• vom 11.02.2017, 16:00 Uhr

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Kunstgeschichte

Wien, Berlin, Bolivien




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Von Oliver Bentz

  • Die 1885 in Wien geborene jüdische Malerin Lene Schneider-Kainer war einst eine vielbeachtete Künstlerin, deren facettenreiches Werk heute nahezu vergessen ist. Erinnerung an eine Weltbürgerin.



Die Malerin ca. 1914.

Die Malerin ca. 1914.© Leo Baeck Institute New York Die Malerin ca. 1914.© Leo Baeck Institute New York

Mit ihren Porträts bekannter Persönlichkeiten des kulturellen Lebens wie Else Lasker-Schüler, Oswald Spengler, Max Reinhardt, Franz Werfel, Lucie Höflich oder Egon Friedell, ihren gewagten weiblichen Aktdarstellungen oder ihren Zeichnungen aus Asien war Lene Schneider-Kainer im legendären Berlin der 1920er Jahre eine vielbeachtete und angesehene Künstlerin. Heute ist die Malerin und Graphikerin, die ein bewegtes und abenteuerreiches Leben hatte, das 1885 in Wien begann und 1971 im bolivianischen Cochabamba endete, weitgehend vergessen.

Ihr Vater, der Maler Sigmund Schneider, förderte schon früh das künstlerische Talent der begabten Tochter. Einer ersten Zeit, in der sie sich das Malen autodidaktisch durch das Kopieren in den reich bestückten Wiener Kunstmuseen beibrachte, folgte ein Jahr an der Kunstakademie in München, bevor es Lene Schneider 1909 in die brodelnde Kunstmetropole Paris zog. Ob sie dort an der "École des Beaux Arts" oder einer der berühmten Privatschulen wie der "Académie Julian" studierte, lässt sich heute nicht mehr belegen. Sicherlich jedoch beobachtete sie die miteinander konkurrierenden Pariser Künstlergruppen und Kunststile dieser Zeit, ohne sich jedoch einer konkreten Gruppe oder Richtung anzuschließen. Der französische Impressionismus, den sie in den Museen und Galerien der Seine-Metropole ausgiebig studieren konnte, sollte jedoch immer ein starker Impuls für ihre künstlerische Arbeit bleiben.

Information

Die Ausstellung "Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938", die noch bis
1. 5. 2017 im Jüdischen Museum Wien zu sehen, zeigt Arbeiten von 41 Wiener Künstlerinnen, darunter vier Bilder von Lene Schneider-Kainer .

Oliver Bentz, geboren 1969, lebt als Germanist, Kulturpublizist und Ausstellungskurator in Speyer. In der Reihe "Jüdische Miniaturen" des Berliner Verlags Hentrich & Hentrich ist soeben sein neuestes Buch erschienen: "Anton Kuh. Kaffeehausliterat zwischen Prag, Wien und Berlin".


Lene Schneider-Kainer: Bildnis Egon Friedell.

Lene Schneider-Kainer: Bildnis Egon Friedell.© Bentz Lene Schneider-Kainer: Bildnis Egon Friedell.© Bentz

1910 heiratete sie in Ungarn den sich gerade aus dem Arztberuf verabschiedenden und sich einer künstlerischen Karriere zuwendenden Maler Ludwig Kainer, den sie in Paris kennengelernt hatte und mit dem sie nach der Geburt des Sohnes Peter 1912 nach Berlin zog. Der Salon, den die Malerin in ihrer Wohnung zu führen begann, wurde bald zum Treffpunkt der Berliner Künstler- und Literaten-Szene. Else Lasker-Schüler, Arnold Schönberg, Franz Werfel, Herwarth Walden, Lucie Höflich oder Gret Palucca waren nur einige Protagonisten des - nicht zuletzt durch Zuwanderung von Intellektuellen aus Wien und Prag - prosperierenden kulturellen Lebens in der Stadt an der Spree, die sich bei Lene Schneider-Kainer trafen.

