• vom 03.06.2017, 12:00 Uhr

Vermessungen


Palästina

Der Spalt in der Mauer




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Von Andreas Hackl

  • 50 Jahre israelische Besatzung haben den palästinensischen Arbeitsmarkt im Westjordanland von Israel abhängig gemacht. Ein Blick in die harte Welt der Wanderarbeiter.

Durch diese Lücke südlich der Stadt Yatta werden palästinensische Arbeiter nach Israel eingeschmuggelt. - © Andreas Hackl

Durch diese Lücke südlich der Stadt Yatta werden palästinensische Arbeiter nach Israel eingeschmuggelt. © Andreas Hackl



Yatta ist vom israelischen Arbeitsmarkt abhängigwie keine andere Stadt in Palästina: Fast alle Erwerbstätigen wandern "hinüber".

Yatta ist vom israelischen Arbeitsmarkt abhängigwie keine andere Stadt in Palästina: Fast alle Erwerbstätigen wandern "hinüber".© Hackl Yatta ist vom israelischen Arbeitsmarkt abhängigwie keine andere Stadt in Palästina: Fast alle Erwerbstätigen wandern "hinüber".© Hackl

Wie eine Schlinge legt sich die israelische Mauer um die palästinensische Stadt Qalqiliyah. Durch einen nach Osten geöffneten Hals führt die einzige Verbindungstraße aus dem Westjordanland in das Stadtinnere. Es ist drei Uhr morgens, und obwohl Qalqiliyah noch im Tiefschlaf liegt, rasen schon die ersten Autos an den unbeleuchteten Wohnhäusern und verschlossenen Geschäften vorbei. Hastig sind sie um diese Uhrzeit alle am Weg zum selben Ziel: dem militärischen Kontrollterminal am zugemauerten Stadtrand.

Dort füllen sich langsam die Parkplätze, es gibt kaum ein Fahrzeug ohne Dellen. Daneben steigen Arbeiter aus Taxis und Kleinbussen. Auch die Verkäufer vor dem Checkpoint beginnen ihre intensive Zwei-Stunden-Schicht. Sie verkaufen Proviant, Zigaretten und Kaffee.

Information

Andreas Hackl, geboren 1985, ist "WZ"-Korrespondent für Israel und Palästina und freier Journalist für den Nahen Osten.

Mehrere Tausend Arbeiter drängen sich hier innerhalb zweier Stunden durch. "Ich verlasse das Haus um drei Uhr, damit ich rechtzeitig durch den Checkpoint komme", sagt der Bauarbeiter Ahmed. Täglich reist er aus Tubas am anderen Ende des Westjordanlandes über Qalqiliyah nach Tel Aviv. Und jeden Morgen braucht er für die 60 Kilometer Luftlinie etwa vier Stunden. Nach einem harten Arbeitstag in der Teerverarbeitung am Bau ist er um acht Uhr wieder im Bett. Um zwei Uhr nachts dreht sich das Hamsterrad wieder weiter.

Arbeiter auf dem Weg nach Israel beim nächtlichen Gebet am Checkpoint.

Arbeiter auf dem Weg nach Israel beim nächtlichen Gebet am Checkpoint.© Hackl Arbeiter auf dem Weg nach Israel beim nächtlichen Gebet am Checkpoint.© Hackl

Vereinzelt sind auch Frauen unter den pendelnden Arbeitern. Eine Palästinenserin am Checkpoint erzählt vom Job als Reinigungskraft in Tel Aviv, ohne den sie ihre acht Kinder nicht über die Runden bringen würde. Während sich die älteste Tochter um die Kinder kümmert, ist sie von drei Uhr morgens bis sechs Uhr abends außer Haus, und das für 37 Euro am Tag. "Ich würde ja in unserem Ort arbeiten, wenn es dort Jobs gäbe", sagt sie, und entschuldigt sich: sie müsse wieder weiter. An den Checkpoints haben es alle eilig.

