• vom 03.06.2017, 14:00 Uhr

Vermessungen


Iran

Nicht nur mit dem Gummiknüppel




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Von Max Haller

  • Wie man bei einem Besuch des Iran auch ein anderes Bild der Situation des Landes gewinnen kann, als es in unseren Medien vorwiegend gezeichnet wird.



Man braucht zwar gute Nerven, aber das Verhalten der Autofahrer in Teheran ist nicht so aggressiv wie in anderen Millionenstädten.

Man braucht zwar gute Nerven, aber das Verhalten der Autofahrer in Teheran ist nicht so aggressiv wie in anderen Millionenstädten.© NurPhoto/Getty Images Man braucht zwar gute Nerven, aber das Verhalten der Autofahrer in Teheran ist nicht so aggressiv wie in anderen Millionenstädten.© NurPhoto/Getty Images

Blut im Rotz - der Normalzustand für eine westliche Nase im Teheraner Smog; ein äußeres Indiz für das Leben in der islamischen Republik Iran heute; viel schlimmer ist die Einengung des Blicks, die erzwungene alltägliche Anpassung, die nur durch gelegentliche Betäubung in nächtlichen Hausparties erträglich wird.

Dies war die Essenz eines Artikels über einen fünfmonatigen Aufenthalt der Redakteurin Solmaz Khorsand, den die "Wiener Zeitung" ("extra" vom 13./14. 5.) dem heutigen Iran widmete; er wurde ergänzt durch einen Bericht über einen alten Zauberer, dessen Auftritte durch die Machtübernahme der Mullahs verunmöglicht wurden und dessen Tochter fliehen musste; als diese ihn später in Teheran besucht und bei einem Spaziergang fotografiert, nehmen Sittenwächter ("Polizisten des Gottesstaates kontrollieren alles und jeden", heißt es in diesem Artikel) den Vater mit auf das Polizeipräsidium, nicht ohne ihn vorher mit einem Gummiknüppel zu traktierten.

Information

Max Haller ist emeritierter Soziologieprofessor der Universität Graz und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Er lebt in Wien und Graz.

In einem weiteren Bericht von Hannes Schopf wird dargestellt, wie die Islamische Republik religiöse Minderheiten (wie Zoroastrier, Christen und Juden) auf dem Papier heute zwar anerkennt, ihre religiösen Aktivitäten jedoch de facto massiv beschränkt, sodass viele ausgewandert sind.

Totalitärer Staat

Diese düsteren Beobachtungen sind zweifellos ernst zu nehmen. Sie haben bei mir jedoch eine starke kognitive Dissonanz erzeugt. Ich weilte aus Anlass einer internationalen Konferenz, aber auch aus Interesse am Land kürzlich eine Woche im Iran. Das Land kann ohne Zweifel als "totalitärer Staat" im Sinne von Hannah Arendt bezeichnet werden, vor allem wenn man die Entstehungsgeschichte des heutigen Regimes betrachtet.

Ayatollah Khomeini kehrte 1979 aus dem Exil zurück, nachdem schon vorher Massendemonstrationen die Herrschaft des Schah erschüttert hatten; Khomeini nutzte mit Hilfe von "Revolutionsgarden" den Aufstand, um eine "Islamische Republik" zu eta-blieren, in der ein Wächterrat und der religiöse Führer oberhalb der gewählten politischen Führung stehen. Bis heute beruht das System, trotz seiner demokratischen Elemente, auf einer durchgreifenden Letztkontrolle durch die geistlichen Führer und den Sicherheitsapparat. Ein Indikator dafür: In Bezug auf Hinrichtungen nimmt der Iran nach China und weit vor Saudi-Arabien weltweit eine Spitzenposition ein (2015 fast eintausend, Hauptgrund: Drogendelikte).

Mit diesen historischen Fakten vor Augen erscheinen die eingangs zitierten Berichte nicht überraschend. Und doch ergab sich für mich ein anderes Bild. Ich hatte die Reise mit einem etwas mulmigen Gefühl angetreten (schon die Visabeantragung ist komplizierter als üblich) und hatte die Absicht, auch Interviews durchzuführen, war mir aber nicht sicher, ob das eine gute Idee war. Ich bin der Meinung, dass Errungenschaften wie die Trennung von Religion und Politik, wie Meinungsfreiheit und Demokratie, Nichteinmischung des Staates in die Privatsphäre nicht nur "westliche" Errungenschaften sind, sondern sich als universelle Werte langfristig überall auf der Welt durchsetzen werden.

Daher vermutete ich, dass der Großteil der Bevölkerung - insbesondere die Frauen, deren alltägliches Leben und Freiheit ja in vieler Hinsicht signifikant eingeschränkt wird - das islamistische Regime im Grund ablehnen. Gespräche mit Sozialwissenschaftern von iranischen Universitäten, die an unserer Tagung teilnahmen und weitere kurze Interviews mit etwa einem Dutzend Menschen unterschiedlicher Schichten (bei denen mir ein junger iranischer Kollege als Dolmetscher beistand) ergaben jedoch ein differenzierteres Bild.

Für die Eliten im weitesten Sinne stellt das islamistische System in der Tat eine existenzielle Einschränkung dar, der man sich anpassen muss und in dem man Sanktionen durch vorauseilende Anpassung vermeidet. So etwa die Einschränkung der Freiheit von Lehre und Forschung auf den Universitäten: Die Kontrolle von oben erfolgt in der Regel jedoch indirekt, durch Austausch von Dekanen und anderen Führungspersonen bei einem Wechsel der Regierung oder des Staatspräsidenten. Damit man Verweise erhalte oder gar entlassen werde, müsse man aber schon sehr stark auffallen, meinte ein Professor.

"Ein gutes Land"

Neben dem allgemein negativen Einfluss der "religiösen Diktatur" auf Wissenschaft und Universitäten nannte ein junger Dozent der Soziologie den Machtmissbrauch durch die Revolutionsgarden, die sich Unternehmen aneigneten und damit lukrative Geschäfte machen; an Auswanderung habe er allerdings nie gedacht. Dies hat ein 35-jähriger technischer Angestellter an der Uni ebenso wenig, obwohl er gerne einmal in Italien Urlaub machen möchte; für ihn ist der Iran ein "gutes Land", eine Gesellschaft, in der die Frauen respektiert werden; ihm waren auch Fußballklubs wie Rapid und Sturm Graz ein Begriff und er hatte - wie alle Befragten, die darauf zu sprechen kamen - ein äußerst positives Bild von Österreich.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-01 16:03:13
Letzte nderung am 2017-06-01 16:20:10



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