• vom 08.04.2017, 17:00 Uhr

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Korruption

Dankesbezeigende Beziehungen




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Von Peter D. Forgács

  • Jenseits aller moralischen Grundsätze zeigt ein soziologischer Blick, dass Korruption auch ihre positiven Seiten haben kann - vor allem in der öffentlichen Verwaltung.




© Jugoslav Vlahovic © Jugoslav Vlahovic

Über Korruption lässt sich nicht mit den Grundsätzen der Moral richten. Ein vielsagendes Beispiel hierfür ist Oskar Schindler - bekannt aus dem Film von Steven Spielberg. Schindler war ein hochdekorierter Geheimdienstoffizier der Wehrmacht. Er hat sechs Jahre lang hindurch seine Schützlinge, zum Schluss waren es 1200 Juden, durch Bestechung der KZ-Kommandanten und NSDAP-Funktionäre gerettet. Gibt es demnach eine gute und eine schlechte Korruption? - Nein, Korruption ist kein ästhetischer und auch kein philosophischer Begriff. Und wenn die Letztbegründung gegen Korruption die Moral ist, dann ist die Korruptionsbekämpfung den politischen Turbulenzen ausgeliefert.

Ein anderer Zugang ist der soziologische, und so ist entgegen der bürgerlichen Moral, des proletarischen Selbstbewusstseins und des gesunden Volkszorns festzuhalten, dass die Korruption in der öffentlichen Verwaltung durchaus auch ihre positiven Seiten hat.

Information

Peter D.Forgács, geboren 1959 in Budapest, ist Hungarologe, Musikwissenschafter und Soziologe (Universität Wien). Er lebt in Wien und ist u.a. als freiberuflicher Sozialwissenschafter tätig. 2016 ist
sein Buch "Der ausgelieferte Beamte - Über das Wesen der öffentlichen Verwaltung" bei Böhlau erschienen.

Die Beziehungen der Beschäftigten der öffentlichen Verwaltung basieren auf dem Don-Corleone-Prinzip, wie das Horst Bo-
setzky beschrieb. Der Beamte sichert seine aus vielerlei Hinsicht abhängige und ausgelieferte Existenz ab und erwirbt seinen Einfluss, indem er unentwegt Gefälligkeiten erweist und damit viele verpflichtet. Ganz nach Mario Puzos Roman "Der Pate", wo Don Corleone die Wohltaten so hortet, wie ein Spekulant Aktien.

Don-Corleone-Prinzip

In kontinentalen Ländern (wie Deutschland, Frankreich, Österreich oder Ungarn) sind die dankesbezeigenden Beziehungen sogar ein tragendes Wesensmerkmal der öffentlichen Verwaltung. Sie werden nicht nur für Eigeninteressen eingesetzt, sondern auch im Interesse der arbeitgebenden Institution. Das Don-Corleone-Prinzip ist also auch im Sinne der Effizienz und Effektivität von Nutzen. Nicht schwarze Schafe sind am Werk, sondern das Grundwesen der Bürokratie.

Auch darüber ist nicht moralisch zu richten, denn die Alternative ist das kafkaeske, rigorose Vorschriftshandeln. Das ist zwar frei von Korruption, aber der Einzelne hat keine Chance mehr, die Phalanx der Bürokratie zu durchbrechen. Er bleibt aus dem "Schloss" für immer ausgesperrt. Das individuelle Beziehungssystem macht die entmenschlichte Bürokratie menschlich und lebbar. Von dankesbezeigenden Gefälligkeiten zur Kleinkorruption ist es nur ein kleiner Schritt.

Warum sind die dankesbezeigenden Gefälligkeiten und die Kleinkorruption human? Weil es dadurch für Einzelne sowie für Klein- und Mittelunternehmen möglich wird, ihre Interessen rentabel durchzusetzen, sie sind auf diese angewiesen. In einem modernen bürokratischen Staat kann sich der Großteil der Bevölkerung de jure kaum Geltung verschaffen, er bekommt aber durch Beziehungen und durch Kleinkorruption die Möglichkeit, de facto Gnade zu genießen.

Die Erosion des politischen Establishments wird von Korruption begleitet, aber - und darin hat sich Machiavelli geirrt - sie wird nicht von ihr verursacht. Machtzersetzung entsteht nämlich erst, wenn sich die öffentliche Verwaltung von der politischen Macht abwendet, wenn also die Beamten mit einer besonderen Mentalität dagegen aufbegehren. Diese Mentalität kann man mit dem schönen Ausdruck "Fortwursteln" bezeichnen (auch Inkrementalismus genannt). Das Fortwursteln ist dann vorherrschend, wenn das Personal der öffentlichen Verwaltung seiner Perspektiven verlustig geht. Dann entsteht nämlich eine Art passive Résistance, welche nicht organisiert, sondern individuell (trotzdem allgemein und einheitlich) wirksam wird.

Diese Mentalität federt die hektische und wankelmütige Vorgehensweise der Politik ab, alsbald sie verzweifelt um ihren Machterhalt bemüht ist. Die Institutionen der öffentlichen Verwaltung verlangen ihren Beschäftigten eine ritualisierte und formalisierte Handlungsart ab. Dabei entsteht eine einheitliche Mentalität, welche aber nur zum Schein der politischen Ideologie entspricht, real hat sie das Aufrechterhalten der Institution zum Ziel. Sie handelt einerseits informell der Politik zuwider, andererseits ist sie für Außenstehende uneinsehbar und unverständlich. Der allgemeine passive Widerstand und die individuelle Devianz (= abweichendes Verhalten) gehen also Hand in Hand. Eine Ausprägung der Devianz ist die Korruption.

Kleptokratische Macht

Neue politische Aspiranten verwenden immer den Vorwurf der Korruption, damit beanspruchen sie für sich eine moralische Obrigkeit, wie Donald Trump in seiner Wahlkampagne. Gelingt die Machtübernahme, dann - und es ist immer so - ist die neue Herrschaft bestrebt, ihre Gefolgschaft reichlich zu belohnen, um neue Machtstrukturen etablieren zu können, wodurch sich Korruption erst recht verbreitet. Nicht selten entsteht eine kleptokratische Staatsmacht, welche mit vollem Löffel aus dem staatlichen Vermögen schöpft. So war das nach der Ostöffnung in den COMECON-Ländern - und so war das auch in Österreich nach der schwarz-blauen Wende im Jahr 2000.

Oft ist Korruption auch von Staats wegen notwendig: Wenn der Staat in einzelnen Berufssegmenten versagt, wie beispielsweise seit 1989 bei der medizinischen Versorgung in Ungarn oder bei der öffentlichen Sicherheit in Bulgarien, kann Kleinkorruption systemerhaltend sein. Einzelne Sparten der Verwaltung werden dadurch aufrechterhalten, dass die Beschäftigten der öffentlichen Verwaltung in ihrer Korrumpierbarkeit kaum eingeschränkt werden. Bei einer etwaigen radikalen Korruptionsbekämpfung entsteht eine Art Ohnmacht, ein grenzenloses Ausgeliefertsein des Einzelnen gegenüber der staatlichen Willkür, der illegalen Gewalt und den persönlichen Schicksalsschlägen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-07 13:33:05
Letzte Änderung am 2017-04-07 13:49:30



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