• vom 24.09.2017, 09:00 Uhr

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Update: 24.09.2017, 16:15 Uhr

Tag des Denkmals

Verquaderung des Gedenkens




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Selbst die bescheidenste Form postumer öffentlicher Denkmalsetzung, die Benennung einer Verkehrsfläche nach berühmten Verstorbenen, gerät seit einiger Zeit gerne zur Schrumpfform: Man achtet heute sehr darauf, mit einer solchen Ehrung nicht allzu viele Menschen zur lästigen Adressenänderung zu zwingen: Die Bruno Kreisky-Gasse, der Julius Raab-Platz und etliche Künstlerplätze vom Herbert vom Karajan-Platz bis hin zum Leon Askin-Platz sind Dokumente dieser Tendenz.

Ein anderer Weg, neue Dimensionen der Denkmalgestaltung zu erschließen, ist jener in die Abstraktion. Beklemmend gelungen ist hier das relativ kleine Denkmal der Deportation hinter der Kathedrale Notre Dame in Paris. Die Beengtheit des Zugangs weckt Assoziationen mit Gefängnis, Ohnmacht und Todesangst.

Missverständnisse

Um einiges problematischer wird es aber, wenn man die "Verquaderung" des Gedenkens betrachtet, die in den letzten Jahren Mode geworden ist. In Berlin mussten beispielsweise große Anstrengungen unternommen werden, Kinder und Halbwüchsige daran zu hindern, das gigantische örtliche Holocaust-Mahnmal mit seinen hunderten von Quadern als Sportfeld und Abenteuerspielplatz zum Hüpfen und zum Versteckenspiel zu nutzen.

Die Abstraktion wurde hier so weit getrieben, dass der Ernst des Gedenkens bei unbeteiligten jüngeren Personen in Übermut umzuschlagen droht. Nicht ganz zu Unrecht nannte Martin Walser das riesengroße Mahnmal einen "fußballfeldgroßen Alptraum".

Kritisches ist leider auch über Rachel Whitereads Wiener Holocaust-Mahnmal am Judenplatz zu sagen. Der Gedanke, mit den stilisierten Bücherrücken einer unzugänglichen steinernen Bibliothek die Geistfeindlichkeit des Nationalsozialismus zu kennzeichnen, erscheint zwar originell, der karge Klassizismus des tempelartigen, fensterlosen kleinen Gebäudes erinnert aber in fataler Weise an den Stil eines Albert Speer; es fehlt gleichsam nur der Reichs- adler - und die Identifikation der Opfer mit Ästhetik der Unterdrücker wäre vollzogen.

Das 2014 eröffnete "Denkmal für die Opfer der nationalsozialistischen Militärjustiz" am Rande des Wiener Volksgartens und des Ballhausplatzes weckt ähnliche Bedenken wie das Berliner Memorial. In einem Erklärungstext heißt es, die Skulptur Olaf Nicolais "an diesem zentralen Ort der Republik Österreich" greife die klassischen Elemente eines Mahnmals, nämlich Sockel und Inschrift auf, arrangiere diese aber völlig anders als traditionelle Kriegerdenkmäler. Das überdimensionale, liegende "X" bildet einen dreistufigen Sockel, in dessen dritte Ebene die nur von oben lesbare Inschrift eingelassen ist.

Der Text ("ALL ALONE") zitiert ein Gedicht des schottischen Künstlers Ian Hamilton Finlay (1925-2006). Das Zusammenspiel von Sockel und Inschrift inszeniere "die Situation des Einzelnen in und gegenüber gesellschaftlichen Ordnungs- und Machtverhältnissen, bedroht von Anonymisierung und Auslöschung". Ob der unbefangene Betrachter des anthrazitgrauen Steinstufenbaus tatsächlich zu solchen tiefgründigen Überlegungen geführt wird, dürfte aber fraglich sein.

Blickt man zurück auf die Entwicklung des Denkmalgeschmacks während der letzten Jahrhunderte, so begegnet man, wie gesagt, einer Tendenz weg von der figurativen Darstellung und hin zur Abstraktion, die freilich von der Kunst- und Kulturszene stärker getragen wurde als vom allgemeinen Publikum.

Letzteres reagiert in der Regel empört bis verwundert. Im günstigsten Fall ignoriert es die Zurschaustellungen "avancierten" Kunstwollens und widmet ihm nur ein leises Kopfschütteln.

Während der sogenannten "Postmoderne" kam es allerdings zu einem partiellen Wiederaufleben des Geistes des 19. Jahrhunderts, also einer Reaktivierung der figurativen Darstellung. Und teilweise hat sich diese, als "Verkitschung" gegeißelte Tendenz offenbar gehalten. So profilierte sich zwar Barcelona als Hochburg abstrakter Monumente, während Madrid bis heute eine geradezu historistische Denkmalkultur pflegt.

Würdiges Gedenken

Das Unbehagen an der Abstraktionstendenz der Denkmalgestaltung erscheint jedenfalls in keiner Weise überwunden. Gibt es Auswege? Hier sei eine abschließende These gewagt: Sowohl der Kitschvorwurf wie jener der Belanglosigkeit versagen angesichts der expressionistischen Variante der Denkmalkunst.

Der "brennende Mensch" Anton Hanaks aus dem Jahr 1922 vermag bis heute würdiges Gedenken zu stimulieren - und Gleiches gilt für die mittlerweile in etwa einem Dutzend Nachgüssen vorhandenen "Bürger von Calais" Auguste Rodins. Auch Alfred Hrdlickas zeitweilig heftig umstrittenes Wiener Mahnmal gegen den Faschismus ist hier einzuordnen. Wer in diese Richtung weiter zu gehen versucht, wird wohl richtig unterwegs sein.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-21 17:57:11
Letzte ─nderung am 2017-09-24 16:15:32



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