• vom 18.03.2017, 16:00 Uhr

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Philosophie

Soziologie der Ekstase




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Von Nikolaus Halmer

  • Seit Jahrzehnten arbeitet der französische Soziologe Michel Maffesoli an einer Theorie des Dionysischen. Porträt eines Wissenschafters, der die Zweckrationalität der Moderne ablehnt.



Professor Michel Maffesoli in seiner Pariser Wohnung.

Professor Michel Maffesoli in seiner Pariser Wohnung.© Maffesoli Professor Michel Maffesoli in seiner Pariser Wohnung.© Maffesoli

Michel Maffesoli gilt als Enfant terrible der französischen Soziologie. Sein Forschungsgebiet bezieht gesellschaftliche Randzonen mit ein, die von der universitären Soziologe sonst kaum betreten werden. Für ihn zählen konkrete Intensitätserlebnisse, die er bei Rave Parties, in Diskotheken oder bei Demonstrationen macht. Gegen die "Entzauberung der Welt", die vom Rationalismus betrieben wurde, verfolgt Maffesoli das Projekt einer "Wiederverzauberung der Welt", die "sich am Rhythmus des postmodernen Alltagslebens" orientiert.

Muss man sich Maffesoli als einen Adepten des Dionysos vorstellen, als einen hemmungslosen Apologeten des entfesselten Rausches, der sich mit Hip Hop und Heavy Metal eindröhnt, um so eine Vibrationsästhetik zu entfalten? Ein Besuch bei dem Soziologen im Quartier Latin - dem legendären Existenzialisten-Viertel - vermittelt einen gänzlich anderen Eindruck: Den Besucher erwartet ein elegant gekleideter, älterer Professor im farblich abgestimmten Anzug mit der obligaten Fliege. Man wird in die mit Büchern überfrachtete, weiträumige Wohnung gebeten, wo bereits die Ehefrau des Philosophen, Hélène Strohl, ein Glas Wein bereit gestellt hat.

Information

Nikolaus Halmer, geboren 1958, ist Mitarbeiter der Wissenschaftsredaktion des ORF.

Das Gespräch verläuft in einer betont freundlichen Weise, in dem jene Empathie zu bemerken ist, mit der sich der Soziologe den Themen und Objekten seiner Forschungen widmet. Geduldig beantwortet Maffesoli, assistiert von seiner Frau, mit der er mehrere Pamphlete gegen den herrschenden Zeitgeist der Nivellierung verfasst hat, die Fragen, die seine Arbeit betreffen. Im Wesentlichen sind dies Themen wie das Dionysische und die Tribalisierung, die er immer weiter überdenkt und neu arrangiert, ähnlich einem Legospiel, das immer neue Kombinationen ermöglicht.

Schöpferisches Leben

Für Maffesoli ist die Fixierung auf den wissenschaftlichen Rationalismus, wie er zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgte, eine Fehlentwicklung der Soziologie. In der Nachfolge von Friedrich Nietzsche, Georg Simmel und Henri Bergson beruft sich Maffesoli auf den gesamten schöpferischen Prozess des Lebens, auf eine Tradition des Vitalismus, die von "seriösen" akademischen Philosophen und Soziologen mit größtem Misstrauen zur Kenntnis genommen wird.

Maffesoli betont, dass sich das Leben durch eine fortwährende Veränderung der Perspektiven und die Singularität der Phänomene auszeichnet. Er folgt dabei dem griechischen Philosophen Heraklit: "Alles ist im Fluss"; das Leben in seiner schöpferischen Aktivität sei durch den Verstand nicht fassbar; der sei viel zu unbeweglich, konstatiert Maffesoli, um das Dynamische des Lebens zu erfassen. Der Soziologe habe nun die Aufgabe, sich aus der bereits von Nietzsche beklagten "Mumifizierung durch Begriffe", die die wissenschaftliche Arbeit mit sich bringe, zu befreien, um in den schöpferischen Prozess des Lebens "einzutauchen". "Denn genau um das Leben geht es, widerspenstig und teilweise anomisch. Eine Vitalität, die den meisten Scholastikern entkommt und das ästhetische und tragische Grundgefühl der Existenz aufbauscht".

Michel Maffesoli wurde am 14. November 1944 als Sohn einer Bergarbeiterfamilie in den Cevennen geboren. Hier erlebte er noch den mühevollen Alltag der Bergleute, aber auch das gemeinsame Feiern von Festen, das für seine theoretische Arbeit eine zentrale Bedeutung erlangte. Nach dem Besuch des Gymnasiums studierte er Philosophie und Soziologie in Straßburg, wo er die Exponenten der Situationistischen Internationale kennenlernte. Diese undogmatische anarchomarxistische Gruppe wurde von Guy Debord geleitet und übte einen großen theoretischen Einfluss auf die Protagonisten der Pariser Mai-Revolte von 1968 aus.

Nach seiner Promotion lehrte Maffesoli an der Université Pierre Mendès Frances in Grenoble. Danach kehrte er an die Universität Straßburg zurück und erhielt kurz darauf den renommierten Lehrstuhl für Soziologie an der Pariser Sorbonne. Gleichzeitig leitete er das "Centre sur l’Imaginaire" an der Maison des Sciences de l’Homme und gründete das "Centre d’Études sur l’Actuel et le Quotidien" in Paris.

In seinem gesamten Werk attackiert Maffesoli das Nützlichkeitsdenken und den Produktivitätswahn der klassischen kapitalistischen Ökonomie. Sie kenne nur - so lautet der Vorwurf - den Erhalt und die Ausweitung des vorhandenen Reichtums und einen gemäßigten, kontrollierten Verbrauch. Diesem "produktiven Verbrauch", der zur Erhaltung des Lebens notwendig ist, stellt Maffesoli den hemmungslosen Orgiasmus dionysischer Erfahrungen gegenüber, wie sie sich in karnevalesken Umzügen, in Festen, in der kollektiven Fußballbegeisterung, im Alkohol- oder Haschischrausch, in der Trance eines exzessiven Musikerlebens oder im sexuellen Orgasmus manifestieren. In diesen Erlebnissen erfolgt eine Grenzüberschreitung: "Das Subjekt auf dem Siedepunkt" erlebt den Zustand der Ekstase, der mit dem Verlust des "sozio-kulturellen Selbst" verbunden ist.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-17 12:09:05
Letzte ńnderung am 2017-03-17 13:07:18



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