50 Jahre Wanderarbeit

Die totale Abhängigkeit von israelischen Jobs ist ein Resultat von 50 Jahren Besatzung. Mit dem Sechstagekrieg von 1967 kontrollierte Israel erstmals das gesamte Territorium Palästinas und machte sich fortan die palästinensische Arbeitskraft zunutze. Schon nach wenigen Jahren arbeitete ein Drittel aller palästinensischen Erwerbstätigen in Israel. Davon haben auch die Palästinenser profitiert: Anfang der 90er Jahre verdienten sie doppelt so viel als noch 1970.

Doch parallel zu diesen Wirtschaftsbeziehungen nahm die israelische Besatzung der palästinensischen Wirtschaft ihre Grundlage und Unabhängigkeit. Nach dem zivilen Widerstand der ersten Intifada führten die Oslo-Abkommen von 1993 und 1995 zu einer neuen Realität: palästinensische Teilautonomie, aber im zunehmend fragmentierten Palästinensergebiet unter weitgehend israelischer Kontrolle. Anstatt phasenweise einen unabhängigen Staat aufzubauen, wurde Palästina Schritt für Schritt zerstückelt; ein Prozess, den die palästinensischen Selbstmordattentate der Zweiten Intifada (2000-2005) beschleunigt haben.

Im Namen der Sicherheit rechtfertigte Israel den Bau der Mauer und beschränkte die palästinensische Bewegungsfreiheit immer weiter. Und mit der Blockade von Gaza, die 1.9 Millionen Palästinenser in dem engen Küstenstreifen einzäunt, lebt heute vor allem die Bevölkerung des Westjordanlandes mit einem zermürbenden Widerspruch: Israel ist zugleich Besatzungsmacht und Arbeitgeber.

Mit täglich rund 120.000 palästinensischen Arbeitern in Israel ist die Zahl heute so hoch wie seit 15 Jahren nicht mehr. Sie machen ein Viertel des palästinensischen Gesamteinkommens im Westjordanland aus, wobei die Löhne in Israel mehr als doppelt so hoch sind. Das palästinensische Durchschnittseinkommen in Israel und den Siedlungen beträgt 1037 Euro, im Vergleich zu 464 Euro im Westjordanland. Mit 20 Prozent Arbeitslosigkeit im Westjordanland - im Gazastreifen sind es 41 - und einem Mindestlohn von monatlich 360 Euro ist die Arbeit in Israel meist die einzige Option.

Zwischenhändler

Doch nur 81.500 Palästinenser haben eine offizielle Arbeitsgenehmigung und können durch die Checkpoints. Weil ihre Genehmigung an jeweils einen Arbeitgeber gebunden ist, haben sich Zwischenhändler ein Monopol über diese Kontakte aufgebaut. Viele dieser "Samasira", wie sie auf Arabisch genannt werden, vermitteln Arbeiter und handeln mit Genehmigungen. Diese verkaufen sie an verzweifelte Arbeiter für bis zu 600 Euro im Monat, was fast die Hälfte eines Monatslohnes ausmacht. Sie werden von allen Seiten ausgebeutet: am Checkpoint erklärt Ahmed aus Tubas, dass er zwar rund 87 Euro am Tag verdient, auf seinem Gehaltszettel aber nur 50 Euro registriert sind. Anstatt seinen sechs Kindern hat er offiziell keine. Das hat alle möglichen Vorteile für Arbeitgeber in Sachen Abfertigungen und Abgaben. Den Arbeitern und ihren Familien nützt es langfristig wenig.

Männer über 55 und Frauen über 50 dürfen ohne Genehmigung nach Israel, sofern sie auf keiner schwarzen Liste stehen. Jüngere aber nur, wenn sie verheiratet und mindestens 22 Jahre alt sind, wobei sich dieses Alterslimit immer wieder ändert. So müssen sich zwischen 35.000 und 42.000 Palästinenser einmal im Monat nach Israel hineinschmuggeln, wo sie ohne Versicherung und Gehaltszettel arbeiten und im Untergrund leben.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-01 17:14:10
Letzte ─nderung am 2017-06-01 17:15:28



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