• vom 02.09.2017, 16:00 Uhr

Vermessungen


Kunstgeschichte

Dilettantische Genies




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Von Walter Klier

  • Paul Cézanne war ein unbegabter Zeichner, der sich seine Kunst durch Beharrlichkeit erkämpfte. Darin glich er dem "naiven" Maler Henri Rousseau.

Paul Cézanne: Cézannes Sohn als Harlekin (1888). - © Kunstmuseum Basel/Martin P. Bühler

Paul Cézanne: Cézannes Sohn als Harlekin (1888). © Kunstmuseum Basel/Martin P. Bühler



Im Zeitalter der fast schon perfekten Reproduktionstechnik - viel besser wird es nicht mehr werden (nämlich mit Rücksicht auf unsere Auffassungsgabe) - scheint es völlig sinnlos geworden, noch irgendwo hinzureisen, um Bilder im Original zu sehen, ja sehen zu dürfen! Es ist im Ernstfall dann doch das Dürfen.

Denn erstaunt und beschämt muss man immer wieder von Neuem zugeben, dass es ein Glück ist, eine Gnade, wenn es einem widerfährt: ein Bild im sogenannten Original zu sehen. Warum, weiß ich nicht, es hängt wohl mit dem Religiös-Auratischen der Kunst zusammen, und wenn wir das innig genug empfinden, dann geht es auch nur so: du musst das Bild "in echt" sehen, sonst funktioniert es nicht oder nur in der Art der Reproduktionen, einer Art Inhaltsangabe, "told by an idiot, signifying nothing".

So vor kurzem in Basel, wohin es mich im Zuge eines Alte-Freunde-Treffens verschlug und dessen zweiter Höhepunkt (nach einer Tageswanderung den Rhein entlang) der Besuch des Kunstmu-seums Basel war, wieder geöffnet nach längeren Jahren der Renovierung und mit einem Neubau auf der anderen Straßenseite ergänzt. Wie kaum etwas zuvor in meinem inzwischen doch schon über 60 Jahre währenden Leben vermittelte mir der Bau den Eindruck, er habe sehr viel Geld, eher noch: unfassbar viel Geld verschlungen. Wie ein Gebäude, seiner Außenhaut nach wesentlich aus Stein, teurem Stein und ähnlich Anorganischem bestehend, stinken kann, nämlich nach Geld - ein großes Rätsel. Das aber nur nebenbei.

Zum Anlass jedenfalls zeigte man dort neben einem großartig ausgedachten und realisierten Freundschaftsspiel unter dem Titel "HOLA PRADO!" (nordische und südische alte Meister, nach Motiven zueinandergesellt, aus eigenen und den Beständen des Prado) den neuen Meister Cézanne, und zwar unter dem Gesichtspunkt seiner Skizzenbücher, von denen das Museum eine Menge Zeichnungen besitzt. (Sohn Cézanne verklopfte die Skizzenbücher optimal gewinnbringend, nachdem sie in einzelne Blätter zerschnitten worden waren, welcher Vandalismus komischerweise nirgendwo in der Ausstellung gebrandmarkt wurde, außer vielleicht in einem kleingedruckten, von mir unbemerkten Eck. . .)

Henri Rousseau: Moi-même, Portrait-Paysage (1890, Ausschnitt)

Henri Rousseau: Moi-même, Portrait-Paysage (1890, Ausschnitt)© Nationalgalerie Prag/Wikimedia Commons Henri Rousseau: Moi-même, Portrait-Paysage (1890, Ausschnitt)© Nationalgalerie Prag/Wikimedia Commons

Kurzum, hier konnte man sich die in der Regel sehr kleinformatigen Seiten aus des Meisters Skizzenbüchern anschauen, in der Diktion der Aussteller: "Die kleinformatigen Skizzenbücher gewähren einen intimen Einblick, weil sie nie für ein Publikum gedacht waren. Sie dokumentieren einen zwanglosen Prozess des Suchens und Experimentierens. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit hat Cézanne darin die Zeichnung und deren Rolle grundlegend hinterfragt, indem er gängige Regeln missachtete und Gewohnheiten umging. "

Information

Die Ausstellung "Der verborgene Cézanne. Vom Skizzenbuch zur Leinwand"ist noch bis 24. 9. 2017 im Kunstmuseum Basel zu sehen.

