• vom 23.09.2017, 14:00 Uhr

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Wissenschaft

Unrentabel, aber sinnvoll




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Von Monika Raič

  • Ökonomisch betrachtet, sind Geisteswissenschaften vor allem eines: teuer und kaum profitbringend. Dennoch sind sie nötig, denn sie tragen zu einem differenzierten Weltverständnis bei.

Der SF-Film "Arrival" behandelt die Differenz zwischen Natur- und Geisteswissenschaft. - © themovie

Der SF-Film "Arrival" behandelt die Differenz zwischen Natur- und Geisteswissenschaft. © themovie

Stellen Sie sich vor, es wäre ein unidentifizierbares (sic!) Flugobjekt in einem entlegenen Teil Tirols gelandet. Niemand weiß, weshalb es dort rund drei Meter über der Erde schwebt. Niemand kann erklären, wie sich der Monolith zur Erde bewegt hat. In der Atmosphäre sind keinerlei Spuren zu finden. Nicht nur in Tirol, weltweit melden elf Orte dieselbe, rätselhafte Landung. Was tun? Klar: Es müssen Wissenschafter her!

Im Helikopter auf dem Weg zum Schauplatz der Geschehens begegnen sich die beiden ausgewählten Experten: ein Physiker und eine Linguistin. Der Naturwissenschafter hat zufällig eine Kopie des letzten Buches der Geisteswissenschafterin in der Hand. Er begrüßt sie mit einem Zitat daraus: "Sprache ist das Fundament der Zivilisation. Sie ist der Klebstoff, der die Menschen zusammenhält. Sie ist die erste Waffe, die in Konflikten gezogen wird." Wie bei Geisteswissenschafterinnen üblich, entgegnet sie verlegen, mit solchen Gemeinplätzen blende man eben die Leserschaft; wie von höflichen Naturwissenschaftern zu erwarten, erwidert er "Nein, das ist großartig! . . . auch wenn es falsch ist!" "Es ist falsch?" fragt sie. "Klar! Das Fundament der Zivilisation ist nicht die Sprache, sondern die Wissenschaft!"

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Wer Denis Villeneuves Film "Arrival" gesehen hat, hat das nach Tirol übersetzte Szenario wiedererkannt. Die Kritik hat den ungewöhnlichen Sci-Fi-Film positiv aufgenommen, aber in keiner Besprechung ist vom Kampf der wissenschaftlichen Disziplinen um Deutungshoheit die Rede, der in diesem Film tobt. Mit der Storyline des Filmes formuliert: Retten die Natur- oder die Geisteswissenschaften die Welt vor der Gefahr, die - wie wir am Schluss lernen - überhaupt keine war?

Prekäre Verhältnisse
Kein anderer Wissensbereich steht heute so sehr unter Beschuss wie die Geisteswissenschaften. Der US-amerikanische Präsident kündigte für das Jahr 2018 krasse budgetäre Kürzungen an: für Colleges, Universitäten und Forschungseinrichtungen, die Amerika nicht genug "great again" machen können. Betroffen davon sind vor allem die Künste und die "Humanities".

Information

Monika Raič promoviert in Allgemeiner und Vergleichender Literaturwissenschaft an der Universität Innsbruck. Zurzeit forscht sie als Marietta-Blau-Stipendiatin im Ausland.

Nicht nur in den USA, weltweit werden Fragen nach ökonomisch- und handlungsorientierter Optimierung gestellt: Welche Aufgabe, Bedeutung, ja welches Ziel haben die "Humanities" heute überhaupt noch? Was haben wir davon, "alte, nebulöse Texte" zu lesen? Wie helfen uns die abgehobenen und unverständlichen Theorien bei akuten Problemen? Welchen Nutzen haben Ausbildungen, die sich nicht direkt in den Arbeitsmarkt integrieren lassen? Junge Kulturwissenschafter haben - anders als Physiker, Mathematiker oder angehende Börsenmakler, deren Abstraktions- oder Fiktionsniveau mindestens ebenso hoch ist - in diesem Zusammenhang besonders zu kämpfen. Sie müssen mit umfassenden und zugleich leicht verständlichen Argumenten erklären können, was Steuerzahler von der "Investition" in etwa literaturwissenschaftliche oder philosophische Forschung haben.

Kürzlich wurden auch mir Fragen nach der ökonomischen Rechtfertigung meiner Forschung gestellt. Einige Zeit, nachdem ich "Arrival" gesehen hatte, war mein Antrag durch die dritte Begutachtungsrunde des "Marietta Blau Stipendiums" gekommen. Dieses Stipendium des Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft (BMWFW) ermöglicht es österreichischen Doktorierenden aller Bereiche, bis zu zwölf Monate im Ausland zu studieren und ihre Forschung zu optimieren. Mitte Dezember wurde ich zum Interview nach Wien eingeladen, wo ich vor einem Komitee des BMWFW mein Forschungsprojekt vorstellen durfte.

In den drei folgenden Wochen bereitete ich mich auf das Interview vor. Ich erklärte allen, die nicht schnell genug weggelaufen waren, aus welcher Perspektive ich die Theorien zu Kosmopolitismus, Orientalismus und Weltliteratur untersuchen will und weshalb das Nachdenken darüber bedeutsam und gesellschaftlich relevant ist. Einsteins kolportierte Aussage, "Was man nicht in einfachen Worten erklären kann, hat man selbst nicht verstanden", war das Maß, das ich an den Erfolg meiner Argumente anlegte.

Die kritische Frage
Mit der ersten Interviewfrage wurde jedoch nicht meine wissenschaftliche Sattelfestigkeit geprüft: Ich sollte begründen, was der österreichische Steuerzahler von einem so theoretischen Projekt wie dem meinen hätte. An und für sich eine vollkommen verständliche Frage aus den Reihen des Wirtschaftsministeriums, das intern alle seine Ausgaben rechtfertigen muss und selbstverständlich bevorzugt Themen unterstützt, die gesamtgesellschaftliche Reichweite haben.

Die Frage versetzte mich dennoch gedanklich in jene Helikopterszene aus "Arrival", in der über das "wahre" Fundament der Zivilisation gestritten wurde. Wie mit dem Misstrauen, das den gesamtgesellschaftlichen Nutzen der Geisteswissenschaften in Frage stellt, umgehen? Denn aus der finanziellen Investition in geisteswissenschaftliche Forschung ist weder ein materielles Ergebnis zu erwarten noch unmittelbarer ökonomischer Gewinn - und das ist ein großes Problem.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-21 17:54:05
Letzte ─nderung am 2017-09-21 17:56:49



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