Einige der Kolleginnen und Kollegen aus dem Kulturbetrieb, die in ihrem Salon verkehrten oder mit denen sie in den Mu-seen, Galerien oder Caféhäusern der Stadt zusammenkam, hielt Lene Schneider-Kainer auch in qualitätvollen psychologisch einfühlsamen Intellektuellenporträts fest. Viele dieser in ihrem Atelier in der Niebuhrstraße entstandenen Bilder gelten - wohl nicht zuletzt aufgrund der politischen Verwerfungen des frühen 20. Jahrhunderts und des turbulenten, mit vielen Ortswechseln verbundenen Lebens der Künstlerin - heute als verschollen.

In leuchtenden Farben gehalten ist ihr erhaltenes großformatiges Bildnis Else Lasker-Schülers aus dem Jahr 1914, in dem sie eindrucksvoll das schillernde Wesen der illustren Dichterin erfasst. Die Hände übereinandergelegt, sitzt Lasker-Schüler auf diesem Ölbild in knallroter Bluse in einem Sessel, versonnen in eine imaginäre Ferne blickend, in die sie auch oft in ihren Gedichten entführt.

Ein weiteres, bisher unbekanntes und kürzlich entdecktes Exemplar von Lene Schneider-Kainers großen Öl-Porträts zeigt den Historiker, Schriftsteller und Schauspieler Egon Friedell. In abgeklärter, selbstbewusster Pose steht er auf diesem in den Jahren um den Ersten Weltkrieg entstandenen Gemälde da, vor blassgrünem Hintergrund, im braunen Jackett, den rechten Arm wohl auf eine Kommode aufgestützt, die linke Hand locker in die Jacketttasche gesteckt, am Betrachter vorbeiblickend. Ein Geistesmensch, dem es nicht um den Kontaktaufnahme geht, sondern in und aus dem heraus es arbeitet.

Große Erfolge

Mit ihrer ersten große Einzelausstellung von Februar bis Mai 1917 in der Galerie Gurlitt in Berlin wurde Lene Schneider-Kainer, nachdem sie im Jahr zuvor in der Berliner Freien Secession und im Rahmen der juryfreien Kunstschau Berlin debütiert hatte, als Malerin und Illustratorin in der deutschen Hauptstadt bekannt.

Etwa 50 Ölbilder und Zeichnungen zeigte sie in dieser Schau, die bei der Kritik auf große Beachtung stieß. In der Zeitschrift "Deutsche Kunst und Dekoration" etwa erschien ein umfangreicher Artikel, der mit gleich acht großformatigen Abbildungen ihrer Werke großzügig illustriert wurde, und auch die anderen wichtigen Kunstperiodika der Hauptstadt berichteten.

So ist es nicht verwunderlich, dass sich Lene Schneider-Kainer - die sich des Öfteren auch selbst porträtierte - auf einem repräsentativen Selbstbildnis aus dieser Zeit vor dem Betrachter äußerst selbstbewusst inszeniert. "Lene Schneider-Kainer", hieß es 1920 in einem Artikel über die Künstlerin, "hat unter den Malerinnen Deutschlands einen allerbesten Namen. Ihre Ausstellungserfolge in der Berliner Sezession, in Wien, in Holland haben ihren Ruf gemacht, eine der kräftigsten Farbenkünstlerinnen der Moderne zu sein".

Berüchtigt wurde Schneider-Kainer mit ihren zwischen 1919 bis 1922 entstandenen, in der Technik der Lithographie ausgeführten erotischen Mappenwerken mit Titeln wie "Zehn weibliche Akte" oder "Vor dem Spiegel", die im Fritz Gurlitt-Verlag erschienen und ebenso großes Aufsehen erregten wie die über 30 erotischen graphischen Arbeiten, in denen sie die "Hetärengespräche des Lukian" illustrierte. Mit ihren kühnen weiblichen Akten war die Malerin - neben Kolleginnen wie Charlotte Berend-Corinth, Jeanne Mammen oder Renée Sintenis - eine von wenigen Künstlerinnen, die sich schon auf das auch in der Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche der Weimarer Republik eigentlich noch immer als Männer-Domäne geltende Gebiet der Aktdarstellung vorwagten. In der Aktmalerei war den Frauen immer noch die traditionelle Rolle des Modells und nicht die der ausführenden Künstlerin zugedacht.


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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-09 16:50:14
Letzte ńnderung am 2017-02-11 13:03:23



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