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Update: 17.11.2017, 15:49 Uhr

Psychologie

Das Janusgesicht der Melancholie




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Von Christa Hager

  • Seit jeher begleitet sie den Menschen mit Trübsinn und Schwermut, aber auch mit Genialität und Tiefsinn. Annäherung an ein Phänomen.

Ein niedergeschlagener Gesamteindruck: Louis Jean Francois Lagrenée, "Die Melancholie" (1785).  

Ein niedergeschlagener Gesamteindruck: Louis Jean Francois Lagrenée, "Die Melancholie" (1785).  © Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=23442732 Ein niedergeschlagener Gesamteindruck: Louis Jean Francois Lagrenée, "Die Melancholie" (1785).  © Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=23442732

Melancholie kann zu Poesie, zu Kunst führen, aber auch im Wahnsinn enden. Auch wenn der Begriff heutzutage meist synonym für Traurigkeit verwendet wird, so durchzieht die Melancholie seit der Antike philosophische und medizinische Schriften und gilt als Quelle der Inspiration für Schriftsteller und Künstler. Will man der Melancholie auf den Grund gehen, so überwältigt nicht nur ein unüberschaubares Konvolut an medizinischen, philosophischen und kulturwissenschaftlichen Büchern zum Thema, sondern auch eine ungeheure Anzahl an Affirmationen. Eine eindeutige Definition von Melancholie zu geben, scheint angesichts dessen aussichtslos. Der Versuch einer Annäherung an ein janusköpfiges Phänomen in elf Thesen.

*****

Melancholie ist eine Krankheit. Diese häufige Analogie, Melancholie sei gleichzusetzen mit Depression, ist falsch. Im 20. Jahrhundert wurde der Begriff Melancholie zunehmend aus den medizinisch wissenschaftlichen Abhandlungen gestrichen und durch Depression ersetzt. Heute wird sie als Krankheitsbezeichnung nicht mehr verwendet, in der International Classification of Diseases (ICD 10) ist sie nicht aufzufinden.

Zwar besteht Melancholie im herkömmlichen Sprachgebrauch weiter, aber sie bedarf – im Unterschied zur Depression – keiner medizinischen Intervention mehr. Und im Unterschied zur Depression umschreibt Melancholie einen Zustand, den man durchaus auch genießen kann.

Richtig ist hingegen, dass es eine Verbindung zwischen gewissen Ausprägungen der Melancholie und Krankheit gibt. Diese geht zurück in die Antike und verleiht der Melancholie seither ihr Janusgesicht. So galten Melancholiker damals als geniale Menschen: Die Philosophen, Politiker, Dichter und Künstler erschufen ihre Werke nicht ohne Nachdenken, Tiefsinn und Zweifel. Andererseits nahm man seit den hippokratischen Schriften aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. an, dass sich Melancholiker im Ungleichgewicht befänden, durch ein Übermaß an schwarzer Galle (gr. melas = schwarz; cholé = Galle), eine der vier charakterbildenden Körpersäfte. Dieser Überfluss wurde übrigens nicht nur für Schwermut verantwortlich gemacht, sondern unter anderem auch für Schlaganfälle, Schuppenflechte, Flatulenz, Frostfieber, Magenschmerzen oder Wurmbefall.

Die Bedeutung und Interpretation von Melancholie schwankt seither zwischen diesen beiden Polen, zwischen der medizinischen Betrachtung und einer Wesensart des Menschen.

Im Reich der Acedia: Hieronymus Boschs "Johannes der Täufer in der Wüste." 

Im Reich der Acedia: Hieronymus Boschs "Johannes der Täufer in der Wüste." © gemeinsfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=148079 Im Reich der Acedia: Hieronymus Boschs "Johannes der Täufer in der Wüste." © gemeinsfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=148079

Die Idee der schwarzen Galle fand im Mittelalter ihre Fortsetzung. Vermutet wurde ihr Sitz in der Milz, (in der spleen, wie das Organ auf Englisch heißt), verbunden wurde sie nunmehr mit theologischen Dogmen. Die von katholischen Institutionen als acedia (Trübsinn, Trägheit) bezeichnete Melancholie wurde als schwere Sünde verstanden, als eine Art Wahnsinn, von dem vor allem Mönche heimgesucht wurden.

