• vom 27.05.2017, 12:00 Uhr

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Update: 28.05.2017, 13:35 Uhr

Terror

Die Angst vor der Angst




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Von Franz M. Wuketits

  • Gibt es mehr Terror als vor 30 Jahren? Oder hat sich nur unsere Wahrnehmung der Gefahr verändert?

Ein neuer Ort des Schreckens: Die Manchester Arena, in der am 22. Mai 2017 Konzertbesucher einem Selbstmordattentäter zum Opfer fielen.
 - © apa web/ reuters/ Andrew Yates

Ein neuer Ort des Schreckens: Die Manchester Arena, in der am 22. Mai 2017 Konzertbesucher einem Selbstmordattentäter zum Opfer fielen.
© apa web/ reuters/ Andrew Yates



Am 27. Dezember 1985 um neun Uhr am Morgen wurde am Flughafen Wien-Schwechat ein Terroranschlag verübt. Palästinensische Terroristen griffen mit Sturmgewehren und Handgranaten den Schalter der israelischen Fluglinie El Al an, wobei drei Menschen getötet und 39 weitere verletzt wurden. Bei der anschließenden Verfolgung wurde einer der Täter von der Polizei erschossen. Kurz nach elf Uhr wurde der reguläre Flugbetrieb erneut aufgenommen. Es ist heute praktisch unvorstellbar, dass man schon zwei Stunden nach einem Terroranschlag gleichsam zur Tagesordnung übergeht.

Veränderte Verhältnisse

Information

Franz M.Wuketits, geboren 1955, lehrt Wissenschaftstheorie an der Universität Wien. Er ist Autor zahlreicher Bücher. Zum Thema dieses Beitrags: "Mord. Krieg. Terror. Sind wir zur Gewalt verurteilt?"
(Hirzel-Verlag 2016).

Was hat sich in den seither verstrichenen 32 Jahren verändert? Ist die Terrorgefahr wesentlich größer geworden? Man könnte es - gerade nach dem Anschlag in Manchester - vermuten. Oder wird die Gefahr heute nur bedrohlicher wahrgenommen? Oder lassen die Massenmedien jeden Terrorangriff als überdimensioniert erscheinen?

Vergegenwärtigen wir uns dazu zunächst ein paar Tatsachen. In den 1970er und 1980er Jahren waren in Europa mehrere terroristische Organisationen aktiv. Darunter die IRA (Irisch Republikanische Armee), die Roten Brigaden (eine italienische kommunistische Untergrundorganisation) und die RAF (Rote Armee Fraktion, eine linksextreme Vereinigung in der Bundesrepublik Deutschland). Zu den besonders folgenschweren Terroranschlägen jener Jahre gehören das Olympia-Attentat in München am 5. September 1972 mit 17 Toten und der Bomben-Anschlag auf den Hauptbahnhof von Bologna am 2. August 1980 mit nicht weniger als 85 Toten. Heute sind, da wir in einer Zeit der "Gegenwartskonzen-tration" leben, diese und andere Terroranschläge weitgehend in Vergessenheit geraten, und an die erwähnten Terrororganisationen wird kaum noch erinnert.

Interessant ist im vorliegenden Zusammenhang auch, sich klar zu machen, dass derzeit jährlich weltweit etwa eine halbe Million Menschen "gewöhnlichen" Tötungsdelikten zum Opfer fallen (aus bekannten persönlichen Motiven wie Neid, Habgier, Eifersucht usw. ermordet werden), während sich die Zahl der bei Terroranschlägen ums Leben kommenden Menschen pro Jahr auf etwa 28.000 beläuft.

Wien-Schwechat, 27. 12. 1985: Der Betrieb wurde zwei Stunden nach dem Attentat wieder aufgenommen.

