• vom 20.05.2017, 18:00 Uhr

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50 Jahre Studentenbewegung

Tod eines Demonstranten




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Von Ulrich Zander

  • Vor 50 Jahren, am 2. Juni 1967, wurde der Student Benno Ohnesorg in West-Berlin von einem Polizeibeamten getötet. Diese Tat war der wesentliche Auslöser der Studentenrevolten der kommenden Jahre.



Benno Ohnesorg unmittelbar nach dem verhängnisvollen Schuss.

Benno Ohnesorg unmittelbar nach dem verhängnisvollen Schuss.© Ullstein Bild/Peter Schommertz Benno Ohnesorg unmittelbar nach dem verhängnisvollen Schuss.© Ullstein Bild/Peter Schommertz

Vom 27. Mai bis zum 4. Juni 1967 erwies das persische Kaiserpaar der Bundesrepublik Deutschland die Ehre, am 2. Juni stand West-Berlin auf dem Besuchsprogramm. Die heimische Presse war durchweg angetan vom stattlichen Mohammad Reza Pahlavi und seiner schönen Frau, Farah Pahlavi, geborene Diba. Als Leistung der Schahbanu wurde die Tatsache gewürdigt, dass sie dem Gemahl (es ist seine dritte Ehe) den ersehnten Thronerben "schenkte".

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Ulrich Zander, geboren 1955, lebt als freier Journalist in Berlin und ist spezialisiert auf historische, insbesondere kriminalhistorische Themen.

Ein Teil der West-Berliner Studentenschaft hingegen sah die pompösen Potentaten kritisch. Der Schah schwelgte in Luxus, während "sein" Volk im Entwicklungsland Iran in Armut lebte. Die Analphabetenquote betrug 85 Prozent. Im Namen des Kaisers wurden Oppositionelle verhaftet, gefoltert und ermordet. Dem in Ungnade gefallenen Justizminister etwa wurden vor der Hinrichtung die Augen herausgerissen.

Die Studenten waren bei der Bevölkerung der mitten in der DDR gelegenen Frontstadt lange Zeit beliebt. Sie galten als angepasst, antikommunistisch und amerikafreundlich. Das Image änderte sich Mitte der Sechziger Jahre, als die studentische Linke an Einfluss gewann. Nun wurde etwa die Rolle der Elterngeneration im Dritten Reich hinterfragt und der Krieg der Amerikaner in Vietnam ebenso missbilligt wie die große Koalition in Bonn unter Kurt Georg Kiesinger (CDU), einem Mann mit NS-Vergangenheit.

Die "Jubelperser"

Die Ausbeutung der Dritten Welt durch USA und Bundesrepublik wurde thematisiert, wie auch die Finanzierung diktatorischer Regimes. Die Studenten gingen für ihre Anliegen lautstark auf die Straße. Die Stimmung, besonders geschürt durch Blätter aus dem Hause Axel Springer, die den West-Berliner Pressemarkt dominierten, richtete sich nun massiv gegen sogenannte "Krawall-Studenten".

Am frühen Nachmittag des 2. Juni waren die Majestäten im Schöneberger Rathaus verschwunden, dem Sitz des Regierenden Bürgermeisters. Davor hatten sich hunderte Studenten und iranische Oppositionelle zum Protest versammelt. Das "normale" Volk war nur dürftig vertreten, mutmaßlich weil man dem Schah die Sache mit Soraya noch nicht verziehen hatte. Soraya Esfandiary Bakhtiary, Tochter einer Berlinerin, war mit Pahlavi verheiratet gewesen, wurde aber 1958 wegen Kinderlosigkeit "verstoßen".

Plötzlich droschen iranische Schahanhänger mit Holzlatten auf die Demonstranten ein. Die Ordnungshüter schauten dem Treiben der "Jubelperser" tatenlos zu, um dann mit Knüppeln ebenfalls auf die Studenten loszugehen.

Am Abend stand Mozarts "Zauberflöte" auf dem Programm. Gemeinsam mit Bundespräsident Heinrich Lübke (CDU) und dem Regierenden Bürgermeister Heinrich Albertz (SPD) begab sich das Kaiserpaar in den Musentempel.

Inzwischen hatten sich rund 2000 Schah-Gegner vor der Deutschen Oper an der Bismarckstraße in Charlottenburg eingefunden. "Mörder, Mörder"-Sprechchöre ertönten. Die Polizei wurde mit Mehlsäcken und Farbbeuteln beworfen. Ob auch vereinzelt Steine flogen, ist umstritten. Lautsprecherwagen der Polizei verkündeten wahrheitswidrig, ein Kollege sei von Demonstranten erstochen worden. Gemäß dem "Leberwurstprinzip" des Polizeichefs Erich Duensing ("nehmen wir die Demons-tranten als Leberwurst, dann müssen wir in die Mitte hinein stechen, damit sie an den Enden auseinanderplatzt") galt: Knüppel frei.

Prügelorgie

Die brutalste Polizeiaktion im Nachkriegs-Berlin nahm ihren Lauf. Demonstranten brachen blutüberströmt zusammen. Die Prügelorgie hatte sich in die umliegenden Straßen verlagert. Zivile Greiftrupps der Polizei machten Jagd auf vermeintliche "Rädelsführer". Im Parkhof des Hauses Krumme Straße 66/67 schlugen Beamte auf Studenten ein.

Gegen 20.30 Uhr fällt dort ein Schuss. Benno Ohnesorg, Lehramtsstudent an der Freien Universität, ist aus kurzer Entfernung in den Hinterkopf getroffen worden. "Bist du verrückt, hier zu schießen?", schreit ein Polizist den Schützen an. "Die ist mir losgegangen", sagt Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras.

Der Krankenwagen irrt eine Dreiviertelstunde durch die Stadt, da zwei Kliniken die Aufnahme des Schwerverletzten verweigern. Gegen 21.35 Uhr erreicht die Ambulanz das Krankenhaus im Ortsteil Moabit. Da ist Ohnesorg schon tot. Der 26-jährige Pazifist war kein "Radikalinski", vielmehr Mitglied einer evangelischen Studentengemeinde. Und frisch verheiratet - die Frau schwanger.

Heinrich Albertz hatte noch in der Nacht erklärt: "Die Geduld der Stadt ist am Ende. Die Demons-tranten haben sich das traurige Verdienst erworben, nicht nur einen Gast der Bundesrepublik Deutschland in der deutschen Hauptstadt beschimpft und beleidigt zu haben, sondern auf ihr Konto gehen auch ein Toter und zahlreiche Verletzte."

In diesem von Polizei und Politik verlautbartem Tenor verdrehten in den Folgetagen auch West-Berliner Blätter die Wahrheit. Knüppelopfer wurden kurzerhand zu Opfern eines entmenschten Studentenmobs erklärt. "Wer Terror produziert, muss Härte in Kauf nehmen", schrieb das Boulevardblatt "B.Z." Später wurde die Berichterstattung sachlicher.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-19 13:45:05
Letzte Änderung am 2017-05-19 14:01:34



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