• vom 23.09.2017, 14:00 Uhr

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Wissenschaft

Unrentabel, aber sinnvoll




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Zu diesem Thema haben vor rund zwei Jahren in der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit" Volker Meyer-Guckel vom wirtschaftsnahen Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und Julian Nida-Rümelin, Professor für Philosophie und politische Theorie an der Universität München, Standpunkte bezogen. Mehr Systematik und eine Ökonomisierung des Studiums forderte Meyer-Guckel und schloss mit der Forderung: "Das Studium muss die Studienziele inhaltlich und didaktisch so aufbereiten, dass Studenten am Ende wissen, auf welche Fragen das Fach mit welchen Methoden mögliche Antworten geben kann. Sich diesem Bildungsauftrag zu stellen, bedeutet, Humboldts Idee der Universität ins 21. Jahrhundert zu übersetzen."

In diesen Argumenten dürfte Humboldt sein "Bildungsideal" wohl nicht ganz leicht wiederfinden. Aber davon abgesehen, verfehlt die Forderung, dass Studierende am Ende wissen sollen, welche Fragen das Fach beantwortet, in ihrer redlichen Absicht, gute Lehre an Universitäten zu gewährleisten, ihr Ziel. Denn es ist schlicht unmöglich, zu wissen, auf welche Fragen wir zukünftig Antworten finden müssen, weil sich diese z.B. von den zu beantwortenden Fragen der Gegenwart und der Vergangenheit durch neue Spezifika, die wir uns noch nicht ausmalen können, unterscheiden. Selbst wenn die "Geschichte der Menschengattung im großen als die Vollziehung eines vernünftigen Plans der Natur" angesehen werden könnte, wie Kant einmal meinte, so scheinen wir aktuell angesichts der international verwobenen Konflikte kaum eine klare Frage für eine Disziplin formulieren zu können.

Erkennbarer Nutzen
Dabei funktionieren Gesellschaften doch nur, das hat Platon schon beobachtet, weil Individuen unterschiedliche Fähigkeiten besitzen, sich in einer Tätigkeit spezialisieren und die "Produkte" ihres Wirkens tauschen. Dass wir einander dabei vertrauen, ist selbstverständlich. Natürlich ist es einfach zu sehen, dass ein Bäcker wirklich backen kann und eine U-Bahnfahrerin wahrscheinlich einen Führerschein besitzt. Wir überprüfen das nicht, weil wir "selbstverständlich" ein Brot bekommen und sicher transportiert werden. Den Nutzen von Wissenschaft aufzuzeigen, ist etwas schwieriger, weil er nicht mit einem unmittelbaren Bedürfnis wie Hunger, Schlaf, Lust oder Gemeinschaft zu tun hat, sondern mit Gegebenheiten, die als unsichtbare, dünne aber vielschichtige Hülle um viele Aspekte des Lebens liegen.

Der letztendliche Nutzen und Sinn wissenschaftlicher Arbeit hat in den erfolgreichsten Fällen übrigens wenig mit der ursprünglichen Forschungsabsicht zu tun. Michael Faraday und Wilhelm Röntgen folgten etwa dem Drang, einer Sache oder Problemstellung auf den Grund zu gehen. Dass die daraus entstandenen Anwendungsgebiete wenig mit dem ursprünglichen Forschungsinteresse gemein hatten, legte jüngst der ehemalige MIT-Fellow Federico Kukso in einem Artikel dar.

Dass sich die Geisteswissenschaften "gegenwärtig auf einer abschüssigen Bahn, an deren Ende ihre weitgehende Marginalisierung stehen könnte" befinden, wie Nida-Rümelin in der "Zeit" meinte, ist nicht mehr in Abrede zu stellen. Aber sie stehen dort auch, weil sie in den globalen Prozessen der Ökonomisierung ihrer Marginalisierung kein starkes Argument entgegengesetzt haben.

Als Argumente zulässig sind aber nur unmittelbarer Nutzen und Kapital, eine Währung, die mit dem Geschäft des Geistes nicht zu erzielen ist. Der versuchten Marginalisierung muss Stand gehalten werden, und zwar indem Forschung und Wissen positiver konnotiert werden. Vielleicht, indem wir Wissenschafterinnen und Wissenschafter Interesse für Wissen und Bildung durch aktive und positive Partizipation an gesellschaftlicher Meinungsbildung wecken, anstatt uns in relativ langweilige, aber umso blutigere Grabenkämpfe zu verbeißen.

Falsche Eindeutigkeit
Während wir hier um die Humanwissenschaften bangen, beschloss im Dezember 2016 die argentinische Regierung, Wissenschaft fast ganz abzuschaffen. Forschungsbereichen, bei denen kein praktischer Nutzen erkennbar ist, wird die staatliche Förderung um 60 Prozent gekürzt. Forschung, die "strategisch wichtige Resultate" liefert, verdient, gemäß der argentinischen Regierung, weiterhin nationale finanzielle Förderung. Das erklärte Ziel der Regierung ist eine rasche Antwort auf die wirtschaftliche Schieflage des Landes. Eine konservative Regierung mit einem Regierungschef, der sein Land wie einen Fußballverein managen möchte, will also Spieler, die keine Tore schießen, sofort transferieren.

Es kommt mir menschlich vor, sich über Erfolge wie Tore zu freuen. Aber derartig schnelle Ja-Nein-Ergebnisse sind selten Teil gesellschaftlicher Realität. Das liegt daran, dass Gesellschaften facettenreich sind und über Ressourcen verfügen, die sich erst zeigen, wenn sie angezapft oder gesucht werden. Die Protagonistin von "Arrival" demonstriert, wie ihre Erkenntnisse anschlussfähig für Methoden der Physik sind. Gemeinsam entschlüsseln sie und ihr Kollege die komplexen Zeichen der außerirdischen "Heptapoden". Aber die Aussagen sind nicht eindeutig, wie kein sprachliches Zeichen vollkommen eindeutig ist - eine Lektion, die wir den Poststrukturalisten verdanken.

Während die internationalen Regierungschefs noch ihre Machtpolitik verhandeln, ziehen die Flugobjekte plötzlich und friedlich ab. Die Frage, wer die richtigen Informationen und Interpretationen hatte, wer den Kampf gegen die Bedrohung, die keine war, gewonnen hat, stellt sich nicht. Es bestand nie eine Gefahr. Warum also nicht gleich zusammenarbeiten, anstatt ins Leere zu beißen?

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-21 17:54:05
Letzte ─nderung am 2017-09-21 17:56:49



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