• vom 08.04.2017, 15:00 Uhr

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Gesellschaft

Die einfache Welt der zwei Lager




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Von Karl Kollmann

  • Materialisten versus Post-Materialisten, Hyperkultur versus Kulturessentialismus: Es gibt viele Etiketten, mit denen die beiden gegenwärtig bestimmenden Subkulturen belegt werden. Eine Bestandsaufnahme.



Wie weit driften sie noch auseinander?

Wie weit driften sie noch auseinander?© WIener Zeitung Wie weit driften sie noch auseinander?© WIener Zeitung

Heute wird oft von zwei politischen Lagern in Österreich gesprochen, die sich polarisiert gegenüber stehen. Das wird aus Themen hergeleitet, die für erheblichen Wirbel gesorgt haben: vor allem die schon ältere sexuelle Individualisierung bzw. das Genderthema, und mittlerweile natürlich die Flüchtlingsfrage. Aber, es sind nicht politische Lager, sondern weit umfassender zwei Kulturen, genauer: zwei große Subkulturen, die sich langsam entwickelt haben und heute kollidieren.

Die antiautoritäre Studentenbewegung, welche in den 1960er Jahren entstand (die "68er"), wollte anders leben und denken als die Mehrheit, die in den Wirtschaftswunderjahren zu etwas Wohlstand gekommen war. Für sie gab es zwei Schwerpunkte: einerseits das Bestreben, politisch einen echten Sozialismus (anders als im Kommunismus) herzustellen; andererseits die Befreiung des Einzelnen aus alten konservativen, autoritären und konsumgesellschaftlichen Zwängen kulturell voranzutreiben.

Information

Karl Kollmann ist promovierter Soziologe und habilitierter Ökonom, Schwerpunkt Verbraucherforschung, und war viele Jahre in der österreichischen und europäischen Verbraucherpolitik tätig.

Kultureller Aufbruch

Während der politische Teil der Bewegung sich selbst zerfleischte und rasch vom politischen und medialen Establishment aufgerieben wurde, gelang das, was man kulturelle, vor allem: sexuelle Befreiung nannte, mit den Jahren halbwegs. Dieser Aufbruch aus traditionellen Moralvorstellungen wurde mit neuer subtiler Kapitalismuskritik ergänzt: Konsumenten- und Umweltschutz konnten sich ebenso etablieren wie Atomwaffen- und Atomkraftskepsis, die Friedensbewegung (Vietnam) und eine Art von postmaterialistischem Denken.

Inspiriert von der US-amerikanischen Alternativbewegung und ihren Ablegern in Europa, entwickelte Ronald Inglehart (Universität Michigan) seine Postmaterialismusthese in den 1970er Jahren. Vereinfacht besagt sie, mit steigendem Reichtum einer Gesellschaft wendet sich diese langsam von materiellen Zielen ab, während postmaterielle Werte zunehmend wichtiger werden.

Mit dem Wohlstand kommt das Interesse an nichtmateriellen Ideen, Werten und Lebensweisen auf. Allerdings hatte Inglehart dabei die Faszination der Konsummöglichkeiten übersehen: Man kann bei steigendem Einkommen zwar nicht doppelt so viel essen, aber doppelt so groß wohnen, sich mehrere Fernseher in die Wohnung stellen, zwei Autos besitzen und jährlich rund um die Welt fliegen; das zu verkennen war ein struktureller Fehler der These. Dass sie relativ grob und unscharf ist, bleibt - wie bei vielen sozialwissenschaftlichen Begriffen - hingegen verzeihlich.

Was ist Postmaterialismus konkret? Postmaterialistische Werte umfassen: Selbstverwirklichung, freie Meinungsäußerung, Verbesserung der Umwelt, soziale Solidarität und Anerkennung jenseits materieller Güter, mehr Einfluss der Bürger und Mitbestimmung, Gleichheit aller, Konsensorientierung, eine freundliche, offene und tolerante Gesellschaft.

Materialistische Werte sind demgegenüber das Bedürfnis nach Sicherheit, Landesverteidigung, Katastrophenschutz, Verbrechensbekämpfung, Ruhe und Ordnung im gesellschaftlichen Umfeld, Risikovorsorge, eine gute Versorgungslage, Stabilität und Wachstum der Wirtschaft sowie der Einkommen und geringe Preissteigerungen.

Medien und Bildungseinrichtungen griffen postmaterialistische Werte begierig auf und sorgten für deren breite Streuung in viele gesellschaftliche Subkulturen. Das neue "Links" war postmaterialistisch - und diese Postmaterialisten wurden später Lehrer, Journalisten, Beamte, Mitarbeiter im Kulturbetrieb und in politischen Parteien. Sie waren Urheber und Mitglieder vieler NGOs und Bürgerinitiativen. Grüne Parteien entstanden, feministische Gruppen, Menschenrechtsorganisationen und kritische Tierschutzvereine. Gerechtigkeit, Gleichheit, Anerkennung, besser noch Förderung von Minderheiten und Diversität, ebenso wie Multikulturalität standen auf der Prioritätenliste ganz oben.

Besonders erfolgreich waren die Postmaterialisten bei Umweltthemen, bei denen sie die traditionellen Parteien thematisch vor sich hertrieben.

Erziehung statt Gene

Etwa ein Drittel der Österreicher besteht heute aus Postmaterialisten (harter Kern 10 Prozent), zwei Drittel aus Materialisten (harter Kern 35 Prozent). Postmaterialistische Eltern erziehen und versorgen ihre Kinder natürlich nach den neueren Vorstellungen: Sie gehen in alternative Schulen, werden mit Homöopathie statt technischer Medizin (trotz aller Technikfreundlichkeit) behandelt, und Esoterik spielt dabei auch eine immer größere Rolle.

Das Kind rückt dabei immer mehr in den Mittelpunkt. Ihm sollen die Fehler einer "Dressur zum autoritätshörigen Knecht" erspart bleiben. Tolerante statt repressive Eltern sind angesagt - und: Der kleine Mensch gilt als prinzipiell gut, wie im Grunde alle Menschen (nach dem Vorbild Rousseau). Insgesamt kommt es auf Erziehung statt auf Gene an, ebenso wie das Geschlecht als sozial konstruiert gilt. Aus all diesen Vorgaben entwickelten sich langsam die heutigen Mittelschicht-"Helikopter-Eltern", und mit ihnen die selbstbezogenen, narzisstischen "Generationen Y und Z" gegenwärtiger Twens.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-07 13:36:04
Letzte ─nderung am 2017-04-07 13:51:10



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