Wien-Schwechat, 27. 12. 1985: Der Betrieb wurde zwei Stunden nach dem Attentat wieder aufgenommen.© R. Jäger/apa-Archiv/picturedesk.com Wien-Schwechat, 27. 12. 1985: Der Betrieb wurde zwei Stunden nach dem Attentat wieder aufgenommen.© R. Jäger/apa-Archiv/picturedesk.com

Rein rechnerisch, also statistisch gesehen, wird jemand mit höherer Wahrscheinlichkeit etwa von seinem Nachbarn oder Arbeitskollegen ermordet werden, als bei einem Terroranschlag ums Leben kommen. Selbstverständlich ist jedes Terroropfer genau eines zu viel - aber ist nicht auch jedes "gewöhnliche" Mordopfer genau eines zu viel?

Für die meisten von uns sagen abstrakte Zahlen freilich nur wenig aus. Der persönlich motivierte Mord wird - aus leicht nachvollziehbaren psychologischen Gründen - anders wahrgenommen als ein terroristischer Anschlag. Er macht uns - außer er geschieht in unserem sozialen Nahbereich - in der Regel nicht wirklich betroffen. Und wenn jemand schon denkt, dass sein Nachbar oder Kollege ihm gefährlich werden könnte, dann hat er dafür meist gute persönliche Gründe. Außerdem ist der Nachbar oder der Kollege einigermaßen berechenbar, man kennt ihn und glaubt, sich vor ihm schützen zu können.

Facetten der Gewalt

Gegen einen Wahnsinnigen, der einen schweren Lastwagen mit hoher Geschwindigkeit ziellos in eine Menschenmenge lenkt, ist man dagegen völlig ungeschützt, seine Motive sind diffus, er schlägt plötzlich und anscheinend völlig grundlos zu. Dem Terroristen ist jedes Opfer recht, während beispielsweise ein Bergbauer, der seinem Nachbarn mit einer Heugabel auflauert, nur diesen als Opfer im Visier hat. Dennoch ist es angezeigt, beim Thema "Gewalt" sich nicht in erster Linie auf Terroranschläge zu konzentrieren, sondern diesem Phänomen in allen seinen Facetten die gebührende Aufmerksamkeit zu widmen.

Aber zurück zur eingangs gestellten Frage. Wieso wurde damals nach bloß zwei Stunden in Wien-Schwechat der Normalzustand erneut hergestellt und der Flughafen nicht - wie das heutzutage der Fall wäre - großräumig gleich für einen oder mehrere Tage gesperrt?

Ich habe diese Frage gesprächsweise verschiedenen Leuten gestellt und darauf unterschiedliche Antworten bekommen. Eine war, dass viele der damals maßgeblichen Politiker - und natürlich viele andere Personen - noch den Zweiten Weltkrieg erlebt und überlebt hatten und ihnen in Erinnerung an diesen ein einzelnes Attentat nicht so bedeutungsvoll erscheinen musste wie heutigen Generationen. Der Anschlag am 25. Dezember 1985, so eine andere Antwort, war, da gezielt von Palästinensern gegen Israelis verübt, nicht nur sozusagen klar definierbar (er war der Ausdruck eines langen offenen Konflikts zwischen zwei bekannten Erzfeinden), sondern ging uns ja eigentlich nichts an. Dumm nur, dass er bei uns verübt wurde.

Alle Befragten meinten darüber hinaus, dass die massenmediale Präsenz jeder einzelnen terroristischen Handlung heutzutage Dimensionen angenommen hat, von denen die 1980er Jahre weit entfernt waren. Es gab Nachrichtensendungen im Radio, die Abendnachrichten im Fernsehen und Tageszeitungen, die über jedes Ereignis naturgemäß "zu spät" berichteten. Die heutigen Medien dagegen überbieten sich bei der Nachrichtenübermittlung an Geschwindigkeit, berichtet wird in "Echtzeit", kaum ausgeführt, wird ein Terroranschlag weltweit wahrgenommen.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-26 12:54:07
Letzte ─nderung am 2017-05-28 13:35:05



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