• vom 06.05.2017, 17:00 Uhr

Vermessungen


Astronomie

Sonnenlicht aus zweiter Hand




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Von Christian Pinter

  • Wenn die sonnenbeschienene Erde über dem Horizont des Mondes steht, werden auch die dunklen Teile des Trabanten schwach sichtbar. Dieser Lichteffekt wird "Erdschein" genannt.

Der Mond am 1. März 2017 - das Foto überbelichtet, damit der Erdschein klar zutage tritt.

Der Mond am 1. März 2017 - das Foto überbelichtet, damit der Erdschein klar zutage tritt.© Pinter Der Mond am 1. März 2017 - das Foto überbelichtet, damit der Erdschein klar zutage tritt.© Pinter

So mancher reibt sich beim Blick zum jungen Mond ungläubig die Augen: Da schält sich neben der zarten Mondsichel auch die ganze, eigentlich finstere Mondscheibe aus dem Schwarzblau der späten Abenddämmerung - wenngleich nur äußerst matt.

Früheren Betrachtern schien es mitunter, als schlummere der alte Mond in den Armen des jungen. Um dieses rätselhafte Phänomen zu erklären, stellten sich Gelehrte den Mond als kristallene Kugel vor, durch die Sonnenstrahlen dringen würden. Manche schenkten ihm eine glühende Oberfläche - oder eine Lufthülle, die im Sternenlicht erstrahlen sollte.

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Leonardo da Vinci wusste es besser. Für ihn warf der irdische Ozean das Sonnenlicht auf den dunklen Mondteil. Diese im Prinzip richtige Überlegung hielt er anfangs des 16. Jahrhunderts fest - in einer Manuskriptsammlung, die man "Codex Leicester" nennt. Später kam der Tübinger Mathematikprofessor Michael Mästlin - ein Lehrer Keplers - zum selben Schluss; ebenso Galileo Galilei.

Der Mond erweise uns des Nachts mit seinem Schein eine "Wohltat", schwärmte Galilei 1610 in seinem "Sternenboten". Die Erde vergelte ihm dies aber in gleichem Maße, da sie seine finstere Nacht ebenfalls mit Licht erfülle. So käme ein "gerechter und dankbarer Tausch" zustande, meinte der Italiener.

Wie Johannes Kepler in seinem Roman "Mondtraum" richtig erklärte, verhalten sich die Lichtphasen von Erde und Mond komplementär. Zum Neumondtermin würde ein Mondbewohner eine volle Erde an seinem Firmament bestaunen. Danach magerte die Erde aus seiner Perspektive ab, während der Mond am irdischen Himmel zunimmt.

Das "aschgraue Licht"
Der Mond empfängt das Sonnenlicht auf doppelte Weise. Wo ihn die Sonnenstrahlen direkt treffen, herrscht auf ihm heller Tag. Der Rest liegt in dunkler Nacht. Doch die wird aufgehellt, wo immer die sonnenbeschienene Erde über dem Mondhorizont steht. Sie spendet ihrem Begleiter gleichsam "Sonnenlicht aus zweiter Hand". Astronomen sprechen vom lumen cinereum (nach lat. cinis, Asche), vom "aschgrauen Licht" oder vom "Erdschein".

Etwa zu jener Zeit, als da Vinci das eingangs erwähnte Manuskript verfasste, setzte Kopernikus die Erde in Bewegung und somit den Planeten gleich. Doch die meisten Zeitgenossen Galileis und Keplers zweifelten noch am kopernikanischen Weltbild. Sie wollten die Erde weiterhin unbewegt im Zentrum des Universums belassen. Im Gegensatz zu den Planeten strahle diese, so lautete eines ihrer Argumente, kein Licht ins All. Galilei konterte, indem er auf den Erdschein verwies.

Information

Christian Pinter, geboren 1959, schreibt  seit 1991 als Fachautor in der "Wiener Zeitung"  über Astronomie und Raumfahrt. Internet: www.himmelszelt.at

In unserem Kalender taucht alle 29 oder 30 Tage das Neumondsymbol auf. Am nächsten oder übernächsten Abend erspähen wir die schmale Mondsichel erstmals wieder. Der Erdschein ist fürs freie Auge jetzt und an den folgenden drei, vier Abenden sichtbar. Ein Fernglas oder Fernrohr verlängert diese Spanne.

Mit dem Teleskop, so betonte schon Galilei, lassen sich im Erdschein auch die Mondmeere erkennen. Es zeigt außerdem die hellen Strahlen, die von den Kratern Tycho, Copernicus oder Kepler wegziehen. Der kleine Krater Aristarchus glänzt im Erdschein besonders stark. Er narrte 1787 sogar Wilhelm Herschel: Der berühmte Astronom glaubte, den Ausbruch eines "Mondvulkans" zu beobachten.

Einst musterte da Vinci die Silhouette einer Burg. Deren Zinnen waren in Wirklichkeit genauso breit wie die Abstände zwischen ihnen. Doch die hellen Lücken muteten breiter an. Ähnlich ist es beim Mond: Der Radius der glänzenden Mondsichel erscheint uns größer als der Radius der nur schwach glimmenden Mondscheibe. Und zwar um ein Fünftel, wie der Astronom Tycho Brahe zu Ende des 16. Jahrhunderts schätzte. 1810 erwähnte Johann Wolfgang von Goethe die Beobachtung des Dänen in seinem Werk "Zur Farbenlehre". Dann fügte er sogleich hinzu: "Schwarze Kleider machen die Personen viel schmäler aussehen, als helle".

Optische Täuschung
Tatsächlich mutet uns Helles größer an als Dunkles - eine optische Täuschung. Der deutsche Physiologe Hermann von Helmholtz untersuchte das zugrunde liegende Phänomen 1867 und taufte es Irradiation (von lat. irradio, bestrahlen). Wer schwarze Hemden und Hosen trägt, um schlanker zu wirken, setzt also bloß wissenschaftliche Erkenntnisse im Alltag ein.

Australier, Asiaten, Amerikaner - sie sehen einen anderen Erdschein als wir. Weil die Dämmerungszone gen Westen über den Erdball zieht, schält sich die Mondsichel über diesen Kontinenten früher bzw. später aus dem dunklen Himmelsblau. Dann aber sind es auch andere Regionen unseres Planeten, die das Sonnenlicht zum Mond werfen.

Abends liegt die Spiegelfläche westlich des Betrachters: Mustern Europäer den Erdschein, würde ein Mondfahrer die beiden amerikanischen Kontinente auf der Erdscheibe ausmachen. Im Zentrum läge das Karibische Meer - jedenfalls zu Sommerbeginn. Anfang Winter wäre Brasilien dorthin gerückt. In den folgenden Tagen schöbe sich der Atlantik immer prominenter ins Bild. Im Winter tauchte sogar der westliche Teil Afrikas auf.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-05 16:24:06
Letzte Änderung am 2017-05-05 17:12:18



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