• vom 26.08.2017, 15:00 Uhr

Vermessungen


Kirchenarchitektur

Ein Dom für das 21. Jahrhundert




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Von Stefan May

  • Die katholische St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin soll im Inneren grundlegend neu gestaltet werden. Aber diese Veränderung stößt auf die Ablehnung vieler Gemeindemitglieder.

St. Hedwig ist die katholische Hauptkirche von Berlin. Hier fand am 27. Juni 2017 auch die Trauerfeier für den einstigen Kanzler Helmut Kohl statt. - © Jostaiy/Wikimedia Commons

St. Hedwig ist die katholische Hauptkirche von Berlin. Hier fand am 27. Juni 2017 auch die Trauerfeier für den einstigen Kanzler Helmut Kohl statt. © Jostaiy/Wikimedia Commons

Am Allerheiligentag vergangenen Jahres war es soweit: Der Berliner Erzbischof Heiner Koch verkündete, dass die St. Hedwigs-Kathedrale, die katholische Hauptkirche von Berlin, umgebaut wird. Die Neugestaltung soll dem Siegerprojekt des vor vier Jahren durchgeführten Wettbewerbs folgen. Damit waren ein jahrelanger Streit und eine ebenso lange Unsicherheit zu Ende.

Besonders einladend wirkt die in die Jahre gekommene Bischofskirche der deutschen Hauptstadt nicht: ein Rundbau, der von außen eher wie ein Planetarium oder ein Bunker wirkt, innen kahl und kühl. Damit hat er ein Schicksal, das ihm der Gründer, Friedrich II., der Große, zugedacht hat: Er wollte einen dem römischen Pantheon nachempfundenen Bau für alle Religionen errichten. Schließlich aber überließ ihn der protestantische Herrscher in Anbetracht seiner katholischen Untertanen der römisch-katholischen Kirche - als ersten Kirchenbau nach der Reformation.

Information

Stefan May, geboren 1961, lebt als Jurist, Journalist und Autor in Berlin und Wien.

Die St. Hedwigs-Kathedrale wurde zwischen 1747 und 1773 nach Plänen von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff und Jean Laurent Legeay errichtet und bildet einen Teil des Forum Fridericianum am Beginn der Prachtstraße Unter den Linden. Die Bischofskirche der katholischen Diaspora steht zwar bescheiden in zweiter Reihe, aber dennoch prominent: genau gegenüber der Humboldt-Universität und schräg gegenüber der von den Berlinern "Kommode" genannten Alten Bi-bliothek. Friedrich hatte sich dafür vom Architekten Fischer von Erlach eine Kopie der Michaelerfront der Wiener Hofburg gewünscht - die Ähnlichkeit ist unübersehbar.

Bezug zu Österreich

Der rechte Nachbar von Sankt Hedwig ist die Staatsoper, der linke das historisierende "Hotel de Rome". Die freie Fläche zwischen den Gebäuden hieß erst Opernplatz, dann Kaiser Franz Joseph-Platz und nach dem Zweiten Weltkrieg Bebelplatz. Hier verbrannten 1938 die Nationalsozialisten die Bücher ihnen nicht genehmer Autoren. Nicht nur Franz Joseph bildet an diesem Ort einen Bezug zu Österreich: 1930-1932 gestaltete der österreichische Architekt Clemens Holzmeister den Innenraum der Kathedrale expressionistisch um, behielt zwar die barocke Ausstattung bei, befreite sie aber von Überladung aus wilhelminischer Zeit.

Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg zerstörten die Hedwigskathedrale bis auf die Grundmauern. In den ersten Jahren der DDR wurde sie wieder aufgebaut. Der westdeutsche Architekt Hans Schwippert prägte ihr inneres Erscheinungsbild völlig neu. Hatte Holzmeister noch die Längsachse betont, rückte Schwippert den Altar zur Mitte des Rundbaus und ordnete die Sitzreihen einander gegenüberliegend zu seinen beiden Seiten an. Dazwischen schuf er eine neuartige Raumkonstruktion, die wohl maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass sein Kircheninneres später als "Meisterwerk der Baukunst der 50er Jahre" bezeichnet wurde.

Schwippert brach den Boden auf und führte eine doppelte geschwungene Treppe in die unter dem Kirchenraum liegende Krypta. Die Säule des dort zentral situierten Sakramentsaltars bildet gleichzeitig das Fundament des darüber liegenden Volksaltars im Hauptraum der Kirche. An den Seitenwänden sind im Untergeschoß Kapellen angelegt, sowie Gedenkräume für zwei selig gesprochene Priester der Dompfarre: den von den Nationalsozialisten verfolgten Bernhard Lichtenberg und den von den Sowjets verfolgten Petro Werhun.

Die gesamte Kathedrale erscheint heute kahl und nüchtern, mit der Öffnung in ihrer Mitte gleich einer offenen Wunde als Ausdruck des architektonischen Nachkriegsverständnisses. Doch die Kirche ist in die Jahre gekommen, das Zweite Vatikanische Konzil hat eine neue Theologie und liturgische Praxis geschaffen. In mancherlei Hinsicht ist die räumliche Anordnung der Kirche nicht mehr optimal.

So feiert der Priester den Gottesdienst über die Öffnung im Boden hinweg auf die Orgel hin, die Gläubigen befinden sich schräg rechts und links von ihm. Dabei sitzen sie einander in ihren Reihen gegenüber, was vom Geschehen am Altar ablenkt. Noch unbefriedigender ist die Situation in der Unterkirche: Der Zelebrant steht am Hochaltar in der Mitte, die Gläubigen haben stets die beiden Treppenabgänge und damit alle zu spät Kommenden vor Augen, vielfach aber nicht den Platz, an dem die Lesungen vorgetragen werden.

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrem Wiederaufbau soll nun Sankt Hedwig zu Berlin saniert und neu gestaltet werden. Schon der langjährige Kardinal Georg Sterzinsky war mit der Raumgestaltung der Kathedrale nicht glücklich. Sein Nachfolger, der jetzige Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki, rief 2013 den Wettbewerb ins Leben, aus dem ein Jahr später der Entwurf des Architekturbüros Sichau und Walter aus Fulda, gemeinsam mit dem Wiener Künstler Leo Zogmayer, unter 169 Einreichungen als Siegerprojekt hervorging.

Symbol des Widerstands

Spätestens zu diesem Zeitpunkt setzte ein offener Streit in der Kathedralgemeinde ein: Nicht nur das Denkmalamt war mit den Plänen nicht einverstanden, auch ein Teil der Gemeindemitglieder war entschieden dagegen. Für sie war Sankt Hedwig, so wie in den 50er Jahren gestaltet, Heimat und Schutz. Die Schwippert-Gestaltung war für sie Kulisse des eigenen inneren Widerstands in den Jahrzehnten der DDR mit stark emotionaler Bedeutung.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-24 16:36:15
Letzte nderung am 2017-08-24 16:50:15



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