• vom 13.08.2017, 10:00 Uhr

Vermessungen


Reisephilosophie

Reisen im richtigen Gang




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Von Daniel Rössler

  • Wir sind immer schneller unterwegs, aber ist das wünschenswert? Ein Vergleich zwischen Fortbewegungsmitteln und Reisephilosophien.




© Jugoslav Vlahovic © Jugoslav Vlahovic

"Ich bin müde" sagte der west- afrikanische Schriftsteller Malidoma Somé, als er nach Jahren in der Ferne zum ersten Mal wieder den Boden seines Heimatdorfs in Burkina Faso betrat. Er war mit dem Flugzeug gekommen, und die Leute in seinem Dorf sagten: "Natürlich bist du müde. Deine Seele ist ja noch unterwegs."

Nun kann man darüber streiten, mit welcher Geschwindigkeit sich unsere Seelen gewöhnlicherweise durch die Welt bewegen, klar aber ist: Unsere Körper reisen immer schneller. Über die Jahrhunderte haben wir stetig das Tempo erhöht, unsere Wege effizienter gemacht, ein neues Verkehrsmittel nach dem anderen erschlossen. Vom Wanderweg aus sprangen wir in eine Kutsche, hüpften dann an Bord von Zügen und Schiffen, wechselten ins Auto und landeten schließlich im Bauch von Flugzeugen.

Information

Daniel Rössler, Soziologe und Autor, arbeitet derzeit in Papua-Neuguinea. In der Kunst des Reisens übt er sich seit eineinhalb Jahrzehnten, Details unter www.apodemiker.com.

Von 0 auf 1000 in weniger als 300 Jahren - die Geschichte unseres Reisens ist eine Geschichte der Beschleunigung.

Doch mit jedem Gang, den wir zulegen, wechseln wir zugleich in eine neue Reisephilosophie. Wie wir die Welt wahrnehmen und erleben, hängt davon ab, wie wir uns in ihr bewegen. Wollen wir sie, im wahrsten Sinne, erfahren? Uns in ihr ergehen? Über sie hinwegfliegen? Und wie kommt die Seele am ehesten mit? Vielleicht sollten wir uns die Fortbewegungsmodi genauer ansehen. Und dann entscheiden, welchen Gang wir einlegen wollen.

Zu Fuß

"Ich habe gelernt, dass ich am besten reise, wenn ich mich nicht schneller bewege als ein trottender Hund". Der Reiseschriftsteller Gardner McKay hat sein ideales Tempo gefunden: 5 km/h, die durchschnittliche Geschwindigkeit eines gehenden Menschen, die maximale Geschwindigkeit des vagabundierenden Flaneurs. Es ist der erste, der langsamste, der natürlichste Gang eines jeden Reisenden, und über Jahrtausende war es der einzig verfügbare.

"Solvitur ambulando", "es löst sich im Gehen" soll der heilige Augustinus gesagt haben, wenn es nicht, wie andere meinen, der antike Philosoph Diogenes von Sinope gewesen ist. Jedenfalls ging und löste man: Der chinesische Mönch Xuanzang spazierte im 7. Jahrhundert nach Indien und kam 17 Jahre später mit buddhistischen Texten wieder zurück; der britische Entdecker Stanley durchquerte im 19. Jahrhundert zweimal ganz Afrika; Werner Herzog ging 1974 zu Fuß von München nach Paris, weil er die dort sterbende Regisseurin Lotte Eisner so zu heilen hoffte.

Im Gehen erfüllt sich nicht nur ein praktischer Zweck, sondern auch ein spiritueller: Gehen ist Meditation, Mystik, innere Reinigung. Wir gelangen an entfernte Orte, draußen in der Welt und drinnen in uns. Wir verlassen unseren Standpunkt, erlangen neue Aus- und Einblicke, erschließen uns frische Wege - und die führen mitnichten nur von A nach B, sondern an noch ganz andere Orte: für Poeten zu Gedichten, für Komponisten zu Opern, für Philosophen zu Gedankenwelten, für jeden von uns zu inneren Einsichten und äußeren Schönheiten.

Im Gehen erlebt man die Welt, wie sie ist. Die Sonne auf dem Kopf, den Wind im Gesicht, die Erde unter den Füßen: Gehen ist Reisen in real time, ohne Verzerrung, ohne Filter, ohne Hilfsmittel. Wir und die Welt, und nichts dazwischen außer ein Paar Schuhe. "Ich gehe nicht, um anzukommen", meinte Montaigne, "ich gehe um des Gehens willen." Es ist die älteste und fundamentalste Art des Reisens, und vielleicht ist es auch die schönste. Aber zugegeben: Die schnellste ist es nicht.

In der Eisenbahn

Lange Zeit gab es keine wirklichen Alternativen. Wer um 1700 auf eine Kutsche sprang, der erreichte eine Spitzengeschwindigkeit von 2 km/h - und war damit langsamer als zu Fuß. Doch dann kam 1825, kam Stephenson, die Eisenbahn und mit ihr eine touristische Revolution. Das Tempo des Reisens erhöhte sich auf Schwindel erregende 35 km/h, seine Kosten sanken auf ein Zehntel, sein Radius und seine Zielgruppe erweiterten sich drastisch. Das Unterwegssein war nicht mehr der Zeitvertreib der Eliten, es demokratisierte sich Zug um Zug, Waggon um Waggon. In ihnen saß der Adelige plötzlich neben dem Arbeiter, und beide sahen aus dem Fenster und erfreuten sich der derselben vorbeiziehenden Landschaft.

"In einem Zug ist alles möglich: Ein gutes Essen, ein Kartenspiel, eine Intrige, ein tiefer Schlaf, ein Monolog eines Fremden, der sich ausnimmt wie eine russische Kurzgeschichte." Für Paul Theroux, den bekanntesten und griesgrämigsten (US-)Reiseschriftsteller der Gegenwart, ist die Eisenbahn deshalb kein Verkehrsmittel, sondern ein Ort. Man kann darin herumspazieren, sich im Bordbistro ein Bier bestellen, und dann mit wildfremden Mitreisenden über das Leben und die Liebe und den neuen ÖBB-Fahrplan diskutieren. Im Zug sind die Menschen umgänglich und gesprächig, vielleicht, weil sie Zeit haben und Ruhe und meist nichts Besseres zu tun, vielleicht aber auch, weil im Hintergrund immer ein so schöner Film läuft. Eingerahmt von einem großflächigen Fenster, vertont mit dem beruhigenden Rattern der Schienen, zieht dort die Welt als Serie vorbei. Fast alle Episoden sind gut, und immer sind sie neu.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-10 18:09:24
Letzte ─nderung am 2017-08-12 12:27:44



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