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Von Peter Payer

  • Sie war eine produktive und durchsetzungskräftige Wissenschafterin und eine inspirierende Lehrerin: Erinnerungen an die Wiener Geographin Elisabeth Lichtenberger (1925-2017).



Elisabeth Lichtenberger im Jahr 1984 auf einer Exkursion, die im Rahmen des Internationalen Geographenkongresses in Wien stattfand.

Elisabeth Lichtenberger im Jahr 1984 auf einer Exkursion, die im Rahmen des Internationalen Geographenkongresses in Wien stattfand.© Andreas Fischer Innsbruck/Wikimedia Commons Elisabeth Lichtenberger im Jahr 1984 auf einer Exkursion, die im Rahmen des Internationalen Geographenkongresses in Wien stattfand.© Andreas Fischer Innsbruck/Wikimedia Commons

Information

Peter Payer, geb. 1962 in Leobersdorf/NÖ, ist Historiker und Stadtforscher. Er führt ein Büro für Stadtgeschichte und arbeitet als Kurator im Technischen Museum Wien. Im Oktober erscheint im Czernin Verlag sein neues Buch "Quer durch Wien. Kulturhistorische Streifzüge".

Der Begriff "Stadtforscher" hat seit mehr als einem Jahrzehnt auch hierzulande Konjunktur. Zahlreiche freiberufliche Architekten, Urbanisten und Kulturwissenschafter haben dieses Label mittlerweile für sich entdeckt, bezeichnen damit ihr weit gespanntes Tätigkeitsfeld ebenso wie die Pluralität ihrer Arbeitsmethoden. Bereits seit dem Sommer 2000 gibt es in Wien eine eigene Zeitschrift für Stadtforschung namens "dérive", die sich seither mit verdienstvollem Engagement dem urbanistischen Diskurs zuwendet; eine Vielzahl an Festivals, Ausstellungen und Symposien vertieft konstant die kritische Auseinandersetzung mit der Stadt. Auf gesellschaftlicher Ebene steht hinter all dem die allseits konstatierte Wiederentdeckung des städtischen (Lebens)-Raumes und eine damit einhergehende Hinterfragung und notwendige Weiterentwicklung althergebrachter Strukturen und politischer Entscheidungsprozesse.

Die Pionierin

Eine Pionierin, die diese Disziplin in Österreich etabliert und innovatives methodisches Handwerkszeug dazu entwickelt hat, war Elisabeth Lichtenberger. Von der Öffentlichkeit viel zu unbemerkt ist die Doyenne der Wiener Stadtforschung im heurigen Jahr gestorben. Von den 1970er Jahren an hat sie - wie wohl wenig andere in Österreich - für mehr als drei Jahrzehnte die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen Stadt geprägt, dafür nationale und internationale Anerkennung und zahlreiche hohe Auszeichnungen erhalten.

Es soll hier nicht der Raum sein, Lichtenbergers akademischen Werdegang und ihre umfangreichen Arbeiten, die sich in zwanzig Monografien und über 230 wissenschaftlichen Artikeln niederschlugen, detailliert nachzuzeichnen (auf den Webseiten der Universität Wien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gibt es dazu ausführliche Informationen), vielmehr seien einige persönliche Anmerkungen gestattet.

Als meine einstige akademische Lehrerin hat sie meinen beruflichen Weg mitverfolgt, und so durfte ich sie in ihren letzten Lebensjahren auch privat kennenlernen. Die unglaubliche Vielseitigkeit ihrer Forschungen, verbunden mit ihrem enormen Arbeitspensum, war mir erst im Lauf der Jahre bewusst geworden. Dabei meine ich noch gar nicht ihre intensive Beschäftigung mit Fragen der Physischen Geographie oder der Hochgebirgsforschung, sondern allein den engeren Themenkreis der Stadtforschung.

Im Jahr 1980 begann ich am Institut für Geographie der Universität Wien Raumforschung und Raumordnung zu studieren, ein Studienzweig, der erst acht Jahre zuvor von Elisabeth Lichtenberger, mit Antritt ihrer ordentlichen Professur, gegründet worden war. Überzeugend legte sie dar, dass sich all unsere Aktivitäten immer und überall im Raum abspielen, räumliche Aspekte somit in den Mittelpunkt der Betrachtung zu rücken seien und zwar - im Unterschied zu dem an der TU Wien gelehrten Studienzweig Raumplanung - nicht nur in planerisch-technischer Hinsicht, sondern in Form einer breiten sozial- und kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung.

Elisabeth Lichtenberger selbst war dafür das beste Vorbild, hatte sie doch Geographie, Geologie, Biologie, Geschichte und Wirtschaftswissenschaften studiert. Mit professoraler Autorität und - es sei nicht verschwiegen - Strenge führte sie uns ein in die komplexe Welt des Städtischen, die von den vielfältigsten Nutzungsansprüchen geprägt sei, und dies auch in der Vergangenheit stets war, wie wir auf zahlreichen Exkursionen durch Wien hautnah und vor Ort vermittelt bekamen. Diese selbstverständliche Verknüpfung der historischen Dimension mit der aktuellen Stadtentwicklung war es dann auch, die mich besonders beeindruckte. Stadtforschung, die empirisch fundiert war und nicht nur am Schreibtisch stattfand - das war spannend und ansteckend.

Die Wien-Expertin

Allmählich lernte ich ihre zahlreichen Bücher kennen, die sie bereits damals zur Stadtgeschichte von Wien verfasst hatte: "Wien. Bauliche Gestalt und Entwicklung" (gem. mit Hans Bobek, 1966), "Wirtschafts- und Sozialstruktur der Wiener Ringstraße" (1970), "Die Wiener Altstadt" (1977), "Stadtgeographischer Führer" (1978). Diese Bücher sind allesamt zu Standardwerken geworden, wobei letzteres noch heute ein wertvolles Vademecum für Wienexpeditionen darstellt.

Auf einer der vielen Exkursionen, diesmal in die westösterreichischen Landeshauptstädte, erhielt ich auch erstmals Einblick in ihren persönlichen Werdegang. Eindringlich erzählte sie uns Studierenden auf der Zugfahrt, mit welch Hindernissen sie als Frau und Wissenschafterin in einem männlich dominierten Fach konfrontiert war, damals in den 1950- er/60er Jahren, wieviel eiserne Disziplin und Durchsetzungskraft sie benötigte sowohl bei ihren Auslandsaufenthalten (sie war zuvor an Universitäten in Kanada, USA und Deutschland tätig) als nunmehr auch in Wien. Diese Eigenschaften zeichneten sie wohl ein Leben lang aus, kombiniert mit einem großen Gestaltungswillen. Im Jahr 1988 gründete sie an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften das Institut für Stadt- und Regionalforschung, bis heute die wichtigste außeruniversitäre Forschungseinrichtung auf dem Gebiet der Urbanistik.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-07 18:39:09
Letzte ─nderung am 2017-09-07 18:52:53



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