• vom 11.02.2017, 14:30 Uhr

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Erinnerungskultur

Was hätte ich damals getan?




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Von Miguel Herz-Kestranek

  • Eine Suche nach Wegen, die Erinnerungskultur an den NS-Terror in einen Bezug zur Gegenwart und zum eigenen Handeln zu bringen.

Mahnmal für ein freies Österreich am Friedhof Klagenfurt-Annabichl: Bei einer Gedenkfeier 2016 hielt Miguel Herz-Kestranek eine Rede, von der dieser Text einige Auszüge enthält. - © Wikimedia

Mahnmal für ein freies Österreich am Friedhof Klagenfurt-Annabichl: Bei einer Gedenkfeier 2016 hielt Miguel Herz-Kestranek eine Rede, von der dieser Text einige Auszüge enthält. © Wikimedia



Als Sohn und Enkel von Exilanten, die der NS-Verfolgung entkommen konnten, während Teile der Familie ermordet wurden, erlebe ich - frei nach dem Diktum der Dichterin Hilde Spiel, Verlust der Heimat, Flucht und Emigration seien vererbbare Krankheiten -, dass sich diese Themen, diese Motti vieler Gedenkfeiern, bestimmend auch durch mein Leben ziehen.

Information

Miguel Herz-Kestranek, geb. 1948 als Sohn jüdischer Remigranten in St. Gallen/Schweiz. Schauspieler und Autor; Vizepräsident der Öst. Gesellschaft für Exilforschung, Kuratoriumsmitglied des Dokumentationszentrums des Öst. Widerstandes; lebt und arbeitet in Wien und St. Gilgen.

www.herz-kestranek.com

Mein 2015 verstorbener Freund, der 1924 in Wien als Fritz Mandelbaum geboren wurde, 1938 in die USA flüchtete und dort als Frederic Morton zum weltberühmten Autor wurde, schrieb schon 1991 in seinem Essay "Exil, die Epidemie der Moderne" vom "Exil, das im Begriff ist, unser aller Erbe zu werden." Und wirklich sind wir, die wir uns - als Bürger eines vereinten und kriegsfreien Europa - gegen das Wiederaufleben von Rassismus, Faschismus und Antisemitismus einsetzen, indem wir uns an eine der dunkelsten europäischen Epochen erinnern, wieder mit millionenfacher Flucht und Emigration konfrontiert, deren Bewältigung zu einem großen Prüfstein für den Bestand der alternativlosen Europäischen Union geworden ist. Und wir sind, ob an den derzeitigen Flucht- und Emigrationsbewegungen mitverantwortlich oder nicht, aufgefordert, an der europäischen Lösung dieser weltweiten Fluchtbewegungen mitzuwirken.

Betroffenheit

Vertreibung und Exil sind Ausdruck weit gehender und zerstörender Widersprüche im gesellschaftlichen und geistigen Leben einer Nation. Die Wahlsprüche von Diktatoren gipfeln meist im Versprechen, diese Widersprüche zu lösen, münden jedoch in der Unterdrückung jeden Widerspruchs - und somit in der dramatischen Verschärfung der Widersprüche und den daraus erwachsenden tödlichen Folgen.

Dieser Folgen, ihrer Ursachen, ihrer Opfer und ihrer Helden gedenken wir vor allem, um nicht zu vergessen! Wir tun dies aber immer auch mit der unausgesprochenen Aufforderung zur Betroffenheit über das Geschehene, sowie mit den meist ausgesprochenen Appellen "Wehret den Anfängen!" und "Nie wieder!"

Ich war in meinem Leben bei vielen Gedenkfeiern in Erinnerung an den NS-Terror, habe unzählige Reden gehört und Versuche erlebt, das nach wie vor Unbegreifliche in Worte zu fassen und damit Betroffenheit zu bewirken, eine Betroffenheit, die andauern sollte über die Gedenkstunde hinaus, damit sie mitgenommen werde nach Hause, ins sogenannte normale tägliche Leben. Erinnerungskultur also, um die richtigen Lehren aus der Geschichte zu ziehen, die Zusammenhänge zu erkennen zwischen Ursachen und Wirkung, zwischen damals und heute, um Demokratie, Menschenrechte, Freiheit des Geistes und somit unsere Grundwerte zu verteidigen und nach den Appellen zu handeln im sogenannten Alltag.

Doch je mehr Gedenkstunden ich beigewohnt habe, desto mehr sind meine Zweifel gewachsen an der Wirksamkeit über das Nicht-Vergessen hinaus, an der Nachhaltigkeit der Appelle, an der Möglichkeit, dauerhafte Betroffenheit zu erwirken. Zu groß scheint die Distanz vom Anlass zu sein, zumal für Nachgeborene, Unbeteiligte und somit Schuldlose.

Deshalb hege ich auch meine Zweifel an der Wirksamkeit der implizierten Aufforderung, die richtigen Schlüsse aus dem Gedenken zu ziehen, möglichst moralische, gerechte Schlüsse, die zum Besseren, wenn nicht gar zum Guten wenden sollen, was nach wie vor kaum besser und schon gar nicht gut ist.

Mithin kenne ich auch dieses Schuldgefühl, das sich einstellt bei Gedenkstunden, darüber, nicht mehr nachhaltig getroffen zu werden vom lange Vergangenen, vom Schrecklichen, vom immer noch nicht Fassbaren, von der zweiten Vertreibung aus dem Paradies, wie ich es einmal genannt habe; nicht mehr nachhaltig erschüttert zu werden etwa von der Gleichzeitigkeit von Barbarei, dem Verwerfen jedweder menschlicher Regeln, vom Grausamkeitswahnsinn neben Beethovenkonzert und Goethegedicht; von der Gleichzeitigkeit etwa liebevoller Vater- und Mutterschaft am Abend und tausendfachen Kindermordens am nächsten Tag.

Nicht nachhaltig betroffen mehr zu sein von etwas, das sich nach wie vor jedem Erklärungsmuster entzieht; und auch den Zusammenhang zu heute nur herstellen zu können als theoretische Übung, ohne unmittelbare Auswirkung auf das eigene Handeln. Ich zweifle also an der Erziehungskraft von Gedenkfeiern zu Humanismus. Ich zweifle an der Tauglichkeit des Gedenkens an sich dazu. Denn würden das Erinnern und Nichtvergessen genügen, dürfte es folgerichtig keine immer neuen Anlässe geben, zu gedenken, dürften nicht genau jene Anfänge, denen zu wehren aufgerufen wird, sich so mehren wie heute.

Ist Gedenken also nicht selten eine Pflichtübung in politischer Korrektheit? Eine Ablassfunktion? Zur Bekräftigung des kollektiven Konsenses, als Gedenkende für sich selbst die Hand ins Feuer legen zu können?

Ich fühle mich aufgefordert nachzudenken, welche Form des Gedenkens mich diese Zweifel überwinden ließe. Mein Ansatz: das Gedenken in einen Zusammenhang mit dem eigenen Gewissen zu stellen. In der Stunde des Gedenkens und im Bewusstsein der Unmöglichkeit, sich in die Vergangenheit und deren gänzlich andere Ausgangslagen zu versetzen, trotzdem den Bezug zur Gegenwart, zum eigenen Leben zu suchen und sich zwei Fragen zu stellen: Wie hätte ich damals gehandelt? Und: Wie handle ich heute? Einen Gedenkanlass also zu nutzen zur persönlichen Gewissenserforschung, um einem möglicherweise daraus erwachsenden eigenen Wandlungsappell zu folgen.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-09 16:18:14
Letzte nderung am 2017-02-09 17:11:05



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