• vom 24.09.2017, 09:00 Uhr

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Update: 24.09.2017, 16:15 Uhr

Tag des Denkmals

Verquaderung des Gedenkens




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Von Robert Schediwy

  • Dem Trend zur abstrakten Denkmalsetzung ist am ehesten mit einer Portion Expressionismus beizukommen.

Zeichen einer problematischen Tendenz: Das gigantische Holocaust-Mahnmal in Berlin wird immer mehr zu einem Foto- und Abenteuerspielplatz. - © dpa/Jörg Carstensen

Zeichen einer problematischen Tendenz: Das gigantische Holocaust-Mahnmal in Berlin wird immer mehr zu einem Foto- und Abenteuerspielplatz. © dpa/Jörg Carstensen



Die Frage "Wem und wie sollen wir heute Denkmäler errichten" ist problematischer, als es den Anschein hat. Den Durchschnittsbürger lässt dieses Thema ja in der Regel einigermaßen kalt. Wir sind weit entfernt vom Eifer des 19. Jahrhunderts. Damals sprossen allerorts die Denkmalvereine und bedachten eifrig zivile National- und Kulturhelden wie Dichter, Maler und berühmte Musiker mit Statuen und Büsten. (Gleichzeitig wetteiferten auch die Wohlhabenden mit ihren Privatdenkmälern in den Friedhöfen, aber davon kann hier nur am Rande die Rede sein.)

Die geradezu hektische Denkmalsetzung, vor allem in den etwa gleichzeitig geschaffenen Parkanlagen speiste sich aus dem unbefangenen Selbstbewusstsein des "Dritten Standes", der seine (zumeist männlichen) Kulturheroen den dynastischen Reiterstatuen der Herrscher und ihrer Generäle gegenüberstellte.

Warum ist dieses goldene Zeitalter der Denkmäler 1914 zu Ende gegangen? Was diesbezüglich in der Belle Époque geschaffen wurde, dient zwar zum Teil bis heute als dankbares Fotomotiv, man denke nur an den vergoldeten Johann Strauß im Wiener Stadtpark, aber wir haben gegenüber dem Personendenkmal doch eine gewisse Befangenheit entwickelt. Der Gedanke, etwa Falco oder Thomas Bernhard mit Standbildern aus Stein oder Bronze zu bedenken, hat heute etwas Skurriles.

Aber auch die 2016 erfolgte "Würdigung" des Komponisten Alban Berg neben der Wiener Staatsoper entbehrt nicht eines gewissen unfreiwillig humoristischen Zuges. Die zugehörige Presseaussendung des ORF vermerkt etwa, die neue Skulptur auf dem Herbert-von-Karajan-Platz solle mit ihren drei Schleifen an die drei Komponisten Schönberg, Webern und Gustav Mahler erinnern. Zudem wird vermerkt, das von Wolf D. Prix von Coop Himmelb(l)au und Sophie Grell entworfene, zwei Tonen schwere Denkmal bestehe aus einer Legierung, die auch in der Autoindus- trie verwendet werde. Deutlicher kann Ratlosigkeit wohl kaum zum Ausdruck kommen.

Information

Robert Schediwy, geboren 1947, lebt als Sozialwissenschafter und Kulturpublizist in Wien. Verfasser zahlreicher Sachbücher. Unlängst erschienen: "Menschen Mächte Monumente – Architektur Urbanistik Geschichte" (LIT Verlag, Wien 2017).
Aus der Sicht unseres Autors ein gelungenes, weil expressionistisches Beispiel in Wien: Alfred Hrdlickas "Mahnmal gegen Krieg und Faschismus".

