• vom 15.04.2017, 12:00 Uhr

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Stadtgeschichte

"Auge und Ohr" Deutschlands




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Von Jeannette Villachica

  • Nürnberg wurde 1525 die erste evangelische deutsche Stadt von Rang. Damit kam der "Boomtown" des Spätmittelalters eine Vorreiterrolle zu. - Eine Spurensuche.



Blick von der Aussichtsplattform der Kaiserburg auf die Altstadt Nürnbergs.

Blick von der Aussichtsplattform der Kaiserburg auf die Altstadt Nürnbergs.© Villachica Blick von der Aussichtsplattform der Kaiserburg auf die Altstadt Nürnbergs.© Villachica

An diesem Frühlingsmorgen ist es noch sehr ruhig rund um eine der Hauptattraktionen der Nürnberger Altstadt: Zwischen Hauptmarkt, Rathaus, Dürerhaus und Kaiserburg liegt die spätromanische Sebalduskirche inmitten mittelalterlicher Gebäude. Dass ein Großteil der Patrizierhäuser wie auch St. Sebald, die älteste Pfarrkirche der Stadt, und fast die gesamte Altstadt im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde, sieht man den idyllischen Straßenzügen hier am Burgberg nicht an.

In Nürnberg wurde nach 1945 innerhalb des Stadtrings viel vom historischen Erbe wiederaufgebaut; es fällt leicht, auf den Spuren des Spätmittelalters zu wandeln. Und es gibt einiges zu sehen, denn die fränkische Metropole erlebte zwischen 1470 und 1530 ihre Blütezeit. Mit geschätzten 40.000 Einwohnern zählte die Reichsstadt mit Köln zu den größten Städten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und war eines der Handels-, Handwerks-, Kunst- und Medienzentren Europas; die Zeugnisse davon sind überall innerhalb der Stadtmauern präsent.

Information

Informationen zu Stadtrundgängen zur Reformation in Nürnberg unter http://www.geschichte-fuer-alle.de und www.tourismus.nuernberg.de

"Nürnberg. Orte der Reformation", Evangelischen Verlagsanstalt,
Leipzig 2011, 96 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 9,90 Euro


Sonderausstellungen zur Reformation, unter anderem "Luther, Kolumbus und die Folgen" im
Germanischen Nationalmuseum (www.gnm.de) und über Albrecht Dürer als Zeitzeuge der Reformation im Dürerhaus (https://museen.nuernberg.de)

Geglückter Übergang

Die Historikerin Magdalena Prechsl hat für den Verein "Geschichte für alle" zum diesjährigen Reformationsjubiläum den Rundgang "Reformation in Nürnberg" konzipiert. Nürnberg war 1525 die erste deutsche Stadt von Rang, die durchwegs evangelisch wurde. Das verdankte die Reichsstadt, Prechsl zufolge, unter anderem der klugen Politik ihres Rats, der in der Zeit des Umbruchs um jeden Preis Chaos und den eigenen Machtverlust vermeiden wollte. Geschickt manövrierte der Rat, der sich vor allem aus Vertretern alteingesessener Patrizierfamilien zusammensetzte, zwischen Vertretern der alten Ordnung und der proreformatorischen Stimmung in der Stadt. Als die Ratsherrn im März 1525 im Rathaus gegenüber der Sebalduskirche beim sogenannten Nürnberger Religionsgespräch die neue Konfession durchsetzten, wurden sie von Bürgern vor den Toren des Rathauses unterstützt, die lautstark gegen die alte Kirche protestierten.

Dass der Übergang hier, anders als in vielen Gebieten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, sehr früh und ohne größere Unruhen ablief, ist auch auf eine damals in deutschen Landen einzigartige Mischung aus Reichtum, Frömmigkeit, Humanismus, Gelehrsamkeit, Handwerkstradition, Technikfreundlichkeit und Liebe zur Kunst zurückzuführen. Wo Kirchen und die meisten Kunstwerke nicht durch Fürsten oder die Kirche, sondern von wohlhabenden Bürgern gestiftet wurden, die gleichzeitig im Rathaus den Ton angaben, gab es auch keinen Bildersturm.

