• vom 09.09.2017, 13:00 Uhr

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Geballtes Wiener Wissen




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In den Jahren nach Schorskes Buch war eine Reihe von Ausstellungen und Publikationen erschienen, denen die neu erschlossene Kultur der "Wiener Moderne" zugrundelag: 1983 das Edinburgh International Festival; 1985 in Wien die bahnbrechende Ausstellung "Traum und Wirklichkeit"; dann 1986 in Paris, im Centre Pompidou, "Vienna 1888-1938. L’Apocalypse Joyeuse" - wohl die beste der Ausstellungen und mit Sicherheit der schönste Katalog. Dem Datum "1938" kann der Leser entnehmen, dass es sich hier um eine "Moderne" handelt, die bis zum Anschluss dauerte; das Buch endet mit der großen "Todesfuge" von Paul Celan.

Und inzwischen sind immer mehr Bücher oder Symposien zum Thema der Kultur Wiens erschienen - in den USA etwa "Aufbruch in die Moderne. Die Anfänge des Jungen Wien. Österreichische Literatur und Kritik im Fin de Siècle", in Österreich ein von Sigurd Paul Scheichl und Wolfgang Duchkowitsch herausgegebener Band "Zeitungen im Wiener Fin die Siècle" (1997).

Ein vielseitiges Buch, der zweite Band der "Bibliothek urbaner Kultur", heißt einfach "Wien: Die Stadt lesen" - ein vielversprechender Titel, der sich fast als Zusammenfassung der Arbeitsweise von Hubert Christian Ehalt verstehen ließe. Ein Untertitel lautet "Die Stadt als Text: verfasst und wahrgenommen". Es geht um die Vielseitigkeit des Lebens und vor allem der Menschen der Stadt: In seinem eigenen Beitrag, "Wiener Qualitäten", schreibt Ehalt: "Wien ist ein Paradies ganz unterschiedlicher Lebensqualitäten, die sich den BewohnerInnen und BesucherInnen zum Teil unmittelbar und offenherzig, zum Teil nur in einem langen Aneignungsprozess erschließen." Und auch dann ist die Sichtweise jedes Individuums anders - in diesem Buch wird die Stadt nicht zuletzt von Dichtern und Schriftstellern "gesehen".

In einem Beitrag mit dem schönen Titel "Als das Schimpfen noch geholfen hat" schreibt Klaus Kastberger, Wien habe in den letzten Jahrzehnten "eine eigene literarische Gattung hervorgebracht: die Kunst der Beleidigung" - was zwanglos zu Gedanken über Thomas Bernhard führt, der gezeigt habe, "dass die Beschimpfung immer wieder zur Kunst wird". Die Dichterin Elfriede Gerstl macht aus dem ironischen Geständnis einer Schwäche ein ganzes Lebensbild: "Meine Tandelleidenschaft treibt mich seit Jahren in den zweiten Bezirk". Und in dem gleichen Band schreibt Ruth Klüger in ihrem Beitrag "Erlesenes Wien: Wie seine Dichter es sahen und sehen" über "literarisierte" Städte, nostalgische Verklärung, oder wiederum über Thomas Bernhard und die "Hassliebe zu Wien". In einer interessanten Passage über den "armen Spielmann" Grillparzers erinnert sie daran, dass der Autor "erstaunlicherweise in keinem seiner Stücke die Stadt Wien als Kulisse gewählt" hat.

Schöpferisches Klima

Diskussion und Kritik bilden das schöpferische Klima der Wiener Vorlesungen. Die breit gefächerten Themen der Vorlesungen und der damit verbundenen kritischen Unterhaltungen sprechen für sich: etwa 1994 der bereits erwähnte Band "Zur Epidemie der Gewalt", 2002 "Anfang und Ende der Egomanie" (ein Vortrag von Horst-Eberhard Richter anlässlich der Eröffnung des dritten Weltkongresses für Psychotherapie. Analog dazu heißt es in der "Programmatik" der Wiener Vorlesungen "Empathie statt Egomanie"), 2008 "Kunst und Kultur am Ausgang des 20. und am Beginn des 21. Jahrhunderts" (alle als "Wiener Vorlesungen" gedruckt), 2012 "Biologie und Biotechnologie - Diskurse über eine Optimierung des Menschen" (Band 9 der "Edition Gesellschaftskritik").

Zu den Mitautoren gehören bekannte Wissenschafter und Wissenschafterinnen, u.a. Eric J. Hobsbawm, Horst-Eberhard Richter und Jürgen Habermas, und in allen diesen Bänden finden sich über die Vorträge der eingeladenen Referenten hinaus Beiträge von Hubert Christian Ehalt - dessen aufklärerisches Ideal kaum besser zum Ausdruck gebracht werden kann als mit dem Titel "Optimierung des Menschen".

Die "Wiener Vorlesungen" sind in ca. 300 Bänden und in fünf verschiedenen Verlagen erschienen:

1. Wiener Vorlesungen - Das Dialogforum der Stadt Wien. (Picus).

2. Edition Gesellschaftskritik (Picus).

3. Konversatorien und Studien (Wiener Universitäts Verlag).

4. Forschungen (Peter Lang).

5. Wiener Karl Kraus Vorlesungen zur Kulturkritik (Bibliothek der Provinz).

6. Bibliothek urbaner Kultur.(Bibliothek der Provinz)

7. Österreich - Zweite Republik. (Studienverlag).

8. Enzyklopädie des Wiener Wissens (Bibliothek der Provinz).

9. Enzyklopädie des Wiener Wissens. Porträts (Bibliothek der Provinz).

In dieser Reihe ist soeben erschienen:

Hubert Christian Ehalt: Wiener Wissen. Entwicklungen, Projekte, Impulse. 292 Seiten, 24,- Euro.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-07 18:39:06
Letzte Änderung am 2017-09-07 18:55:00



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