• vom 25.11.2017, 17:00 Uhr

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Bulgarische Literatur

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Von Thomas Veser

  • Von der kommunistischen Literaturkritik als Ort des sozialen Elends verdammt, ist die Hauptstadt Sofia heute der mit Abstand beliebteste Ereignisort in der bulgarischen Gegenwartsliteratur.



Die einstige Pracht der bulgarischen Hauptstadt lässt sich nur noch erahnen.

Die einstige Pracht der bulgarischen Hauptstadt lässt sich nur noch erahnen.© Veser Die einstige Pracht der bulgarischen Hauptstadt lässt sich nur noch erahnen.© Veser

Wie Sofia gegen Ende des 19. Jahrhunderts aussah, hat der Tiroler Maler Josef Oberbauer in zahlreichen Gemälden festgehalten. Bescheidene Häuser prägten das Erscheinungsbild, die wenigsten Straßen und Plätze waren gepflastert, der Ort wirkte sehr ländlich. Nach einem halben Jahrtausend Osmanenherrschaft fiel die architektonische Bilanz bescheiden aus: Neben einigen größeren Gebäuden gab es ein paar Schulen, dreißig Moscheen, drei Synagogen und eine Handvoll Kirchen.

Information

Thomas Veser, geboren 1957, lebt als Journalist in Konstanz.
Schwerpunkte: Kulturgeschichte, Denkmal- und Umweltschutz, Reisethemen.

Als symbolträchtigstes Gotteshaus galt damals die Sophienkirche, eine schlichte Kreuzbasilika aus römischer Zeit, als der Ort noch Serdica hieß. Die Türken benannten Serdica in Sredez um und nutzten die Kirche erst als Moschee, dann als Warendepot. Durch ein Erdbeben beschädigt, lieferte die Backsteinkirche am 4. Januar 1878 eine würdige Kulisse für den Gottesdienst zu Ehren der Befreiungstruppen des russischen Generals Gurko.

Bis 1914 verwandelte ein beispielloser Bauboom Sofia in eine ansehnliche Hauptstadt, die von 300.000 Menschen bewohnt wurde. Österreichische Architekten, darunter Peter Paul Brang und Friedrich Grünanger, entwarfen nach dem Vorbild der Wiener Ringstraße elegante Wohn- und Geschäftshäuser und schufen neben etlichen Stadtpalästen das Fürstenschloss. Von Grünanger stammt der Entwurf für die gewaltige Zentralsynagoge nach dem Vorbild der Wiener Synagoge Leopoldstädter Tempel. Einheimische Nachwuchsarchitekten holten sich damals üblicherweise in Wien den letzten Schliff.

Die einstige Pracht lässt sich heute freilich nur noch erahnen: Alliierte Luftangriffe gegen Ende des Zweiten Weltkriegs haben das Architekturerbe größtenteils in Schutt und Asche verwandelt.

Rasanter Aufstieg

Der Aufstieg zum politischen und kulturellen Mittelpunkt des Balkanlandes hat auch in der bulgarischen Literatur deutliche Spuren hinterlassen. Standen Ende des 19. Jahrhunderts noch Dörfer und die kleinen Städte der Wiedergeburtszeit thematisch im Vordergrund, schälten sich bald die Umrisse der modernen Großstadt heraus, meist mit direkten Bezügen zu Sofia. Seit dem Ersten Weltkrieg dominiert die Hauptstadt als zentraler Ereignisort in der fiktionalen Topografie. Und spätestens seit den 1920er Jahren zeichnete sie sich in der Literatur durch ein scharfes Profil aus. Gleichzeitig erfreuten sich auch ländliche Themen unangefochten großer Popularität.

Zwei Schriftstellermonumente, auf einer Bank in Sofia vereint: Pentscho Slawejkow (links) und sein Vater Petko.

Zwei Schriftstellermonumente, auf einer Bank in Sofia vereint: Pentscho Slawejkow (links) und sein Vater Petko.© Veser Zwei Schriftstellermonumente, auf einer Bank in Sofia vereint: Pentscho Slawejkow (links) und sein Vater Petko.© Veser

Eng mit der auf Sofia bezogenen Zwischenkriegsliteratur verbunden sind die Namen Cavdar Mutafov, Svetoslav Minkov und Georgi Rajcev. Avantgardistische und expressionistische Stilelemente prägen die moderne Sprache ihrer Erzählungen, in denen die Großstadt - wie etwa in Mutafovs Werk "Der Dilettant" - bisweilen beunruhigend und gar dämonisch wirkt. Diese auch heute noch unterschätzte Strömung war bereits von der kommunistischen Literaturkritik zwischen 1950 und 1989 übergangen worden.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-23 17:53:09
Letzte nderung am 2017-11-24 12:24:35



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