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Raumfahrt-Katastrophen

Katastrophenjahr der Raumfahrt




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Von Christian Pinter

  • Vor 50 Jahren starben erstmals Menschen an Bord von Raumschiffen: Zuerst, am 28. Jänner 1967, bei einem missglückten Apollo-Test - und dann im April, als eine Sojus-Kapsel am Boden zerschellte.



Die Apollo-1-Besatzung (Grissom, White, Chaffee, v.l.n.r.), die beim Test 1967 ums Leben kam.

Die Apollo-1-Besatzung (Grissom, White, Chaffee, v.l.n.r.), die beim Test 1967 ums Leben kam.© NASA Die Apollo-1-Besatzung (Grissom, White, Chaffee, v.l.n.r.), die beim Test 1967 ums Leben kam.© NASA

Cape Kennedy Air Force Station, Startrampe 34: In Mitteleuropa ist gerade der 28. Jänner 1967 angebrochen, als in Florida ein Routinetest über die Bühne geht. 16 Mal sind US-Amerikaner bisher ins All gestartet: zuerst in einsitzigen Mercury-Kapseln, dann in doppelsitzigen Geminis. Mit den Gemini-Flügen hat die NASA die Führung im Wettlauf zum Mond an sich gerissen. Doch dieses Rennen verläuft überaus hektisch.

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Christian Pinter, geboren 1959, schreibt im "extra" der Wiener Zeitung seit 1991 über Astronomie und Raumfahrt. Internet: www.himmelszelt.at

Man kann bei den Apollo-Schiffen nicht einmal alle Erkenntnisse des abgeschlossenen Gemini-Programms berücksichtigen. Die neue Apollo wirkt im Vergleich zu allen bisherigen Raumfahrzeugen jedenfalls wie ein "Straßenkreuzer": Das mit Abstand größte und komplexeste aller Raumschiffe wurde bisher aber nur unbemannt getestet.

Jetzt ruht das Raumfahrzeug 43 Meter über dem Boden, montiert an der Spitze einer unbetankten Saturn IB-Rakete. In den Kontursitzen sind drei Astronauten festgeschnallt. Sie üben jene Prozeduren, die beim bemannten Start in drei Wochen ablaufen sollen. Dieser Jungfernflug wird bis zu 14 Tage dauern. Vor der späteren Reise zum Mond muss sich das Schiff noch im Erdorbit bewähren. Die Auswirkung längerer Schwerelosigkeit auf Knochen, Herz und Nieren der Astronauten soll dabei ebenfalls überprüft werden.

Feuer im Cockpit

Der heutige Test in der Apollo-Kapsel wird als unkritisch eingestuft. Links sitzt der Kommandant Virgil Grissom. Er war schon mit einer Mercury und einer Gemini im All. Seine Mercury versank allerdings im Atlantik, weil sich ihre Luke vorzeitig öffnete und Wasser hineinschwappte. Damit so etwas nicht noch einmal passiert, ist die Luke der Apollo zweiteilig aufgebaut. Das äußere Element lässt sich nach außen öffnen, das schwere innere Element nur nach innen: Für diesen Kraftakt ist Edward White zuständig, der Mann in der Mitte der Kapsel. Er wagte 1965 den zweiten Ausstieg eines Menschen ins All, kurz nach dem Russen Alexei Leonow. Rechts von White hat Roger Chaffee Platz genommen, ein ehemaliger Marine-Pilot ohne Raumflugerfahrung.

Die Kabinenluft besteht aus reinem Sauerstoff. Die Kühlflüssigkeit ist - wie auch anderes im Schiff - entflammbar. Die Leitungen und elektrischen Drähte sind nicht völlig vor Beschädigungen geschützt. Doch daran denkt jetzt niemand. Vielmehr ärgert sich Grissom über Probleme mit dem Sprechfunk. Dann, einige Sekunden vor 0:31 MEZ, blitzt wohl irgendwo ein Funken auf.

"Feuer! Wir haben ein Feuer im Cockpit", ruft Chaffee: "Ein arges Feuer". Feuerlöschsysteme oder Handfeuerlöscher gibt es nicht an Bord. "Wir müssen raus, wir verbrennen!". Dann folgt ein kurzer, schriller Schrei. Das Feuer lässt Temperatur und Druck hochschnellen. Die Männer atmen giftige Gase ein. White versucht, die schwere Luke zu öffnen. Doch er ist rasch bewusstlos. Etwa gleichzeitig birst die Kapsel. Rettungskräfte und Techniker sind herbei geeilt. Detonationen werfen sie zu Boden, der Rauch macht sie fast blind. Geschmolzenes Metall tropft herab.

Als die Luke fünf Minuten später endlich offen steht, blickt man auf drei Leichname in teils geschmolzenen Raumanzügen. Nach weiteren sieben Stunden werden sie geborgen. Grissom, White und Chaffee sind die ersten Menschen, die in einem Raumfahrzeug ums Leben kommen.

Die neue Sojus

Moskau sendet den Ehefrauen der getöteten US-Amerikaner Kondolenzschreiben. Das sowjetische Kosmonautenkorps schließt sich an. Dessen Mitglieder fiebern ebenfalls dem Mondflug entgegen. Ihr geheimes Mondlandeprogramm ähnelt jenem der NASA.

Während amerikanische Mondfahrer allerdings durch einen Tunnel vom Mutterschiff in die Landefährte umsteigen werden, müssen die Russen außen von einem Schiff ins andere klettern. Acht bemannte Raumflüge haben sie schon absolviert, in Wostok- und in Woschod-Kapseln. Doch seit Alexei Leonows "Weltraumspaziergang" vor zwei Jahren ist kein einziger Kosmonaut mehr gestartet. Auf das neue Schiff, die Sojus, hat man viel zu lange warten müssen. Der überraschende Tod des charismatischen Chefkonstrukteurs Sergei Koroljow im Jänner 1966 ist nur einer von mehreren Gründen für die Verzögerung.

Mit der manövrierfähigen Sojus möchte man den Rückstand auf die Amerikaner aufholen. Die sind jetzt, nach dem Apollo-1-Unglück, sowieso an den Boden gefesselt. Hingegen plant die sowjetische Führung spätestens im Herbst 1967, zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution, eine bemannte Mondumkreisung! Das wäre ein überaus wichtiger Etappensieg und ein gewaltiger Prestigeerfolg. Ein Jahr später wäre sogar die erste Landung auf dem Erdtrabanten möglich, glauben Moskauer Optimisten.

Obwohl alle automatischen Testflüge gescheitert sind, soll die neue Sojus am 23. April 1967 zu ihrem bemannten Jungfernflug aufbrechen. Wladimir Komarow, der 1964 bereits eine Woschod kommandierte, wird sie ganz allein steuern. Juri Gagarin, einst der allererste Raumfahrer, ist sein Ersatzmann: Die Weltraumlegende hilft dem 40-jährigen Komarow beim Einsteigen ins Schiff.

Der Start klappt. Doch kaum ist die Sojus 1 im Orbit angelangt, kommt es zu Problemen. Das linke Solarmodul entfaltet sich nicht. Der Strom wird knapp. Das verkrüppelte Modul behindert außerdem das automatische Lageregelungssystem. Komarow kann die Kapsel zwar mühevoll per Handsteuerung an der Sonne ausrichten, doch erschöpft sich dabei der Treibstoffvorrat.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-01-27 13:48:14
Letzte ─nderung am 2017-01-27 13:53:37



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