• vom 11.03.2017, 14:30 Uhr

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Fake News

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Von Adrian Lobe

  • Der Begriff "Fake" geistert zurzeit durch die Politik und die Medien. Er ist jedoch älter als man denkt, und er hat mehrere Bedeutungen - vor allem in ästhetisch-philosophischen Zusammenhängen.



Ein sozusagen ehrlicher "Fake": Donald Trump als Figur im Wachsmuseum Grévin in Prag.

Ein sozusagen ehrlicher "Fake": Donald Trump als Figur im Wachsmuseum Grévin in Prag.© Ullstein Bild-CTK/Veronika Simkova Ein sozusagen ehrlicher "Fake": Donald Trump als Figur im Wachsmuseum Grévin in Prag.© Ullstein Bild-CTK/Veronika Simkova

Der Begriff "Fake News" hat neben dem Objekt, das er zu beschreiben sucht, eine erstaunliche Karriere gemacht. Spätestens, seit Donald Trump bei der skurrilen Pressekonferenz vor seinem Amtsantritt den CNN-Reporter Jim Acosta vor laufenden Kameras desavouierte ("Dir gebe ich keine Frage, Ihr seid Fake News!"), ist die Vokabel zu einem Kampfbegriff geworden.

Information

Adrian Lobe, geboren 1988 in Stuttgart, schreibt als freier Journalist für diverse Medien im deutschsprachigen Raum.

Fakt ist - und das festzustellen ist bei diesem Gegenstandsbereich fast eine Anmaßung: Der Begriff ist nicht so neu, wie allenthalben behauptet wird. Das Parlament von Connecticut verabschiedete 1893 ein Gesetz, das Personen bestrafte, die "‚fake’ news" (sic!) an Zeitungen schickten. Nachdem der US-Politiker und Außenminister William Jennings Bryan 1896 bei der Präsidentschaftswahl unterlag, gründete er seine eigene Tageszeitung, "The Commoner", die gegen die "Epidemie der Fake News" zu Felde zog.

Doch was ist eigentlich das "Fake" an diesen "News"? Fake ist ein Phänomen, das nicht nur in den Medien zu beobachten ist, sondern auch in den Künsten. China hat eine Kopie des Eiffelturms und Kapitols errichtet und ganze italienische Städte nachgebaut, die im Ruf stehen, "Fake Architektur" zu sein. Auch die Malerei kennt neben der klassischen Kunstfälschung den Fake.

Fake und Fälschung

Was ist der Unterschied zwischen Fake und Fälschung? Der Kunsthistoriker Stefan Römer wartet in seiner Dissertation "Der Begriff des Fake" (1998) mit einer interessanten Definition auf: "Der englische Begriff ‚fake’ bedeutet im Deutschen ‚Fälschung’, umfasst aber auch ‚Verschleierung’, ‚Heucheln’ oder ‚Vortäuschen’ und ‚Erfinden’. Vor allem aber meint er nicht nur das kopierte Werk, sondern den gesamten institutionellen Prozess des Fälschens."

Römer schlägt eine künstlerische Strategie vor, die sich a priori selbst als Fälschung bezeichnet, weshalb die juristisch verfolgte Täuschungsabsicht mit Betrugsvorsatz für den Fake weitgehend irrelevant sei. "Mit Fake wird ein Begriff entworfen, der entgegen seiner konventionellen Verwendung im Englischen die Strategie umreißt, auf den eigenen Doppelstatus aufmerksam zu machen, gleichzeitig der Kategorie des ‚originalen Kunstwerks’ als auch der der ‚Fälschung’ zu entsprechen." Wer von Fälschungen redet, versucht, "einen den Moralvorstellungen entsprechenden Wahrheitsanspruch als Kriterium der Echtheit zu entwerfen".

Der Fake ist davon entlastet, weil er sein Wesen nicht kaschieren muss. Fake News kommen im Gewand des Artikels daher, die zwar nicht korrekt die Wirklichkeit abbilden, den Rezipienten aber nicht über den Inhalt täuschen. Der Leser will diese Storys ja lesen. Insofern sind Fake News mehr ein Problem der Rezeption als der Produktion.

"Die gegenwärtige Konjunktur eines neuen Fälschungsbegriffs meint ein Falsches, das innerhalb einer bestimmten sozialen Gruppe als falsch verstanden wird, ohne dass ihm ein etwaiges Original gegenübergestellt würde, weil man sich der Vermitteltheit und deshalb der Scheinhaftigkeit bewusst ist", schreibt Römer. "Scheinbar paradoxerweise wird es trotzdem als ‚fake’ bezeichnet."

Die Clickworker in der mazedonischen Kleinstadt Veles, die das Netz mit Falschnachrichten fluteten, sind denn auch keine Beltrachis, sondern Handwerker, die Billigprodukte entwerfen - so wie die Produzenten von Fake Accounts, die in Klickfarmen Facebook-Likes in die Höhe schrauben. Die Fake-Produzenten unterscheiden sich vom Fälscher dadurch, dass sie schon von Beginn an die inadäquaten Begriffe von Original, Authentizität und Autorenschaft relativieren. Spätestens ab dem Moment, in dem in einem Museum bewusst Fälschungen ausgestellt oder Fake News prominent im Facebook Newsfeed platziert bzw. ausgestellt werden und ihnen somit eine gewisse institutionelle Funktion zugesichert wird, wird die Fälschung bzw. der Fake ein Stück weit legitimiert.

Fake-News-Seiten erinnern mit ihrer korporativen Ästhetik an das Kunstprojekt "Ingold Airlines" des Schweizer Kunstprofessors Res Ingold: eine Fluggesellschaft, die es gar nicht gibt. Ingold Airlines verwendete Begriffe wie "CATSE" (für "Catalogue-service") oder "LIFTAX" (für den Shuttle-Bus zum Abflugort), womit die in den 1980er Jahren entwickelte Werbe- und Marketingsprache persifliert wurde. Ingold Airlines ist eine Luftnummer, die Flüge sind imaginiert.

"Insofern entspricht der künstlerischen Taktik von Ingold Airlines die Täuschung, wie eine echte Fluggesellschaft zu erscheinen, sich jedoch einer konventionellen Produktion und Dienstleistung zu verweigern: eine Fälschung ohne Original, denn es gibt kein exaktes Vor-Bild, das in betrügerischer Absicht gefälscht würde", konstatiert Römer in seiner Dissertation. Und so wie Ingold Airlines mittels ästhetischer Strategien eine fiktive Gruppenidentität entwirft, kreieren Fake-News-Seiten mit konstruierten Narrativen eine Scheinzugehörigkeit zu einem medialen Ökosystem. Es wird so getan, als ob.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-10 13:08:05
Letzte ─nderung am 2017-03-10 13:46:44



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