• vom 17.06.2017, 15:00 Uhr

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Literatur

Destination Weltfranzösisch




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Von Ingeborg Waldinger

  • Beim Literaturfestival "Étonnants Voyageurs" im bretonischen Saint-Malo wurde die Welt erzählt - und zu deren Verbesserung aufgerufen.



"Erstaunliche Reisende": 200 Autoren beim Empfang im Rathaus von Saint-Malo.

"Erstaunliche Reisende": 200 Autoren beim Empfang im Rathaus von Saint-Malo.© Waldinger "Erstaunliche Reisende": 200 Autoren beim Empfang im Rathaus von Saint-Malo.© Waldinger

"Grauer Bahnhof im Morgengrau’n": An der Pariser Gare Montparnasse kommt einem leicht Bécauds Chanson "So viele Züge gehn" in den Sinn. Denn das Bahnhofsgebäude punktet nicht eben mit Atmosphäre, sondern mit Funktionalität. Der Beiname der hier abfahrenden Hochgeschwindigkeitszüge fügt der prosaischen Architektur allerdings eine poetische Note hinzu, schwingt in ihm doch eine Art Verheißung mit: "TGV Atlantique".

Information

Ingeborg Waldinger ist Redakteurin im "extra" der "Wiener Zeitung" und literarische Übersetzerin.

"So viele Züge gehn, wer weiß wohin" - und jüngst, da saßen wir im richt’gen drin: Am 2. Juni verließ ein Sonder-TGV die Seine-Me-tropole Richtung Ärmelkanal. An Bord: zweihundert Autoren. Destination: Saint-Malo, genauer: das Literaturfestival Étonnants Voyageurs ("erstaunliche Reisende"; der Titel ist Baudelaires Gedicht "Reise" entnommen). Die Kurzbezeichnung TGV (Train à grande vitesse) stand in dem Fall gleichsam für Train à grandes visions.

Der Philosoph Edgar Morin (links) und Patrick Chamoisseau diskutieren die Dringlichkeit von Poesie in Krisenzeiten.

Der Philosoph Edgar Morin (links) und Patrick Chamoisseau diskutieren die Dringlichkeit von Poesie in Krisenzeiten.© Waldinger Der Philosoph Edgar Morin (links) und Patrick Chamoisseau diskutieren die Dringlichkeit von Poesie in Krisenzeiten.© Waldinger

Das so alte Motiv der Weltliteratur, die Reise, bekam in diesem "Train des auteurs" eine vielschichtige Dimension: Einerseits eröffnen die kosmopoliten Compagnons de voyage ja bereits mit ihrem Werk ein grenzenloses Reiseabenteuer - das der Lektüre. Andererseits bietet der konkrete, soziale Vorgang der Reise schöne Möglichkeiten, ein Stück Welt zu "lesen".

Weltoffenheit ist das stete Meta-Thema des großen Literatur- und Kulturevents "Étonnants Voyageurs". Hunderte Begegnungen mit Autoren stehen jeweils am Programm, dazu Filmvorführungen, Ausstellungen und eine themenspezifische Buchmesse. Sieben Literaturpreise werden ausgelobt, Jugendliteratur und Comic haben ebenfalls ihren festen Platz. Als zentrale Lokalität fungiert das Kongresszentrum mit dem klingenden Namen "Palais du grand large", doch auch andere Plätze der alten Korsarenstadt Saint-Malo werden bespielt. Etwa die Maison internationale des poètes et écrivains. Ein Fachwerkhaus intra muros, erbaut im 17. Jahrhundert von Marinearchitekten - zum Teil aus altem Schiffsbaumaterial. Welch wunderbare, zufällige Symbolik.

Appellcharakter

Die heurige, 28. Ausgabe des Festivals stand im Zeichen eines brandaktuellen politischen, sozialen wie philosophischen Themenkomplexes: der Erosion von Menschlichkeit und Demokratie in Zeiten großer Migrationsströme, neoliberal-entsolidarisierender Wirtschaft und politischer Extremismen. Viele Veranstaltungen hatten gleichsam Appellcharakter.

Sie rückten die Themen Migration, Identität - und die Francophonie in den Fokus. Damit griff man auch ein Manifest von 2007 auf, in dem gut 40 Schriftsteller dafür plädierten, die "Francophonie" von ihrem "Exklusivpakt mit der Nation" zu lösen - zugunsten einer "Weltliteratur auf Französisch". Einer der Unterzeichner war Michel Le Bris, Gründer und Direktor des Festivals "Étonnants Voyageurs". Umso bedauerlicher war es, dass der engagierte Journalist und Schriftsteller aufgrund eines Schwächeanfalls dem Ereignis fernbleiben musste.

Ein beachtlicher Teil der angereisten Autoren repräsentiert eine Art "weltfranzösische" Literaturrevolution: Lange marginalisiert und höchstens als exotische Würze der französischen Literatur betrachtet, haben Schriftsteller aus Frankreichs ehemaligen Kolonien, aber auch Autoren aus aller Herren Länder (mit Wahlsprache Französisch) den frankozentristischen Kanon gesprengt und einen Dialog der Kulturen eröffnet: indem sie die Welt erzählen und den Leser dazu einladen, über das Unbekannte sich selbst neu zu entdecken.

Viele von ihnen werden bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse zugegen sein, wo Frankreich - nach fast dreißig Jahren - wieder seinen Ehrengastauftritt hat. Besser gesagt: die Literaturen der französischsprachigen Länder. Der weltweiten Präsenz dieser Sprache trägt auch das Messe-Motto Rechnung: "Frankfurt auf Französisch". Im Vorfeld rief Deutschland gleich ein ganzes "Französisches Kulturjahr" aus. Immerhin ist Französisch die Sprache, die in Deutschland am zweithäufigsten übersetzt wird.

Als engagierter Player der medialen Aufbereitung der Buchmesse hat nun die Freiburger Agentur buchcontact eine internationale Journalistenrunde zum Festival nach Saint-Malo eingeladen: Bereits am Vorabend der Fahrt im "Autorenzug" brachen wir auf zu einer ersten Gedankenreise. Das Pariser Centre National du Livre hatte mit einer Art literarischem Quartett aufgewartet, in dem Amélie Nothomb, Marie Darrieussecq, Patrick Chamoisseau und Julia Kristeva ihr persönliches Verhältnis zur französischen Sprache darlegten. Allesamt Autoren mit komplexem sprachlich-kulturellem Hintergrund:

Die Belgierin A. Nothomb etwa wuchs als Tochter eines Diplomaten in Japan und China auf. Sie spricht viele Fremdsprachen, die für sie letztlich "Fantomsprachen" blieben, wie sie erklärte. Schreiben könne sie nur auf Französisch, diese Sprache sei für sie eine Konstante, sei ihre Identität.

Dass die Pariser Verlagslektoren ihr allererstes Manuskript in ein rotes Meer verwandelten - mit der steten Randbemerkung "belge", vergisst sie freilich nicht. Belgierin zu sein, so Nothomb, sei an sich schon eine völlig verrückte Identität - nicht zuletzt wegen des Sprachenkonflikts, der das Land in ein rechtsextremes Flandern und eine elende Wallonie zu zerreißen drohe, mit Brüssel als einem "absurden Monaco" dazwischen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-16 13:50:08
Letzte nderung am 2017-06-16 14:12:37



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