Im 14. Jahrhundert wurde der romanische Ostchor der Sebalduskirche durch einen hochgotischen Hallenchor mit reichem Zierwerk ersetzt.

Im 14. Jahrhundert wurde der romanische Ostchor der Sebalduskirche durch einen hochgotischen Hallenchor mit reichem Zierwerk ersetzt.© Villachica Im 14. Jahrhundert wurde der romanische Ostchor der Sebalduskirche durch einen hochgotischen Hallenchor mit reichem Zierwerk ersetzt.© Villachica

Die Sebalduskirche und die hochgotische Lorenzkirche sind seit der Reformation die beiden evangelischen Hauptkirchen der Stadt. Am Portal der Sebalduskirche befinden sich über Mariendarstellungen Skulpturen des Bildungsreformers Philipp Melanch- ton und Martin Luthers. Besucher verwirrt dieses tolerante Nebeneinander häufig, wie Magdalena Prechsl erzählt. "Wenn ich mit Schülern in die Sebalduskirche oder in die Lorenzkirche gehe, denken sie wegen der vielen Mariendarstellungen oft, es seien katholische Kirchen". Die Nürnberger Reformatoren orientierten sich an Luther, der Bilder zu didaktischen Zwecken erlaubte - anders als der Züricher Huldrych Zwingli und der Franzose Johannes Calvin, die in ihrem Einflussbereich dafür sorgten, dass sämtliche figürlichen Darstellungen aus Kirchen entfernt wurden.

In dieser Hinsicht gab es, Prechsl zufolge, in Nürnberg "ein paar halbgare Lösungen": "Zeitweilig war der Engelsgruß in der Lorenzkirche verhangen." Im Zentrum des Schnitzwerks von Veit Stoß stehen Figuren von Maria und Gabriel bei der Verkündigung, gestiftet wurde der Engelsgruß 1517/18 vom Patrizier Anton Tucher. Bis heute nehmen die proreformatorischen Kunstwerke in den Nürnberger Hauptkirchen und die Kirchen im Bild der 530.000-Einwohner-Stadt eine prominente Position ein.

Der Rat sah sich der Bürgerschaft verpflichtet und wehrte sich in Nürnberg noch mehr als in anderen unabhängigen Reichsstädten gegen die Einflussnahme des zuständigen Bischofs bei der Besetzung der wichtigsten Pfarrstellen. Schon vor Luthers Thesenveröffentlichung wollte der Rat den Kirchenbesitz verwalten, die Zucht des Klerus überwachen und ihn in Rechtsprechung und Steuerpflicht eingliedern. Luthers Forderungen, die Privilegien des Klerus abzuschaffen, alle Getauften gegenüber Gott gleichzustellen und eine selbstbestimmtere Frömmigkeit der Bürger zu fördern und fordern, stießen daher auf offene Ohren.

Rund 40 Prozent der Bevölkerung konnte lesen - damals ein sehr hoher Prozentsatz -, und unter den Patriziern befanden sich viele Unternehmer, die das neue Medium, den Buchdruck, für sich zu nutzen wussten. Mit 21 Druckereien und einer zentralen Lage an Fernhandelsstraßen war Nürnberg das Nachrichtenzentrum dieser Zeit. Die größte Buchdruckerei Europas gehörte Anton Koberger, Albrecht Dürers Patenonkel; dort und in kleineren Druckereien wurden früh seelsorgerische Schriften, die als Flugblätter in hohen Auflagen ins ganze Reich verschickt wurden, hergestellt. Luther selbst bezeichnete Nürnberg als "Auge und Ohr Deutschlands".

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-14 16:06:08
Letzte ─nderung am 2017-04-14 16:18:33



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