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Update: 12.11.2017, 15:51 Uhr

Aikido

Kampfkunst als Psychotherapie




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Von Dagmar Weidinger

  • Das japanische Aikido ist eine hohe Schule der Körperbeherrschung und kann helfen, Hemmungen und Ängste zu überwinden.

Die Kunst des Aikido besteht im Umlenken der Angriffsenergie. - © Ullstein Bild-INSADCO/ Nicole Ploeb

Die Kunst des Aikido besteht im Umlenken der Angriffsenergie. © Ullstein Bild-INSADCO/ Nicole Ploeb

Wenn Neue kommen, weiß Stefan Berger rasch, wer bleiben und wer gehen wird. Berger (40) ist Aikido-Trainer und eröffnete 2010 seine erste Schule, Dojo genannt, in Wien. Heute ist er einer von zwei selbstständigen Trainern in Wien und überzeugt davon, dass Aikido etwas ganz Besonderes ist. Es ist der Kampfsport für die Sensiblen.

Während Aikido in Ländern wie Frankreich oder Italien eine lange Tradition hat und weit verbreitet ist, kämpft man hierzulande erst seit den 70er Jahren. Ein paar tausend Personen betreiben österreichweit Aikido, sind also Aikidoka. Das hat mit der Verbreitungsgeschichte zu tun. Gründer Morihei Ueshiba hinterließ, als er 1969 starb, eine Handvoll Schüler, die in verschiedene Länder ausschwärmten und dort Schulen gründeten. Sie wurden die Stammväter der heutigen Aikidoka in der westlichen Welt.

Information

Dagmar Weidinger,geboren 1980, Kunsthistorikerin, schreibt als freie Journalistin für österreichische Zeitungen und Magazine.

Mehr unter:

http://aikido-kampfkunst.at
www.aikido-wien.at

Einer ihrer Nachfolger, Suga Toshiro, kommt zweimal im Jahr auf Besuch nach Wien und nimmt hier auch Stefan Bergers Schülern die Meisterprüfungen ab. Aikidoka können die fünf Schülergrade, die sogenannten Kyus erwerben, danach beginnt die Reihe der zehn Meistergrade, auch Dans genannt. Offiziell anerkannt werden die Grade von der bereits in den 1940er Jahren gegründeten Aikikai-Stiftung in Tokio, die bis heute die Home-Base aller anerkannten Aikidoka weltweit darstellt und vom Enkel des Gründers geleitet wird.

Wettkämpfe gibt es im Aikido keine, Gewichtsklassen ebenso wenig. "Eine zarte Frau kann einen schweren Mann problemlos umwerfen, wenn sie über die richtige Technik verfügt", sagt Berger und fügt hinzu: "Kraft, Stärke und Schnelligkeit sind im Aikido kein Kriterium mehr." Wer verstehen will, warum dem so ist, wirft am besten einen Blick zurück in die Geschichte zum Stammvater der Kampfkunst selbst.

Drei bedeutende Silben

Morihei Ueshiba, der auch O’Sensei, der erleuchtete Meister, genannt wird, wurde 1883 in Tanabe/Japan als vierter Sohn eines wohlhabenden Bauern geboren. In jungen Jahren erlernte er die traditionellen Kampfkünste Daitô Ryû, Jujutsu, Kenjutsu und Sôjutsu und zog in den russisch-japanischen Krieg (1904-1905). Nach seiner Rückkehr schloss er sich für kurze Zeit einer Sekte an, die sein Denken über die Kampfkünste wesentlich beeinflusste.

Ueshiba kehrte der Sekte den Rücken, entwickelte jedoch auf Basis der dort gemachten spirituellen Erfahrungen seine eigene Form der friedfertigen Kampfkunst - Aikido. Die drei Silben AI, KI und DO erklären, worum es im Wesentlichen geht. AI steht im Japanischen für Freundschaft, Gleichgewicht und Harmonie, KI bedeutet Energie, Geist und Wille und DO bezeichnet den Weg bzw. die Philosophie.

Als Meister praktizierte und unterrichtete Ueshiba die neue Kampfkunst viele Jahre lang in seinem Dojo in Iwama, 100 Kilometer nördlich von Tokio. Ein Hauptprinzip lag für ihn im Schutz und in der Achtung des Anderen. Wohl nicht zufällig war Aikido die erste Kampfkunst, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Japan wieder praktiziert werden durfte.

Der Gründungslegende zufolge erkannte Ueshiba in einer Art Erleuchtungserlebnis die Einheit des Universums. Wie bei jeder asiatischen Kampfkunst ist der körperlich ausgetragene Konflikt somit nur eine Dimension - viel wesentlicher ist die geistige Weiterentwicklung durch die Praxis.

Der Grazer Psychotherapeut Rainer Dirnberger (53) ist einer, der sich lange mit dem psychischen Wachstumspotential, das dem Aikido zugrunde liegt, beschäftigt hat. 2013 publizierte er ein Buch dazu: "SELE. Selbsterkenntnis durch Leiberfahrung. Eine Synthese aus Psychotherapie und der Kampfkunst Aikido" (Books on Demand, Norderstedt Paperback Verlag). Dabei war es mehr ein Zufall, der ihn 1985 erstmals selbst auf die Matte brachte. Zwei sehr überzeugende Freunde und die Tatsache, dass gesundheitlich etwas getan werden musste, waren der Auslöser dafür.

Gewaltfreier Kampf

"Ich war mein Leben lang so pazifistisch eingestellt, dass ich mir unmöglich vorstellen konnte, je selbst eine Kampfkunst auszuüben", erzählt Dirnberger im Rückblick. Doch schon die erste Stunde "wirkte". Dirnberger war erstaunt und fasziniert zugleich - anstatt eines Kampfes gegeneinander erlebte er eine große Freude am gemeinsamen Training.

"Das Faszinierende an Aikido war für mich von Anfang an, dass die Prinzipien Gewaltfreiheit und Widerstandslosigkeit in einer effizienten Technik zusammenkommen. In einer entspannten, ruhigen Haltung wird die Kraft des Gegners aufgenommen und in eine für beide sichere Bewegung gebracht", erklärt Dirnberger das Hauptprinzip des Aikido. Der ausgebildete Transaktionsanalytiker begann sich bald darauf auch als Psychotherapeut mit dem im Aikido praktizierten Konfliktlösungsmodell zu beschäftigen. "Unsere unmittelbaren biologischen Antworten auf Konflikte sind immer Flucht/Vermeidung, Totstellen oder Gegenangriff", sagt Dirnberger und fügt hinzu: "Viele Menschen sind gefangen in der Vermeidungsfalle."

Aikido würde einen sinnvollen alternativen Weg darstellen. "Die Idee ist es, in den Konflikt hineinzugehen, für einen Moment die Perspektive des Angreifers zu übernehmen, und dann die Bewegung sicher zu Ende zu führen." Übertragen auf die Gefühlsebene würde dies bedeuten: Nimm den Konflikt an, anstatt ihn zu vermeiden, aber lass’ nicht zu, dass der Andere dich überwältigt.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-09 16:14:09
Letzte ńnderung am 2017-11-12 15:51:24



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