
Detaillierte Mensch-Mond-Phantasien und Vorstellungen darüber, wie eine Reise zum Mond und zurück aussehen könnte, beschäftigten schon den Science-Fiction-Opa Jules Verne. Die Begeisterung des Autors der Romane "Reise zum Mond" und "Reise um den Mond" für die silbrige Scheibe am Himmel war prototypisch für eine im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts weit verbreitete Passion. Zu dieser Zeit kam offenbar das Wort "erhaben" in Mode, wie Erfolgsautor Alain de Botton in "Die Kunst des Reisens" anführt, das die damaligen Empfindungen beim Betrachten von Schluchten, Gletschern, von Ozeanen bei Stille oder Sturm und eben auch des Nachthimmels treffend beschrieb.
Für De Botton war es kein Zufall, "dass die westliche Hinwendung zu erhabenen Landschaften gerade in dem Augenblick einsetzte, als die Akzeptanz tradierter Gottesbilder zu schwinden begann (. . .) Es ist, als ob solche Orte Reisenden zu transzendenten Erfahrungen verhalfen, die sie in den Städten und auf dem bäuerlich bewirtschafteten Land nicht mehr machen konnten."
Instabiles Zauberlicht
Im deutschsprachigen Raum entstand spätestens seit der Romantik eine sehr spezielle Beziehung zu unserem nächsten Nachbarn im All. Vor allem für schlaflose wie naturverbundene Dichter und Maler wurden Mondnächte mit ihrem "Zauberlicht" (Ludwig Tieck) zu einem zentralen Topos des künstlerischen Schaffens. Das silbrig-milde Licht des Mondes ist aber unzuverlässiger als das seines Gegenstücks, der Sonne, die für Klarheit und Intensität steht.
Nach Ansicht des Literaturwissenschafters Mathias Mayer ist es gerade dieses Unbeständige und Instabile, was den Mond menschlich und "zu einem natürlichen Verbündeten menschlicher Existenz" mache. Doch der Mond erhellt auch das nächtliche Dunkel und kann ihm bisweilen sogar eine dramatische Dimension verleihen, wie in dem 1609 entstandenen Bild "Flucht nach Ägypten" von Adam Elsheimer, dem die erste annähernd korrekte Darstellung eines nächtlichen Sternenhimmels inklusive Mond zugeschrieben wird. Das Wechselhafte, das Zu- und Abnehmen des Mondes hat diesen allerdings auch in Verruf gebracht.
Was sich seit einigen Jahren beobachten lässt, könnte man als romantische oder esoterische Renaissance des Mondes bezeichnen. Es gibt mittlerweile Millionen Mondverehrer, die Mondkalender besitzen und den Termin für ihren Haarschnitt im Einklang mit den Mondphasen festlegen. In Bio-Supermärkten werden Vollmondabfüllungen von Mineralwasser angeboten, und dem Luna-Yoga wird ein positiver Einfluss auf die Fruchtbarkeit nachgesagt. Hinter diesem Mondzauber steckt viel Glaube - wissenschaftlich belegen lässt er sich nicht, wie selbst die "Mond-Pionierin" Johanna Paungger offen eingestand. Dennoch: Seit dem Erfolg ihres Ratgebers "Vom richtigen Zeitpunkt - Die Anwendung des Mondkalenders im täglichen Leben" erhält sie körbeweise Briefe von Anhängern, ihre Bücher und Kalender wurden millionenfach verkauft und bereits in zwanzig Sprachen übersetzt.
Im Volksglauben reichen die vermuteten Verbindungen über den Mond und seinen Einfluss auf die Erdbewohner weit zurück: Verdunkelte sich im Mittelalter der Mond bei einer Mondfinsternis, "dann halfen die Bauern ihm, sich wieder zu erholen, indem sie aus vollen Kräften die Trompete bliesen und Schellen schwangen. Sie fürchteten, mit dem Verlöschen des Gestirns, das alles tierische und pflanzliche Leben lenkte, würde auch dieses aufhören", beschreibt der Italiener Vito Fumagalli in seinem Werk "Wenn der Himmel sich verdunkelt" das Lebensgefühl der damaligen Menschen. Abergläubische Vorstellungen wie jene, dass Arbeit bei Mondlicht unweigerlich eine Ohrfeige durch eine unsichtbare Hand nach sich ziehe, waren noch im mitteleuropäischen 19. Jahrhundert verbreitet.
Die Mondgläubigkeit wurde aber auch von Scharlatanen wie dem sogenannten "Monddoktor" Weisleder missbraucht, der in Berlin Ende des 18. Jahrhunderts seine Patienten die erkrankten Körperteile einfach Richtung Mond halten ließ. Die heutige Mondverehrung war für den Rüsselsheimer Filmemacher Thomas Frickel Anlass, die "antimoderne Massenflucht in Esoterik, Okkultismus und Innerlichkeit" zu beleuchten. Entstanden ist daraus 2010 die Dokumentation "Mondverschwörung", einer irritierenden Reise zu esoterischen Mondbeschwörern und antisemitischen Mondverschwörern. Der Film zeigt, dass der Mond in esoterischen Parallelwelten eine zentrale Rolle spielt.
Emotionale Bande
Mindestens genauso abwegig wäre es allerdings auch, jegliche Esoterik über denselben Kamm zu scheren. In einer Zeit, in der sich scheinbar feste Weltbilder aufgelöst haben, zeigt sich, dass viele Menschen im Grunde immer noch (oder wieder) ein romantisches Verhältnis zum Mond haben. Möglicherweise bildet diese Art der zum Teil weltanschaulich aufgeladenen Mensch-Mond-Beziehung ein Gegengewicht, für das es offenkundig gerade in aufgeklärten Gesellschaften ein starkes Bedürfnis gibt. Der Sachbuchautor Brunner formuliert es so: "Der Wunsch, eine Verbundenheit mit den Naturkräften zu empfinden oder widerherzustellen", entspreche "einem tiefen menschlichen Bedürfnis - besonders in einer Welt, deren Kräfte und Mechanismen sich allzu oft (. . .) unserem Zugriff und unserer Kon-trolle entziehen".
Nach wie vor pflegen wir also eine enge emotionale Verbindung zu unserem vertrauten und nächsten Nachbarn am Himmel, der gewiss über Länder- und Kulturgrenzen hinweg ein Symbol für alle Sehnsüchtigen und Melancholiker bleiben wird. Nur seine "Bedeutung erklärt sich nicht mehr von selbst; er hat seine Stimme‘ verloren", konstatiert Brunner. Der Kulturhistoriker berichtet von einer Installation, die der koreanische Videokünstler Nam June Paik im Jahr 1967 geschaffen hat: "Moon is the oldest television". Ist das nicht eine schöne Einladung, zumindest vorübergehend offline zu sein?
Haruki Murakami lässt einen seiner Protagonisten sagen: "Der Mond ist schön, wenn man ihn nach langer Zeit mal wieder betrachtet. Es wird einem ganz friedlich zumute." Wem der bloße Anblick zu puristisch sein sollte, der kann sich dazu vom Weltraumpop-Geplätscher der französischen Band "Air" ("Moon Safari" und "Le voyage dans la lune") berieseln lassen - die hatten nämlich auch schon immer ein Faible für den Mond.
Literatur:
Bernd Brunner: Mond. Die Geschichte einer Faszination. Verlag Antje Kunstmann, München 2011.
Haruki Murakami: 1Q84. Dumont, Köln 2010 und 2011.
Sonja Panthöfer, geboren 1967, arbeitet als Journalistin und Coach und lebt in München.