In den Fokus der Medizin rückte die Melancholie erst so richtig im Zeitalter der Aufklärung, als Mediziner ihre Ursache im Nervensystem vermuteten und wesentliche Züge der Melancholie als psychiatrische Symptome pathologisierten. Da diese zunehmend unüberschaubar wurden, subsumierte sie der deutsche Psychiater Kraepelin 1899 schlussendlich auf das Syndrom "manisch-melancholisches Irresein".

Die Grenzen zwischen Melancholie und Depression sind porös. Das ist wiederum richtig. Wenn sich Melancholie ins Extreme steigert und als quälend empfunden wird, wenn aus Nachdenklichkeit endlose Grübelei wird, das Traurigsein zu Verzweiflung verkommt, der Körper kraftlos ist und Todessehnsucht aufsteigt –, dann findet die Melancholie ihre Steigerung in der Depression.

Wenngleich, wie der englische Psychologe Neel Burton im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" betont, heutzutage sowohl die Bezeichnung depressive Verstimmung als auch die der Depression sehr leichtfertig gebraucht werden: "Viele Menschen verwenden die Begriffe, um sich auf normale Enttäuschungen oder Traurigkeit zu beziehen. Das Konzept der Depression wird als psychische Störung, d.h. als eine biologische Erkrankung des Gehirns, unnötig überbeansprucht, indem alle Arten des menschlichen Leidens umfasst werden. Was nicht bedeutet, dass das Konzept der Depression als psychische Störung für schwerere bis schwere Fälle, die behandelt werden müssen, nicht hilfreich sein kann. Aber das gilt wahrscheinlich nicht für die Mehrzahl der Fälle, die meistens mild oder kurzlebig sind, und als zur menschlichen Natur zugehörig interpretiert werden können." Leiden gehört demnach zum Menschsein und ist nicht per se eine Krankheit.

Melancholie ist männlich. Die Genies sind Männer, die Frauen Verrückte. Auch hier zeigt sich das Janusgesicht der Melancholie. Das bekannteste Beispiel ist wohl Shakespeares Hamlet. Verglichen mit der heroisch anmutenden Melancholie des Hamlet, erscheint der durch Wahnsinn ausgelöste Selbstmord Ophelias als typisch weiblich, als Zeichen von Schwäche. Abgesehen von Frauenbildern als allegorische Repräsentationen männlicher Gefühle wird weibliche Melancholie bis ins 20. Jahrhundert fast ausschließlich besetzt mit Zuschreibungen wie trauernd, wehklagend, irrational.

John Everett Millais, "Ophelia" (1852).  

John Everett Millais, "Ophelia" (1852).  © Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php? John Everett Millais, "Ophelia" (1852).  © Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?

Auch Sigmund Freud unterschied dementsprechend: In seinem 1917 erschienenen Aufsatz"Trauer und Melancholie" beschrieb er den melancholischen Zustand als einen typisch weiblichen, als psychosomatische Reaktion, die dadurch entsteht, wenn der Verlust eines geliebten Objektes unbewältigt bleibt. Im Unterschied zur Trauer würde jedoch bei der Melancholie der Verlust selbst nach längerer Zeit nicht überwunden, sondern führe zu einer Störung bis hin zum Verlust des "Ich selbst".

Auch der englische Theologe Robert Burton, der in seinem 1621 erschienenen Buch "Anatomie der Melancholie" erstmals eine umfangreiche Auseinandersetzung mit dem Thema veröffentlichte, stellte einen Unterschied in der Vehemenz der Melancholie zwischen Frauen und Männern dar. Besonders gefährdet seien "Menschen, die von Natur aus einsam leben, große Bücherwälzer, ganz der betrachtenden Lebensweise verfallen und der aktiven entzogen. (. . .) Beide Geschlechter werden von ihr befallen; aber wenn Frauen daran erkranken, sind sie weit schlimmer und heftiger gepeinigt."

Buchcover  von Robert Burtons "The Anatomy of Melancholy" (1638).
 

Buchcover  von Robert Burtons "The Anatomy of Melancholy" (1638).
 
© Gemeinsfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1982148 Buchcover  von Robert Burtons "The Anatomy of Melancholy" (1638).
 
© Gemeinsfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1982148

Melancholie birgt nicht nur Traurigkeit in sich. Hier gibt der Duden mit einer computergenerierten Wortwolke, die mehr als vier Milliarden Wortformen aus aktuellen Texten heranzieht, Aufschluss: So finden Wörter wie gewiss, tief, heiter, leise, leicht, spüren, schwingen, Komik, Ironie und Humor im Kontext von Melancholie häufig Verwendung.

Melancholie schließt Frohsinn nicht aus, beide können in ein- und derselben Person zu finden sein – wie etwa der traurige Clown, der zum Lachen bringt. Ein anderes Zeugnis darüber legte der englische Dichter Lord Byron ab, als er sich in seinem Tagebuch über die Verwunderung amüsierte, die man ihm bezüglich seiner Heiterkeit entgegenbrachte.

Frohsinn und Trübsinn in einem gilt als Grundparadoxon vieler Romantiker: Sie zelebrierten die Begrenztheit des Seins, die Einmaligkeit der Existenz in Form von Individualität, Extravaganz und Exzentrik. Sie genossen die Welt befreit. Viele starben jung.

Melancholie ist eine Muse. Melancholie kann die Wahrnehmung intensivieren, im Schlechten wie im Guten. Sie inspiriert und wird mit Kunst und Ästhetik assoziiert. Wiedererweckt wurden diese Züge der Melancholie in der Renaissance von dem italienischen Humanisten Marsilio Ficino, als er in seinem "Buch des Lebens" den antiken Gedanken der Melancholie in Verbindung mit Tiefsinn und Genialität wieder aufgriff. Melancholiker als geniale, schöpferische Menschen faszinierten selbst weitaus später noch Immanuel Kant, der ganz entgegen der Tradition seiner Zeit besondere Eigenschaften pries:

"Der, dessen Gefühl ins Melancholische einschlägt, hat vorzüglich ein Gefühl für das Erhabene. Er duldet keine verworfene Untertänigkeit und atmet Freiheit in einem edlen Busen."

Melancholie ist eine Mode. Schwarz ist bis heute ihre (Un-) Farbe, wie man am Gothic-Kult in Musik und Film oder an der Black Box in der bildenden Kunst sehen kann. Von einer ersten Modewelle wurde die Geschichte allerdings bereits am Übergang von der Renaissance zum Barock überrollt, als sich Darstellungen von schwermütigen Liebhabern, bedrückten Reisenden durch Gedichte, Theaterstücke und Gemälde zogen.

Henry Percy, 9th Earl of Northumberland (um 1594) von Nicholas Hilliard.

Henry Percy, 9th Earl of Northumberland (um 1594) von Nicholas Hilliard.© Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2725180 Henry Percy, 9th Earl of Northumberland (um 1594) von Nicholas Hilliard.© Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2725180

Die subjektive Stimmung wurde des Weiteren auf objektive Dinge transferiert, sodass man seither beispielsweise auch von einer "Melancholie des Abends" sprechen kann. Und seit dem Geniekult des 18. und 19. Jahrhunderts zählen die zur Schau gestellten Spleens der Dandys und Flaneure ebenso zum Bild der Melancholie wie die Inszenierung der Langeweile oder die intellektuelle Schwermut von Philosophen wie Kierkegaard, Nietzsche oder Schopenhauer. Zum Genie wurde, wer sich melancholisch fühlte, und nicht, wer melancholisch war.

Melancholie ist Rückzug. Introspektion hieß die Devise, als die Romantiker das Innere des Menschen in den Vordergrund und in den Bereich des Aussagbaren rückten. Weder die äußere Welt interessierte, noch die Menschen. Landschaften dienten als Widerspiegelung von Gefühlen, die Einsamkeit war Ausgangspunkt des Hinabsteigens in das Innere. Der im Zusammenhang Melancholie vielfach zitierte Caspar David Friedrich etwa veranschaulichte mit seinen Bildern nicht nur Introspektion, sondern, entgegen üblicher Deutungen, auch eine Warnung von zu viel davon: So verstand er den vor der kolossalen Kulisse eines dunklen Meeres und Himmels fast verschwindenden schwarzen Mönch als Warnung vor eitler Selbstüberhebung.

