu sollte eine Pelztierzucht etabliert werden. Doch bald turnten die australischen Beutelsäuger in die Freiheit. Dutzende Millionen Possums, wie sie in Neuseeland genannt werden, fressen sich mittlerweile durch die Wälder. Zu den Fressfeinden gesellten sich Habitat-Zerstörer und Nahrungskonkurrenten. Für die Schaf- und Rinderzucht mussten riesige Urwälder weichen. Zum Jagdvergnügen führten die Siedler Ziegen, Schweine, Rehe, Hirsche und Gämsen ein.

Artensterben

Obwohl als letzte größere Region der Erde besiedelt, erlebte kaum ein anderes Land einen so drastischen Schwund an Biodiversität. Rund 40 Prozent der 115 ausschließlich in Neuseeland vorkommenden Vogelarten starben aus. Weitere stehen auf der Roten Liste, darunter auch der flugunfähige Kiwi. Den Bestand der nachtaktiven Bodenbrüter schätzt die Naturschutzbehörde DOC auf 68.000 Exemplare. In Regionen ohne "pest control", so heißt es, fallen neun von zehn Jung-Kiwis Räubern zum Opfer. Aus diesem Grund werden Küken in Zuchtstationen aufgepäppelt, bis sie sich gegen Fressfeinde zur Wehr setzen können.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-01-12 16:56:07
Letzte Änderung am 2017-01-13 16:06:35



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