• vom 06.04.2017, 18:31 Uhr

Vermessungen

Update: 06.04.2017, 18:38 Uhr

Soziologie

Dialektiker vom Dienst




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Gerald Schmickl

  • Leitwissenschaft oder überflüssig? - Die Soziologie auf der Suche nach ihrer gegenwärtigen Relevanz.

Soziologie sollte eingefahrene Denkmuster hinterfragen, scheinbar Feststehendes auflösen und mehr auf Ernüchterung denn auf Verheißung setzen. - © fotolia/WZ-Montage

Soziologie sollte eingefahrene Denkmuster hinterfragen, scheinbar Feststehendes auflösen und mehr auf Ernüchterung denn auf Verheißung setzen. © fotolia/WZ-Montage

Spezialist für griffige Metaphern und Stimmungslagen: Soziologe Heinz Bude.

Spezialist für griffige Metaphern und Stimmungslagen: Soziologe Heinz Bude.© dpa Spezialist für griffige Metaphern und Stimmungslagen: Soziologe Heinz Bude.© dpa

"Die Soziologie beschützt den Soziologen vor jedem Kontakt mit der Wirklichkeit", schrieb der kolumbianische Denker Nicólas Gómez Dávila (1913-1994). Das klingt paradox, da sich die Soziologie ja ausdrücklich als Wirklichkeitswissenschaft versteht, und doch bringt dieses boshafte Aperçu etwas (Zu-)Treffendes zum Ausdruck, wenn man an die komplexen Methoden und verschleiernden Jargons denkt, mittels derer sich Soziologen mitunter die (soziale) Wirklichkeit buchstäblich vom Leibe halten.

Nichtsdestotrotz macht die Soziologie, um die es in den letzten zwanzig Jahren ruhiger geworden war, neuerdings wieder vermehrt auf sich aufmerksam. Auf dem letztjährigen Deutschen Soziologiekongress in Bamberg meldete die geisteswissenschaftliche Disziplin sogar Führungsansprüche an: Sie könne und wolle in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche wieder Leitwissenschaft sein!

Werbung

Das klang vor zwanzig Jahren, 1996, deutlich anders, als etwa der renommierte deutsche Soziologe Ralf Dahrendorf konstatierte, dass es keineswegs mehr aufregend sei, Soziologe zu sein, weil längst andere Disziplinen den Ton angeben.



Das Versagen von einigen dieser aufstrebenden Fachrichtungen, vor allem der Ökonomie, welche die Wirtschaftskrise weder vorhergesehen noch begreifbar machen konnte, steigerte mittlerweile das Selbstbewusstsein der Sozialerklärer, die sich nun anmaßen, das unübersichtliche Gelände besser überblicken zu können und an Themen wie Arbeitsmarkt, Sozialsysteme, Migration und Geschlechter näher dran zu sein. In den USA läuft gerade ein Debatte über die ungerechtfertigte Ungleichverteilung von Ökonomen (viele) und Soziologen (wenige) in den Stäben von Politikern und ThinkTanks.

Griffige Metaphern
Zu diesem Behufe muss sich die Soziologie allerdings verständlich machen. Daher hat sie im Rahmen besagten Kongresses in Bamberg auch einen "Preis für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der öffentlichen Wirksamkeit der Soziologie" verliehen - und zwar zurecht an den Kasseler Soziologen Heinz Bude. Der machte in seiner Dankesrede klar, worum es geht: "Wir müssen mit griffigen Metaphern Geschichten erzählen, die in größere Rahmen eingepasst sind. Die Leute wissen dann, dass es dahinter noch eine Begründungsdimension gibt."

Das "dahinter" ist wichtig, denn allzu leicht verfangen sich Soziologen sonst in oberflächlichen Erklärungsmustern, die sowieso schon von den darin eingeübten Instanzen der Selbstbeschreibung, vor allem Journalisten und Politikern, heruntergebetet werden. Diese Gefahr droht vor allem dann, wenn Soziologen - als Ausgleich zu ihrem Image als Überkomplexitäts-Experten - allzu verständlich erscheinen wollen. Dann geben sie Kommentare ab, die sich von den Stereotypen und wiedergekäuten Ideologien des Zeitgeistes kaum bis gar nicht unterscheiden.

Der Schriftsteller Botho Strauß hat dieses Dilemma kürzlich in einem "Zeit"-Essay gewohnt polemisch-vertrackt auf den Punkt gebracht, als er den aufs Gegenwärtige übertrieben versessenen (und über die Soziologie hinausreichenden) Intellektuellen vorwarf, dass ihre Äußerungen alle an der gleichen Schwäche leiden: "Sie sagen nichts als das Naheliegende. Gute Reflexion entfernt indessen ihren Gegenstand, bis er sich etwas befremdlich und damit vielleicht erkenntnisergiebiger ausnimmt als im aufgegriffenen Zustand."

Für die Soziologie heißt das - wenn überhaupt etwas -, dass sie zuvorderst eingefahrene Denkmuster zu hinterfragen, scheinbar Feststehendes aufzulösen und mehr auf Ernüchterung denn auf Verheißung zu setzen hat.

Von der Zähigkeit verfestigter (Vor-)Urteile wusste niemand besser - und auch niemand besser dagegen anzuschreiben - als der deutsche Soziologe Karl Otto Hondrich (1937-2007): "Eher allerdings geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass eine beliebte Alltagstheorie sich vom empirischen Augenschein oder logischen Argumenten Lügen strafen ließe."

Lernen aus Folgen
Trotz dieser Erfahrung ließ Hondrich nicht locker und argumentierte in Essays und Aufsätzen luzide und stets überzeugend nachvollziehbar gegen eingefahrene Wahrnehmungsweisen an - und überraschte immer wieder damit, dass viele Probleme, die im Zen-trum öffentlichen Interesses stehen, entweder gar nicht existieren oder längst gelöst sind (wie etwa der Geburtenrückgang). Und dass wir, also Gesellschaften als Wir-Kollektive, nicht aus Vorsätzen lernen, sondern aus Folgen.

Diese Erkenntnis war schon Ausgangspunkt und Basis von "Risikogesellschaft" (1986), dem bekanntesten Buch des - am Neujahrstag 2015 verstorbenen - deutschen Soziologen Ulrich Beck. Er zeigte darin, dass der Kapitalismus und die naturwissenschaftliche Forschung Situationen schaffen, in der unbeabsichtigte Nebenfolgen den Gang stärker bestimmen als bewusstes Vorgehen.

In dem postum, von seiner Frau (Elisabeth Beck-Gernsheim) und Kollegen vollendeten, nunmehr auf Deutsch erschienenen Buch "Die Metamorphosen der Welt" wird dieser Gedanke nochmals in gegenwärtiger kosmopolitischer Perspektive durchgespielt. Auch beim Klimawandel, bei der Migration oder der Fortpflanzung (wenn sie biologisch "erweitert" wird, etwa durch "Samenspender", "Leihmütter" etc.) kommt es zu Veränderungen, Metamorphosen, die durch Nichtbeabsichtigung und Nicht-Wissen herbeigeführt werden, und die mit herkömmlichen Denkweisen oft nicht zu erfassen sind.

weiterlesen auf Seite 2 von 3




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-06 18:36:07
Letzte ─nderung am 2017-04-06 18:38:23



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Toter Oktober
  2. "Heimat ist ein gefährlicher Begriff"
  3. Zwischen Schuld und Tapferkeit
Meistkommentiert
  1. "Heimat ist ein gefährlicher Begriff"

Werbung



Schlagwörter



Werbung


Werbung