• vom 28.05.2017, 14:00 Uhr

Vermessungen


Gartenkunst

Dorado der Gartenkunst




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Von Christian Hlavac

  • Vor 140 Jahren entstanden auf der Hohen Warte in Wien die Rothschildgärten, deren Gewächshäuser und Obstplantagen als vorbildlich galten.

Steht bis heute: das ehemalige Pförtnerhaus der Rothschildgärten auf der Hohen Warte. - © Hlavac

Steht bis heute: das ehemalige Pförtnerhaus der Rothschildgärten auf der Hohen Warte. © Hlavac



Werbeplakat der Wiener Freiwilligen Rettungs- Gesellschaft, um 1910.

Werbeplakat der Wiener Freiwilligen Rettungs- Gesellschaft, um 1910. Werbeplakat der Wiener Freiwilligen Rettungs- Gesellschaft, um 1910.

"Uneingeschränktes Lob muß den Pflegestätten größerer Pflanzenschätze und unter diesen vornehmlich den Pflanzenhäusern von Schönbrunn und der Rothschild’schen Gärtnerei auf der Hohen Warte, gezollt werden. (. . .) Das gartenliebende Wien möge sich glücklich schätzen, diese Gartenkulturstätte [auf der Hohen Warte, Anm.], um die die Welt es beneiden kann, in seinen Mauern beherbergen zu dürfen."

Information

Christian Hlavac ist Gartenhistoriker und Publizist. Zuletzt erschien das Buch "Die Gartenmanie der Habsburger" (Amalthea Verlag, gemeinsam mit
Astrid Göttche, Wien 2016).

So lobte ein deutscher Teilnehmer des Wiener Internationalen Gartenbau-Kongresses 1927 die Rothschildgärten in Döbling. Vor allem in Gärtnerkreisen galten die dort befindlichen Nutzgärten und Glashäuser der Familie Rothschild als Pflichtexkursionsziel, wie ein Berliner Handelsgärtner 1902 in der Zeitschrift "Die Gartenwelt" festhielt: "Als Gärtner in Wien und nicht in Schönbrunn und bei Rothschild gewesen zu sein, hieße wirklich mit dem Fach gefrevelt zu haben." Im gleichen Jahr notierte Josef Gerhold in der Zeitschrift "Illustrierte Flora": "Bereuen wird es niemand, dieses Dorado der Gartenkunst besucht zu haben, denn sowohl der so herrliche im englischen Stile angelegte Park, wie die Obstgärten und die Glashauspflanzen sind einzig."

Bankhaus in Wien

Zu verdanken waren diese Gärten samt Villa und Park zwei Vertretern der Familie Rothschild, deren Wurzeln sich in Frankfurt am Main bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts zurückverfolgen lassen. Berühmt wurde die Dynastie durch Mayer Amschel Rothschild (1743-1812), der mit Antiquitäten und alten Münzen zu handeln begann, dann vor allem Geldwechselgeschäfte tätigte und später ein Bankhaus aufbaute.

Einer seiner fünf Söhne, Salomon Mayer, begründete ein Bankhaus in Wien und somit auch die Wiener Linie der Familie. Sein Enkel Nathaniel Rothschild (1836- 1905) interessierte sich kaum für das Bankgeschäft und überließ die Geschäftsführung seinem jüngeren Bruder Albert. Zwischen 1871 und 1879 ließ Nathaniel ein bestehendes Gebäude in der Theresianumgasse Nr. 14-16 (Wieden) zu einem Palais um- und ausbauen, wo er wohnte und seine Kunstsammlung unterbrachte. Eines seiner Steckenpferde war die Botanik; insbesondere exotischen Pflanzen galt seine Aufmerksamkeit. Und so verwundert es nicht, dass er sich auf der Hohen Warte für sein Hobby eine prächtige Gartenanlage errichten ließ. Im Gegensatz zu seinem Stadtpalais haben sich Reste dieser Rothschild’schen Gärtnerei auf der Hohen Warte erhalten, auch wenn es detektivisches Gespür braucht, um diese im Gelände zu finden.

Apropos detektivische Arbeit: Seit Jahrzehnten lässt sich eine urban legend verfolgen, die besagt, dass Nathaniel im Jahre 1849 die Gärten anlegen hätte lassen. Da Nathaniel (Jahrgang 1836) in diesem Jahr erst dreizehn Jahre alt gewesen war und zu diesem Zeitpunkt als Jude noch keine Grundstücke hätte kaufen dürfen, scheidet dieses Datum aus. Andere Publikationen sprechen von 1868, 1870, 1882 oder 1884.

Da sich Nathaniel Rothschild jedoch 1877 an der Jubiläumsausstellung "50 Jahre Blumenausstellungen in Wien" der k. k. Gartenbaugesellschaft beteiligt hat, dürfte die Anlegung spätestens 1877 erfolgt sein. Klarheit bringt ein Blick in das entsprechende Grundbuch: Aufgrund des Kaufvertrages vom 19. Februar 1874 und des Bescheides vom 22. Juni 1877 wurde im gleichen Jahr das Eigentumsrecht für Nathaniel Freiherr von Rothschild im Grundbuch eingetragen. Rasch wurden ein Park und Nutzgärten mit Glashäusern errichtet.

Gründung der "Vienna"

Bereits in den 1880er Jahren galten die Gärten als Inbegriff einer großen und beeindruckenden Pflanzensammlung, die Freiflächen und 70 Gewächshäuser umfasste. Verantwortlich für die Pflege waren zahlreiche Gärtner aus England, die Nathaniel extra anwarb. Diesen Engländern verdankt Wien den ältesten Fußballverein der Stadt, denn 1894 gründeten einige aus England stammende Rothschild-Gärtner gemeinsam mit Wiener Kollegen den ersten Wiener Fußballverein: den First Vienna Football Club. Das Training fand in der Anfangszeit unweit der Rothschildgärten auf einem improvisierten Fußballfeld statt. Erst später übersiedelte man auf jene Fläche, auf der die Vienna heute noch spielt.

Unter Nathaniel Rothschild wurde die Anlage auf der Hohen Warte zu einem berühmten "Wiener Garten". Bereits ab 1890 konnte man gegen eine Eintrittsgebühr den Park und die Nutzgärten samt den Gewächshäusern besichtigen: Bis 1924 sind die Öffnungstage mit Eintrittsgebühr zu Gunsten der 1881 gegründeten Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft nachweisbar. So wird im "Illustrierten Wiener Extrablatt" im Mai 1901 vermerkt: "Die Glashäuser des Freiherrn Nathaniel von Rothschild auf der Hohen Warte sind heute von 2 bis 6 Uhr Nachmittags gegen ein Entrée von 1 Krone zu Gunsten der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft geöffnet. Am letzten Besuchstage wurden diese sehenswürdigen Anlagen von mehr als tausend Personen besichtigt." Gelobt wurden damals die Rosen- und Azaleenarrangements sowie die Palmen und Farne. Aufmerksamkeit erregten auch das Kakteenhaus, die Orchideenhäuser und die Obst- und Gemüsegärten.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-26 12:59:09
Letzte Änderung am 2017-05-26 13:01:13



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