Aus der Sicht unseres Autors ein gelungenes, weil expressionistisches Beispiel in Wien: Alfred Hrdlickas "Mahnmal gegen Krieg und Faschismus".© Apa/Hans-Klaus Techt Aus der Sicht unseres Autors ein gelungenes, weil expressionistisches Beispiel in Wien: Alfred Hrdlickas "Mahnmal gegen Krieg und Faschismus".© Apa/Hans-Klaus Techt

Im Zeitalter der Massenkriege und Massenmorde erweiterte sich die Zahl der denkmalwürdigen Personen und Leistungen auf das Vielfache. Vor allem die Tatsache, "für Volk und Vaterland" das Leben hingegeben zu haben, berechtigte nun wenigstens zu einer kleinen Namensinschrift auf dem heimatlichen Kriegerdenkmal. Die große Zahl der zu erinnernden Opfer führte allerdings notwendig zu einer gewissen Ent-
individualisierung. Dafür wuchs die Gesamtgröße der einzelnen Monumente der Erinnerung, vielleicht zum Teil als Nebenprodukt des schlechten Gewissens der Überlebenden, die dem Grauen des Massensterbens um jeden Preis einen Sinn zu geben versuchten.

Die pompösen Memoriale der Siegermächte des Ersten Weltkriegs, namentlich Australiens, Neuseelands und der USA (Sydney, Melbourne, Canberra, Auckland, Kansas City u.a.m.). sind durchaus auch als Ausdruck gesellschaftlichen Unbehagens über das "Verheizen" der Blüte der heimischen Jugend an fernen Kriegsschauplätzen zu deuten.

Ein weniger gelungenes Beispiel: Der karge Klassizismus von Rachel Whitereads Holocaust-Mahnmal am Judenplatz.

Ein weniger gelungenes Beispiel: Der karge Klassizismus von Rachel Whitereads Holocaust-Mahnmal am Judenplatz.© gemeinfrei Ein weniger gelungenes Beispiel: Der karge Klassizismus von Rachel Whitereads Holocaust-Mahnmal am Judenplatz.© gemeinfrei

Die Kriegerdenkmäler der Verliererstaaten erwiesen sich als noch problematischer. Die Vaterländer, für die "unsere Helden" gekämpft hatten, existierten vielfach gar nicht mehr, und das Insistieren der politischen Rechten auf der Behauptung, sie seien "für uns" gestorben, kontrastierte mit dem Bewusstsein, dass es eben nicht so war.

Die zu erinnernden Massen wurden in den großen Diktaturen des 20. Jahrhunderts in symbolischen Denkmalkompositionen monumentalen Charakters gefeiert - wobei zunächst der Zug zu einer gewissen Abstraktion spürbar war (etwa bei Tatlins nicht realisiertem Denkmal der Dritten Internationale). Dann, mit der konservativen, man kann auch sagen: populistischen Kulturpolitik Stalins ab den 1930er Jahren und speziell mit den ungeheuren Opfern des "Großen Vaterländischen Kriegs" kam die Zeit der Riesenstatuen: etwa Muchinas "Arbeiter und Kolchosbäuerin", die in ihrer bewussten Konfrontation mit dem Pavillon NS-Deutschlands eine der Sensationen der Pariser Weltausstellung von 1938 wurde. Komplementär dazu verbreitete sich in naturalistischer Schlichtheit eine Unzahl von Abbildern der großen revolutionären Führer. "Was ist ein Len?" lautete ein DDR-Witz. Antwort: Der durchschnittliche Abstand zwischen zwei Lenin-Denkmälern.

Es war zu viel. So wie die zahllosen, von den totalitären Machthabern zu eigenen Gunsten umbenannten Straßen und Plätze in der Regel rückbenannt wurden, wurde auch die Mehrzahl der Statuen der "großen Führer" nach dem Ende der Diktaturen beseitigt, eingeschmolzen und zerschlagen. Dem Personenkult mit seiner Inflationierung der Denkmäler folgte die damnatio memoriae.

Satirischer Renner

Für die demokratische Welt ist aber ungefähr seit dem Ende des Ersten Weltkriegs ein gewisses Unbehagen im Umgang mit dem Thema Denkmal festzustellen, das sich in den letzten Jahrzehnten noch weiter verschärft hat. Am Beispiel Wien: Das Denkmal des zweifachen Republikgründers Karl Renner im Rathauspark trägt ausgesprochen satirische Züge. Es stammt freilich auch von einem Künstler, nämlich Alfred Hrdlicka, der nicht gerade als RennerFreund gelten konnte.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-21 17:57:11
Letzte ─nderung am 2017-09-24 16:15:32



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