Eine Warnung vor dem Zuviel des Selbst: Caspar David Friedrich "Der Mönch am Meer" (1810).

Eine Warnung vor dem Zuviel des Selbst: Caspar David Friedrich "Der Mönch am Meer" (1810).© Google Cultural Institute, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=13266070 Eine Warnung vor dem Zuviel des Selbst: Caspar David Friedrich "Der Mönch am Meer" (1810).© Google Cultural Institute, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=13266070

Melancholie ist unpolitisch. Das liegt in der Natur der Sache. Aber nicht immer. Schon im Mittelalter galten melancholische Menschen als Störenfriede. Und auch in den Gemälden der Melancholiker bleibt die Welt als Schauplatz gesellschaftlicher Interaktion für Melancholiker nicht immer im Hintergrund. Constance Charpentier ließ sich bei ihrem Gemälde "Melancholie" aus dem Jahr 1801 von ihrem Lehrer Jacques-Louis David inspirieren. Der französische Maler hielt in seinem "Schwur der Horatier" (1784) dem französischen Adel den römischen Tugendspiegel vor, indem er einem Kriegsherrn ein Denkmal setzte, der bereit war, seine Söhne für Rom zu opfern. Am rechten Bildrand betrauern Frauen diesen Entschluss. Eine von ihnen nahm sich Charpentier zum Vorbild für ihre in sich versunkene Frau.

Constance Marie Charpentier, "Die Melancholie" (1801)  

Constance Marie Charpentier, "Die Melancholie" (1801)  © gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7755475 Constance Marie Charpentier, "Die Melancholie" (1801)  © gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7755475


Der Zustand der Welt versetzt Menschen in Melancholie. Von Jean Paul stammt hierfür der Begriff des Weltschmerzes – für das besondere Gefühl der Melancholie hinsichtlich der eigenen Unzulänglichkeit als Teil der bestehenden Verhältnisse in der Welt, als Reaktionen des Einzelnen auf historische Entwicklungen. W.G. Sebald etwa erzählt in seinem Roman "Die Ringe des Saturn" vom Scheitern des Versuchs, durch eine Reise der sich in ihm ausbreitenden Leere zu entkommen. Seine Melancholie wird verstärkt durch die Zerstörung der Welt: "Auf jeder neuen Form liegt schon der Schatten der Zerstörung. Es verläuft nämlich die Geschichte jedes einzelnen, die jedes Gemeinwesens und die der ganzen Welt nicht auf einem stets weiter und schöner sich aufschwingenden Bogen, sondern auf einer Bahn, die nachdem der Meridian erreicht ist, hinunterführt in die Dunkelheit."

Melancholie bringt Licht ins Dunkel. Sinnieren als Auszeichnung. Der Melancholiker geht auf in der Kontemplation und hat eine klare Sicht auf die Welt. Er wagt es, sie ohne rosarote Brille zu betrachten und den Dingen auf den Grund zu gehen, auch wenn sich diese oft als Fass ohne Boden entpuppen. "Was ist der Sinn von alldem, Watson?", fragt Sherlock Holmes seinen Kumpanen. "Welchem Zweck dient dieser ewige Kreislauf von Elend, Gewalt und Angst?" Eine Frage, die bis heute nicht beantwortet ist und traurig stimmt.

Kommissar Maigret, Hercule Poirot, Miss Marple, Philip Marlow, Sherlock Holmes oder Columbo: Sie alle klären Verbrechen auf und wissen um das Böse im Menschen. Ihre Arbeit scheint wie der Stein des Sisyphos angesichts der Tatsache, dass auf ein aufgeklärtes Verbrechen ein neues folgen wird. Viele Detektive in Literatur und Film sind Melancholiker und trauern ob der Sinnlosigkeit des unnatürlichen Todes durch Mord. Diese Figuren eint auch ihr Scharfsinn, der sie bei ihrer Arbeit auszeichnet.

Dissertationthema von Van Goghs Arzt Dr. Gachet war: Die Melancholie, Vincent Van Gogh porträtierte ihn 1890.

