• vom 09.09.2017, 18:00 Uhr

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Innovative Stadtforschung




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Als ich in diesem Umfeld meine Diplomarbeit bei ihr über Stadtverfall und Stadterneuerung in Wien verfasste, konnte ich an dieser Vielseitigkeit ebenso partizipieren wie an dem oben erwähnten detailgenauen Wissen zur Stadtgeschichte.

Wie inhaltlich breit ihr stadtforscherischer Horizont war, zeigt die Vielfalt der Projekte, die sie initiierte, gemeinsam mit Kollegen und Studierenden umsetzte und letztlich publizierte: vom erwähnten Stadtverfall zur ersten Studie über Gastarbeiter in Wien (Lichtenberger selbst entstammte - als geborene Czermak - einer Zuwandererfamilie, die sich in Ottakring angesiedelt hatte) über Freizeit- und Wohnungsanalysen bis hin zur Struktur der Geschäftsstraßen und einem Vergleich der Stadtentwicklung in unterschiedlichen politischen Systemen. Wien war dabei immer wieder Ausgangspunkt der empirischen Forschung, doch ebenso unabdingbar war für Lichtenberger der Blick über die Grenzen hinweg, etwa indem sie die Donaumetropole mit den historisch wichtigen Nachbarn Prag und Budapest in Beziehung setzte. Neben singulären Aspekten ging es dabei stets um Grundsätzliches, was dann auch in einem ihrer wichtigsten Überblickswerke, "Die Stadt. Von der Polis zur Metropolis" (2002), zum Ausdruck kommen sollte.

Bezug zur Praxis

Stadtentwicklung in ihrer politischen Dimension, die zentrale Bedeutung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen flossen als Selbstverständlichkeit in die Arbeit ein, die demzufolge ein hoher Praxisbezug auszeichnete. Diesen Anspruch verwirklichte Lichtenberger auch in ihrer Tätigkeit im Verkehrs- und Stadtentwicklungsbeirat der Stadt Wien (1975-1984) und auch später bei ihren Analysen zu städtischen Perspektiven in der Europäischen Union und im globalen Kontext. Um eine spannende Einzelstudie aus diesem Kontext herauszugreifen: 2002 veröffentlichte sie ihre differenzierte, historisch und kulturvergleichend angelegte Untersuchung der gerade heute wieder so aktuellen Frage "Wem gehört die dritte Dimension der Stadt?".

Viele der Forschungen stellten Pionierstudien dar, Themen, die noch nie zuvor auf derart umfassende Weise - gestützt auf moderne EDV-Technologie - untersucht worden waren. Eindrucksvoll belegen sie das Gespür der Stadtforscherin für gesellschaftlich relevante Fragestellungen, sind darüber hinaus aber auch Zeugnis einer anhaltenden Schaffenskraft, einer wissenschaftlichen Neugier und nicht zuletzt einer ausgeprägten Lust am intellektuellen Diskurs.

Dieser hatte sich schon in den Vorlesungen gezeigt , hatte seinen Ausdruck in zahlreichen von Lichtenberger gepflegten internationalen Kontakten und Symposien gefunden und war mir schließlich noch einmal bei einem privaten Besuch im Mai 2008 klar geworden. Nach meinem Studium hatten wir lange Zeit keinen Kontakt gehabt, nun lud mich die längst emeritierte und viel geehrte Wissenschafterin (u. a. wurde sie mit dem "Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst" ausgezeichnet und damit als erste Frau in die "Kurie Wissenschaft" aufgenommen) zu einem Gespräch in ihre Wohnung in der Schikanedergasse ein.

Ich brachte ihr mein soeben erschienenes Buch über die Schweizer Stadtforscherin Else Spiller mit, das ich Elisabeth Lichtenberger gewidmet hatte, und in großbürgerlichem Ambiente, umgeben von unzähligen Büchern, suchte sie im Alter von 83 Jahren mit ungebrochener Leidenschaft den intellektuellen Austausch. Dass sie mich dabei in professoraler Geste mit "Lieber Herr Kollege Payer" ansprach, beschert mir noch heute ein ehrenvolles Schmunzeln.

Ein bleibendes Erbe

Wir blieben in Emailkontakt, hielten uns lose über unsere Arbeiten auf dem Laufenden, tauschten Fotos aus. Im März 2015, Lichtenberger war inzwischen nach Maria Enzersdorf übersiedelt, erhielt ich ein schon älteres Foto von ihr, das sie gemeinsam mit ihrem Ehemann zeigt, mit dem sie mehr als 60 Jahre zusammenlebte. Darunter stand die berührende Anmerkung: "Wissenschaftler sind auch Menschen."

Am 14. Februar 2017 ist Elisabeth Lichtenberger hochbetagt, im Alter von 91 Jahren, gestorben. Was von ihr bleiben wird? Neben der Fülle an wissenschaftlichen und institutionellen Impulsen (beide von ihr gegründete Institute werden heute von ihrem einstigen Mitarbeiter Heinz Faßmann geleitet) wohl die offenkundige Produktivität eines weitgefächerten, interdisziplinären Zugangs - und für mich persönlich die unabdingbare Überzeugung, dass moderne Stadtforschung stets mit einem tiefen Verständnis von Geschichte einhergeht und sich erst in der intensiven Auseinandersetzung mit verschiedenen Zeitebenen die wirkungsmächtige Wechselbeziehung von städtischen Strukturen und verinnerlichten Verhaltensweisen von uns Stadtmenschen offenbart.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-07 18:39:09
Letzte ─nderung am 2017-09-07 18:52:53



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