Das erwähnte Buch von Tymothy Hyman, "The World New Made. Figurative Painting in the Twentieth Century", ist 2016 im Verlag Thames & Hudson erschienen.

Walter Klier, geboren 1955, lebt als Schriftsteller und Maler in Innsbruck.

Tatsache ist freilich, dass man in diesen liebevoll wieder in die richtige Reihenfolge und Position gebrachten Skizzenbuch-Seiten von anno dazumal überhaupt nichts sieht von einem "zwanglosen Prozess des Suchens und Experimentierens" undsoweiter. Sondern man wird - und es ist nachgerade peinlich und an der Wort- und Reaktionslosigkeit des Publikums auch wahrzunehmen gewesen - auf das banale Faktum gestoßen, dass Cézanne im landläufigen Sinne einfach das war, was seine bornierten zeitgenössischen Kunstrichter auch erkannten: zeichnerisch außergewöhnlich unbegabt, was man bis heute abschätzig, ja hohnvoll einen Dilettanten nennt.

Die Skizzenbücher zeigen uns jemanden, der nicht experimentiert und hinterfragt, sondern in einem fort scheitert. Etwa wie beim Schreiben Kafka unablässig scheitert, abbricht, neu anfängt, scheitert undsoweiter.

Das Bedeutende, geradezu Niederstreckende der Cézanneschen Kunst liegt nicht in diesem unablässigen und jahrzehntelang durchgehaltenen Scheitern, sondern in dem Resultat, das man hier in der Ausstellung gar nicht sieht - außer in ein paar kleinen Bildern, die dahängen, damit das Ganze nicht ganz so niederschmetternd ausschaut - in den triumphalen Cézanne-Bildern, die es eben gibt, jenen, wo seine "Methode" triumphiert, die aus nichts bestand als dem Durchhalten gegen das tägliche, ja stündliche Scheitern.

Was wir wissen, aber in dieser Skizzenbuchausstellung nicht sehen können außer momentweise, also kaum, ist der Triumph des Dilettantismus über die akademische, also ewig regierende Methode, die die Kunst als die Realisierung einer Konvention auffasst, also dessen, wovon man schon im Voraus weiß, was man dann gesehen haben wird. Dass der Dilettantismus, zumindest in den Jahrzehnten 1860-1905, über die ex-tremste Form von Akademismus, nämlich die zeitgleiche, nach ziemlich kurzer Zeit so vollständig den Sieg davonträgt, dass man von der damals regierenden Malerei schlicht nichts mehr weiß, ist doch fast eine Singularität.

Nicht-anders-Können

Der Götterhimmel dieser wohl bedeutendsten Jahre für die Kunst nach der Meinung unserer Zeit, ist neben dem Gott Cézanne und dem Gott van Gogh, bei dem die Sache sehr ähnlich liegt, noch mit einem Halbgott gesegnet, der dem Ganzen, man ist versucht zu sagen, "das Sahnehäubchen aufsetzt", nämlich dem Monsieur Rousseau, genannt le douanier, der Zöllner. Das gezierte "Mon-sieur" habe ich bloß hingeschrieben, weil der Vorname, ich glaube Henri, mir im Moment nicht einfiel, und Zöllner sagt man eben, weil so viele Leute Rousseau heißen, heißt das nicht "der Rötliche" oder so?

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Dokument erstellt am 2017-08-31 17:39:12
Letzte ─nderung am 2017-09-01 14:30:49



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