Dissertationthema von Van Goghs Arzt Dr. Gachet war: Die Melancholie, Vincent Van Gogh porträtierte ihn 1890.© Google arts project, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21880316 Dissertationthema von Van Goghs Arzt Dr. Gachet war: Die Melancholie, Vincent Van Gogh porträtierte ihn 1890.© Google arts project, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21880316

Durch Wahn zum Sinn. Künstlerische Kreativität braucht "meditative und halluzinative Fähigkeiten", meinte einst Max Ernst, der 1937 den riesigen Melancholie-Engel "L’Ange du Foyer" malte. Wohin ein Zuviel führen kann, weiß man unter anderem von van Gogh oder Kleist. Doch auch wenn in der Welt der Kunst, Literatur, Musik und Philosophie viele Leidgeplagte die Möglichkeit fanden, ihre Seelenpein zu nutzen und damit die Welt zu bereichern, sind sie als Genies aus der Psychologie und Psychiatrie verschwunden. Und damit fand auch die Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Wesen des Menschen quer durch die Wissensdisziplinen ein Ende.

Information

Literaturhinweise

  • Raymond Klibansky (Hg.), Saturn und Melancholie: Studien zur Geschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Religion und der Kunst (Suhrkamp 2006)
  • László F. Földényi, Melancholie (Matthes & Seitz 2004)
  • Jean Clair (Hg.), Melancholie. Genie und Wahnsinn in der Kunst (Neue Nationalgalerie Berlin 2005)
  • Wolf Lepenies, Melancholie und Gesellschaft (Suhrkamp 1998)
  • Michel Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft (Suhrkamp 1973)
  • Julia Kristeva, Schwarze Sonne. Depression und Melancholie (Brandes & Apsel 2007)
  • Ulrich Horstmann, Die Untröstlichen: Ein Melancholie-Lesebuch (Lambert Schneider 2011)
  • Josef Zehentbauer, Melancholie: Die traurige Leichtigkeit des Seins (Lehmann 2014)
  • Volker Friedrich, Melancholie als Haltung (GATZA, 1997)

Einzig die Antipsychiatrie führt diese Tradition weiter. Für Michel Foucault etwa bedeutete Wahnsinn eine von der Gesellschaft abgetretene Erfahrungswelt, die seit dem Mittelalter nur noch in den besonders Begabten toleriert wurde und seit der Aufklärung durch "Behandlung" als verschleierte Form der Bestrafung wahrzunehmen ist. "Heute gibt es kaum Zweifel daran, dass es schwere psychische Erkrankungen gibt, aber ihre Natur bleibt unklar, und ein Verständnis für ihren Platz in der Gesellschaft – und ihrer Bedeutung – fehlt immer noch, nicht zuletzt, weil viele Psychiater sich ungern an dieser Debatte beteiligen", kritisiert hierzu der bereits zitierte Neel Burton.

Melancholie ist eine anthropologische Konstante. Gegenthese: Melancholie rückt immer in Zeiten politischer Umwälzungen ins Zentrum der Aufmerksamkeit. So steht sie für den Soziologen Wolf Lepenies stets an einem spezifischen historischen Ort: Trübsinnig sind in der Moderne immer diejenigen, die ihre politische Rolle eingebüßt haben, und sich daher von der Gesellschaft entfernen. Der im 17. Jahrhundert vom König entmachtete französische Adel isolierte sich zum Beispiel fern vom Hof in den Salons und langweilte sich dort. Das deutsche Bürgertum hingegen trauerte Lepenies zufolge einer gesellschaftlichen Position hinterher, die es nie besessen hatte. Sie zogen sich in die Natur oder in die Innerlichkeit zurück.

Zu Kritik an der Melancholie kam es vor allem während der Aufklärung und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. So wetterte etwa Walter Benjamin in seiner Schrift "Linke Melancholie" (1931) gegen die poetologische Haltung von Erich Kästner: "Ihr Takt folgt ganz genau den Noten, nach denen die armen reichen Leute Trübsal blasen; sie sprechen zu der Traurigkeit des Saturierten, der sein Geld nicht restlos seinem Magen zuwenden kann. Gequälte Stupidität: das ist von den zweitausendjährigen Metamorphosen der Melancholie die letzte."





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Dokument erstellt am 2017-11-09 16:52:22
Letzte ─nderung am 2017-11-17 15:49:57



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