• vom 17.04.2017, 09:30 Uhr

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Update: 17.04.2017, 09:53 Uhr

Kulturgeschichte

Hexenzauber am "Muttergebürg"




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Von Günter Spreitzhofer

  • Dank Goethes "Faust" und der Walpurgisnacht lockt höllisches Treiben Ende April Tausende Besucher auf den Brocken im Harz.



Wirkt im Alltag wenig verhext: Der Brocken, die 1141 Meter hoch gelegene Kuppe im Harz, mit Sendemasten, Brockenherberge (links) und Brockenmuseum (rechts).

Wirkt im Alltag wenig verhext: Der Brocken, die 1141 Meter hoch gelegene Kuppe im Harz, mit Sendemasten, Brockenherberge (links) und Brockenmuseum (rechts).© Spreitzhofer Wirkt im Alltag wenig verhext: Der Brocken, die 1141 Meter hoch gelegene Kuppe im Harz, mit Sendemasten, Brockenherberge (links) und Brockenmuseum (rechts).© Spreitzhofer

Der Harz ist das höchste Gebirge Norddeutschlands, 110 km lang und 30 km breit. Sein höchster Punkt, die baumlose Brockenkuppe, blickt bis weit über Pommern hinaus. Besonders hoch ist er nicht, nicht einmal für Wiener Verhältnisse. Doch 1141 Meter können bedrohlich genug sein, wenn der Westwind pfeift und dunkle Nebel die Hänge hinauf zum sagenumwobenen Gipfelplateau wabern, das bis zum Ende der DDR militärisches Sperrgebiet war.

An der Grenze von Niedersachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt ist die Zeit schon öfter stillgestanden. Richtig spukgefährlich war es nie dort oben, wo Wanderfaule heute auch mühsam mit der Pferdekutsche oder bequem mit der Brockenbahn anreisen können - im Dampflok-Linienverkehr von vielen Orten rundum, der vielleicht auch die Romantiker Novalis, Ernst Schulze und Heinrich Heine begeistert hätte, dessen "Harzreise" in die Weltliteratur Eingang fand. Der Harz galt der Romantik als heimatliche Sehnsuchtslandschaft - das "Muttergebürg, welchem die andere Schar wie das Laub entspross" (Novalis), ebenso ursprünglich wie sagenumwoben. Und das wiederum verdankt der Bergzug Goethe, niemandem sonst, auch wenn der Harz schon länger davor Geschichte schrieb.

Der Harzgau selbst, in einer Urkunde von Kaiser Ludwig dem Frommen aus dem Jahre 814 in der hochdeutschen Form Hartingowe genannt, wurde - den Jahrbüchern von Fulda zum Jahre 852 zufolge - von den Haruden bewohnt. Aus Harud wurde Hard (Hart, Harz), was Wald (Waldgebirge) bedeutet. Karl der Große erklärte den Harz zum "Reichsbannwald".

In der letzten Aprilnacht ist im Harz der Teufel los, wenn Hexen und Hexeriche auf tausende Ausflügler stoßen . . .

In der letzten Aprilnacht ist im Harz der Teufel los, wenn Hexen und Hexeriche auf tausende Ausflügler stoßen . . .© Spreitzhofer In der letzten Aprilnacht ist im Harz der Teufel los, wenn Hexen und Hexeriche auf tausende Ausflügler stoßen . . .© Spreitzhofer

Der "Sachsenspiegel", das älteste deutsche Rechtsbuch, schrieb den Reichsbann um 1220 später fest: Wer durch den Harzwald ritt, der hatte Bogen und Armbrust zu entspannen und die Hunde anzuleinen - nur gekrönte Häupter durften hier jagen, "wo den wilden Tieren Schutz in des Königs Bannforsten gewährt wird." Von freiem Zutritt in den Harz konnte über Jahrhunderte keine Rede sein, lange bevor Stasi-Spitzel bis in die 1980er Jahre jeden im Grenzbereich zum Westen unter Generalverdacht stellten.

Für ewig hielt dieser Bann allerdings nicht. Bergbau und Wasserwirtschaft, zunehmende Besiedlung und Rodungen, Vieheintrieb, Landwirtschaft und später der beginnende Fremdenverkehr untergruben den kaiserlichen Schutz. Vom 12. bis zum Ende des 14. Jahrhunderts prägte das Zisterzienserkloster Walkenried große Teile des Harzes und steuerte, neben Ackerbau und Fischzucht, auch den Silberbergbau im Oberharz und in Goslar.

1588 veröffentlichte Johannes Thal mit der "Silva Hercynia" die welterste Regionalflora und beschrieb die floristischen Besonderheiten des Mittelgebirges, die die schwedischen Söldner im Dreißigjährigen Krieg (1618- 1648) jedoch wenig beeindruckte: Große Teile des Harzes wurden verwüstetet und entvölkert, raue Gesellen durchstreiften die deutschen Wälder.

1668 erließ Rudolf August, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, eine erste Schutzverordnung für Höhlen: Dort dürfe nichts verdorben oder vernichtet, auch kein fremdes loses Gesindel unangemeldet hineingelassen werden - das Geburtsjahr des klassischen, konservierenden Naturschutzes im Harz. 1707 verbot eine Verordnung des Grafen Ernst zu Stolberg den Brockenführern, Fremde oder Einheimische ohne besondere Erlaubnis auf den Brocken zu führen. Sogar das Feuermachen wurde untersagt.

Verhext noch mal: Als Dichterfürst Goethe den Brocken bestieg, war das noch ein gefährliches Abenteuer. Doch bald kam das Brockenwandern in Mode. Schon 1800 konnte Brockenwirt Gerlach in seinem Gasthaus 1000 Gäste begrüßen. Eine Zahl, über die dortige Bürgermeister angesichts tausender Hexen in einer einzigen Nacht nur zufrieden schmunzeln können. "Man tanzt, man schwatzt, man trinkt, man liebt; nun sag’ mir, wo’s was Bessres gibt", fragte Mephisto Goethes Faust auf dem Blocksberg. Spätestens seit der Dichter den Hauptsitz der Walpurgisnacht auf den Brocken verlegte, locken Hexenkult und höllisches Treiben Ende April alljährlich Tausende Besucher in den Harz.

Johann Wolfgang von Goethe war als junger Mann mehrmals da und ließ seine Beobachtungen der Gesteine am Brocken in seine geologischen Forschungen einfließen (siehe Goethe: "Dichtung und Wahrheit"). Er muss ziemlich allein gewesen sein, denn für das Jahr 1779 sind etwa nur 421 Wanderer belegt: "So einsam, sage ich zu mir selber, indem ich diesen Gipfel hinabsehe, wird es dem Menschen zumute, der nur den ältesten, ersten, tiefsten Gefühlen der Wahrheit seine Seele öffnen will."

Von völlig unberührten Naturlandschaften, mit Hochmooren, Heidelbeeren und Wildkatzen, kann zumindest ganz oben keine Rede mehr sein: Mittlerweile wollen jährlich über eine Million Touristen mitteldeutsche Höhenluft schnuppern, sich brockenweise Harzer Schmorwurst mit Braunkohl und Bockbier einverleiben, und den Brockengarten besuchen - eine einzigartige Sammlung von 1600 Hochgebirgspflanzen, die seit 1890 unter Nationalparkverwaltung steht.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-14 16:03:07
Letzte nderung am 2017-04-17 09:53:28



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