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Update: 27.12.2017, 16:16 Uhr

Lutherjahr 2017

Der fremde Ahnherr




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Von Hermann Schlösser

  • Die evangelische Kirche hat sich im Gedenkjahr "500 Jahre Reformation" gut dargestellt, doch ist fraglich, ob die historische Gestalt Martin Luthers dabei nicht missverstanden wurde.

Das Denkmal für den Reformator Martin Luther neben dem Turm der Stadtkirche auf dem Markt in Wittenberg. - © APAweb/dpa, Hendrik Schmidt

Das Denkmal für den Reformator Martin Luther neben dem Turm der Stadtkirche auf dem Markt in Wittenberg. © APAweb/dpa, Hendrik Schmidt



Vom Zeitgeist übermalt: Eine Lutherfigur vor der evangelischen Apostelkirche in Münster/Westfalen.

Vom Zeitgeist übermalt: Eine Lutherfigur vor der evangelischen Apostelkirche in Münster/Westfalen.© Ullstein Bild/Werner Otto Vom Zeitgeist übermalt: Eine Lutherfigur vor der evangelischen Apostelkirche in Münster/Westfalen.© Ullstein Bild/Werner Otto

Am 31. Oktober 1517 veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen über den Ablasshandel, das Bußetun und das Papsttum. Es wurde und wird gern erzählt, der Augustinermönch habe seine Schrift eigenhändig mit wuchtigen Hammerschlägen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche genagelt, aber das ist wohl eine der vielen Legenden, die sich um die übermächtige Figur des Reformators ranken. Sicher ist jedoch, dass diese auf Latein geschriebenen Thesen, die der gelehrte Dr. Luther zunächst nur an ausgewählte Personen verschickt hat, einen Prozess in Gang setzten, der schließlich auf eine Spaltung des Christentums in zwei Konfessionen hinauslief.

Der 31. Oktober 1517 ist aber nicht nur ein Datum der Kirchengeschichte. Michael Bünker, der Bischof der österreichischen evangelischen Kirche A. B. (Augsburger Bekenntnis), hat am Beginn des Gedenkjahres in einem gewichtigen Beitrag für die "Wiener Zeitung" die überkonfessionelle Wirksamkeit des Reformationsgeschehens prägnant zusammengefasst: "Die Reformation hat aus vielfältigen Reformationen bestanden, sie war ein gesamteuropäischer Aufbruch von letztlich weltgeschichtlicher Bedeutung und weltweiter Auswirkung."

Information

Literaturhinweis: Udo Di Fabio/ Johannes Schilling (Hrsg.): Die Weltwirkung der Reformation. Wie der Protestantismus unsere Welt verändert hat. C.H. Beck Verlag 2017, 206 Seiten, 17,50 Euro.

Hermann Schlösser
, geboren 1953, Literaturwissenschafter, war von 1997 bis 2017 "extra"-Redakteur bei der "Wiener Zeitung".

Diese Einsicht ist nicht neu. Nicht nur evangelische Theologen, sondern auch Philosophen, Historiker und Sozialwissenschafter haben das Wirken Martin Luthers immer wieder als Initialzündung eines komplexen Prozesses gedeutet, an dessen Ende die säkularisierte, vielfältig ausdifferenzierte, individualistische "Neuzeit" steht, in der wir vermutlich nach wie vor leben.

Wenn also 2017 der 500. Jahrestag eines religionsgeschichtlichen Ereignisses gewürdigt wurde, vergewisserte sich die Evangelische Kirche ihrer Gründungsumstände. Das Zentrum der festlichen Aktivitäten lag naturgemäß in Deutschland, dem Kernland der Reformation, doch wurde auch anderswo kräftig gefeiert, und das nicht nur von bekennenden Protestanten. Denn die westliche Moderne versteht das Reformationsgeschehen eben nach wie vor als wesentliches Element ihrer eigenen Vorgeschichte.

"Luthersocken"

Wie bei einer groß angelegten, auch kommerziell ergiebigen Jubiläumsfeier nicht anders zu erwarten, wurde auch beim Reformationsgedenken der Versuch gemacht, den heutigen Menschen entgegenzukommen. Im Zentrum der diversen Ausstellungen, Seminare und Festakte stand die Frage, was ein Ereignis, das vor einem halben Jahrtausend stattgefunden hat, uns Heutigen noch zu sagen hat. Bei den Antworten entwickelte der Protestantismus sogar einen Sinn für Humor und Selbstironie, was ganz gewiss nicht zu seinen historisch gewachsenen Kernkompetenzen gehört. In der Lutherstadt Wittenberg und im Online-Versandhandel wurden z. B. "Luthersocken" mit der aufgestickten Inschrift "Hier stehe ich und kann nicht anders" angeboten. (Auch mit englischer Inschrift erhältlich: "Here I stand. I can do no other.") Und in Wien fand am 30. September 2017 auf dem Rathausplatz ein großes Fest statt, bei dem unter anderem ironische Damen-T-Shirts mit der Aufschrift "Sünderin" erhältlich waren.




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Dokument erstellt am 2017-12-21 16:47:13
Letzte Änderung am 2017-12-27 16:16:45



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