• vom 10.12.2017, 13:00 Uhr

Vermessungen


Transhumanismus

Biotechnologischer Stalinismus?




  • Artikel
  • Lesenswert (11)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Adrian Lobe

  • Der Transhumanismus will die Grenzen der Biologie sprengen und den Menschen zum "Cyborg" aufrüsten. Unklar ist, ob dabei mehr Emanzipation oder Unterjochung herauskommt.



"Robot Couture", ein Exponat in Cyborg-Outfit von Thierry Mugler, New York 2006.

"Robot Couture", ein Exponat in Cyborg-Outfit von Thierry Mugler, New York 2006.© Robyn Beck/afp "Robot Couture", ein Exponat in Cyborg-Outfit von Thierry Mugler, New York 2006.© Robyn Beck/afp

Es ist schon eine seltsame Koinzidenz: Während sich in Washington die Dystopie eines militärisch-industriellen Komplexes materialisiert, in dessen Mitte ein Baulöwe und Reality-TV-Star zum Abbruchunternehmer des Westens mutiert, entwickeln die En-trepreneure aus dem Silicon Valley die Utopie, die Menschheit auf die nächste zivilisatorische Stufe zu heben. Der Techno-Utopist und Tesla-Gründer Elon Musk hat kürzlich ein Start-up aufgekauft, das an Hirnimplantaten forscht, mit denen es möglich sein soll, das Gehirn mit Computern zu vernetzen. Der Mensch, ist Musk überzeugt, müsse langfristig mit der Technik verschmelzen, sonst werde er inmitten der künstlichen Umgebungsintelligenz überflüssig.

Die Bewegung des Transhumanismus, die sich schon immer als Avantgarde des technischen Fortschritts verstand und in deren Tradition sich Musk offenbar sieht, ist von der Idee beseelt, die Grenzen der Biologie zu sprengen. Der Körper wird trainiert, modelliert, optimiert, Defizite und Verschleißerscheinungen mit Implantaten und Prothesen korrigiert, das Gehirn mit leistungssteigernden Substanzen gedopt und mit Nanobots verdrahtet. Am Ende dieses Optimierungsprozesses steht die Vision eines perfekten, gottgleichen Wesens, das sich als Mensch-Maschine-Hybrid reibungslos in die Roboterwelt einpasst.

Verlassen des Körpers

Die kanadischen Medienphilosophen Arthur und Marilouise Kroker gaben die Maxime aus: "Wir leben in einer entscheidenden historischen Phase: der Ära des Transhumanen. Dieses Zeitalter ist charakterisiert durch ein gnadenloses Bemühen seitens der virtuellen Klasse, das Verlassen des Körpers zu forcieren, die sinnliche Wahrnehmung auf den Müll zu werfen und stattdessen eine entkörperte Welt von Datenströmen zu ersetzen." Gleichwohl wird bei den Transhumanisten nicht ganz klar, worin die Finalität bzw. der teleologische Zweck besteht. Geht es darum, den Menschen durch ein "Upgrade" anschlussfähig an die Maschinen zu machen oder ihn zum willfährigen Automaten zu zerlegen, der auf Knopfdruck funktioniert? Ist der Transhumanismus ein Emanzipationsprojekt oder ein autoritärer Unterjochungsplan?

Information

Adrian Lobe, geboren 1988 in Stuttgart, studierte Politik- und Rechtswissenschaft und schreibt als freier Journalist für diverse deutschsprachige Medien.


Mark O’Connell hat kürzlich im "New York Magazine" unter der Überschrift "The New Far Right - The Techno-Libertarians Praying for Dystopia" eine seltsame Mutation in der Entwicklungslinie des Transhumanismus identifiziert. Die Vorstellung, dass die Spezies Mensch obsolet werden könnte und Computermacht über alle Werte hin erstrebenswert sei, habe eine mächtige Gruppe techno-libertärer Futuristen angezogen, die den Transhumanismus in einen rechtsgerichteten Autoritarismus umcodieren wollen.




weiterlesen auf Seite 2 von 4




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-12-07 15:50:05
Letzte ńnderung am 2017-12-07 17:39:09



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Was bleibt?
  2. Der musealisierte Nationalstaat
  3. "Konservieren hat mit Beziehungspflege
    zu tun"
  4. "Eine völlig neue Art des Arbeitens"
  5. "Geld allein ist das absolut Gute"
Meistkommentiert
  1. Was bleibt?
  2. Der musealisierte Nationalstaat
  3. "Geld allein ist das absolut Gute"
  4. "Eine völlig neue Art des Arbeitens"

Werbung




Werbung


Werbung