• vom 21.01.2017, 17:00 Uhr

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Soziologie

Der kämpferische Intellektuelle




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Von Jens Kastner

  • Vor fünfzehn Jahren starb der französische Soziologe und Philosoph Pierre Bourdieu, dessen Denkansätze in der Gesellschaftswissenschaft Maßstäbe setzten.



Wissenschaft mit Megaphon: Pierre Bourdieu (rechts).

Wissenschaft mit Megaphon: Pierre Bourdieu (rechts).© Yann Latronche/ Gramma-Rapho via Getty Images Wissenschaft mit Megaphon: Pierre Bourdieu (rechts).© Yann Latronche/ Gramma-Rapho via Getty Images

Mit dem Megaphon vor dem Gesicht steht der Soziologe inmitten von streikenden Bahnangestellten auf dem Pariser Gare de Lyon.

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Jens Kastner, geboren 1970, Soziologe und Kunsthistoriker, lebt als freier Autor und Dozent in Wien.

Dieses Bild von Pierre Bourdieu, 1995 entstanden, ist geradezu ikonisch geworden. Es zeigt den engagierten Intellektuellen par excellence. Dabei hatte sich Bourdieu lange Zeit gegen die allzu direkte Beteiligung von Wissenschafterinnen und Wissenschaftern an sozialen Auseinandersetzungen verwehrt. Vor allem die scheinbar selbstverständliche Verbrüderung von Intellektuellen und sozial Benachteiligten schien ihm heuchlerisch, denn Intellektuelle gehören für Bourdieu immer zu den Privilegierten. Allerdings beschrieb er sie als "beherrschte Herrschende", weil sie im Vergleich zu anderen sozialen Elitegruppen, wie etwa Politikern oder Managern, über weniger Machtmittel verfügten.

Bourdieu war immer daran gelegen, wissenschaftliche Analyse und politische Parteinahme nicht ineinander übergehen zu lassen. Es gibt in seinem Werk dementsprechend viele Spitzen gegen seine marxistisch orientierten - und seinerzeit noch häufig Ton angebenden - Kolleginnen und Kollegen. Anti-Marxist war Bourdieu allerdings nicht. Neben den Werken der soziologischen Klassiker Émile Durkheim und Max Weber gehören die von Karl Marx zu den - teils mehr, teils weniger offensichtlichen - Grundlagen seiner empirischen wie theoretischen Arbeiten. Und es besteht auch kein grundlegender Widerspruch zwischen seinem Engagement in der Linken und seinem Anspruch auf wissenschaftliche Korrektheit. Soziologie muss verdeckte Herrschaftsverhältnisse enthüllen und verstehbar machen, davon war er überzeugt.

Kritik der Herrschaft

Bereits in seinen frühen ethnologischen Feldforschungen, die der 1930 geborene Bourdieu Ende der 1950er Jahre im noch kolonialen Algerien durchführte, ging es ihm um ein Verständnis von Herrschaftsverhältnissen. Ein Fokus, der sich in seinem Hauptwerk, "Die feinen Unterschiede" (1979, dt. 1982) ebenso unzweifelhaft findet wie in einer seiner letzten großen Studien über die Folgen neoliberaler Politik, "Das Elend der Welt" (1993, dt. 1997). Wie gesellschaftliche Dominanz sich auch ohne direkte Gewalt eta-bliert und warum die Menschen häufig so wenig dagegen auszurichten vermögen, waren für ihn zentrale Fragen.

Viele der von Bourdieu geprägten Begriffe sind auf das Anliegen zurückzuführen, Herrschaft sichtbar zu machen: Der "Habitus" etwa beschreibt die verkörperten und nicht-bewussten Verhaltensweisen und Haltungen und verweist darauf, dass Herrschaft fast unbemerkt "in Fleisch und Blut" übergeht. Sich im Museum körperlich unbehaglich zu fühlen, wenn man sich mit Kunst nicht auskennt, in der Kirche die Stimme zu senken, ohne dass man dazu angehalten wird - es gibt unzählige Beispiele dafür, wie Konventionen unhinterfragt umgesetzt werden.

Der Begriff des "Feldes" soll u.a. aufzeigen, wie Interaktionen und Karrieren sich auf der Grundlage eines gemeinsam geteilten Glaubens vollziehen (etwa an die Kunst oder an den Sport), auch wenn die Profite dieses Glaubens sehr ungleich verteilt sind. Wenige verdienen extrem viel, viele extrem wenig an Anerkennung und Geld, und dennoch machen sie mit. Es verbindet sie der Glaube daran, etwas Gutes, Richtiges und Sinnvolles zu tun. An den Sinn der Praktiken - etwa einer Kunstausstellung bzw. eines Bundesliga-Spiels - im Feld zu glauben, macht auch das Hinterfragen dieses Glaubens unwahrscheinlich.

Dass Götter trotzdem gestürzt werden und sich die Verhältnisse ändern, also prinzipiell dynamisch sind, ist Bourdieu zufolge "Kämpfen" geschuldet. Nicht nur politische Auseinandersetzungen sind damit gemeint, sondern allgemein das konkurrierende Aufeinandertreffen verschiedener Positionen und Positionierungen. Man versteht sie nur, wenn man untersucht, wogegen sie sich abgrenzen: Junge gegen Alte, Aufstrebende gegen Arrivierte, Avantgarden gegen Etablierte usw. Bourdieu nannte seine Methode "relational", weil sie nicht nach Wesenskernen fragt, sondern nach "Relationen".

Suche nach der Genese

Auch sein eigener Ansatz lässt sich am besten begreifen, wenn man ihn im Verhältnis zu jenen betrachtet, gegen die er sich abgrenzt. Auf der einen Seite der Strukturalismus und manche Strömungen des Marxismus: Dass sie von bestehenden Regeln und festen Gesetzmäßigkeiten ausgingen, wies Bourdieu als unhistorisch zurück. Ihn interessierte, wie die Regeln zustande kamen. Seinen eigenen Ansatz nannte er daher "genetischen Strukturalismus", von "Genese" oder "Genealogie", der Frage nach der Herkunft und dem Werden.

Auf der anderen Seite bezog Bourdieu aber auch Stellung gegen individualistische und subjektivistische Ansätze. Nur das Individuum, seine Geworfenheit oder Existenz in den Mittelpunkt der Theorie zu stellen, schien ihm ebenfalls unzureichend. Zu stark sind die Menschen von ihrem sozialen Umfeld geprägt. Das gilt selbst für jene, die sich noch am weitesten von bestehenden Normen und geltenden Konventionen befreien können, wie lange Zeit etwa die Künstlerinnen und Künstler.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-01-19 16:42:05
Letzte nderung am 2017-01-19 16:57:08



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