• vom 27.04.2012, 14:30 Uhr

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Update: 27.04.2012, 16:44 Uhr
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Vor 50 Jahren entstand Österreichs erste Plattenbausiedung

Wohnraum aus der Fabrik



Mit seiner Rede auf der Unionskonferenz der Baufachleute der UdSSR beendete Nikita Chruschtschow 1954 die verschwenderische Ära der repräsentativen Architektur der Stalin-Zeit, in der an den Bedürfnissen der verarmten sowjetischen Gesellschaft vielfach vorbeigeplant wurde.

Plattenbau in Wien: die Per Albin Hansson-Siedlung Ost in Favoriten.

Plattenbau in Wien: die Per Albin Hansson-Siedlung Ost in Favoriten.Foto: Buchhändler/Wikimedia Commons Plattenbau in Wien: die Per Albin Hansson-Siedlung Ost in Favoriten.Foto: Buchhändler/Wikimedia Commons

Stalin hatte Millionen Obdachlose hinterlassen, weshalb sein Nachfolger nun die rasche Linderung der ärgsten Wohnungsnot durch billige Plattenbauten forderte. Die sogenannten Chrusch-tschowkis, vier- und fünfgeschossige Plattenbauten, prägten schon wenig später die gesamte UdSSR: Im europäischen Landesteil dienten sie dem Wiederaufbau der 1700 im Zweiten Weltkrieg zerstörten Städte - und Sibirien wurde durch die Platte erst so richtig urbanisiert.

Das "Neue Bauen"
Nach sowjetischem Vorbild setzten auch die Bruderstaaten Osteuropas auf den rationalisierten Wohnbau, sodass die bald allgegenwärtigen Plattenbausiedlungen zum Synonym für kommunistische Städte und sozialistisches Leben wurden. Dabei zielten die Vorläufer des industriellen Massenwohnbaus auf ein leistbares kleinbürgerliches Wohnidyll ab.

So ließ einer der Pioniere des "Neuen Bauens" der 1920er und 30er Jahre, Walter Gropius, in seiner Versuchssiedlung Dessau-Törten über 300 Einfamilienhäuser aus vorgefertigten Bauteilen zu einer Gartenstadt für eine eher mittelständische Bewohnerschaft montieren. Standardisierte Betonsegmente wurden dabei auf Schienen zur Baustelle gebracht und dort von Kränen zusammengesetzt. Ähnlich erfolgte die Errichtung der Frankfurter Römerstadt durch Ernst May, der wenig später, angesichts der Wirtschaftskrise in Deutschland, mit einer ganzen Gruppe von Planern in die damals aufstrebende UdSSR ging.

Vier Jahrzehnte später fehlte es ebendort an den erforderlichen Mitteln, um qualitätvoll planen und bauen zu können. Aus der Not heraus, möglichst viel an Infrastruktur - sprich Straßen und Tramwayschienen, Wasser- und Kanalleitungen - einsparen zu müssen, wurden die Plattenbausiedlungen in der Ära Breschnew immer höher und dichter. Ab den 1970er Jahren entstanden 11- und 16-geschossige Wohnscheiben sowie 16- und 22-stöckige Punkthochhäuser, die wahrlich mons-tröse Gebäudeschluchten erzeugten. Die Qualität der Platten, die Gestaltung der Freiräume sowie die Versorgung der Siedlungen ließen speziell in den 1980er Jahren angesichts des wirtschaftlichen Niedergangs des Ostblocks mehr und mehr nach.

Immerhin gab es in der UdSSR eine gewisse typologische Vielfalt: Angepasst an die unterschiedlichen Klimazonen im größten Land der Erde wurden vier unterschiedliche Plattenbausysteme entwickelt. Dies ermöglichte auch den Export der Platte in die gesamte sozialistische Welt - von Vietnam über Angola bis nach Kuba.

In der DDR kam dem Wohnbauprogramm eine geradezu identitätsstiftende Funktion zu. Die Lösung der Wohnungsknappheit durch Neubauten galt als eines der obersten Ziele der Regierung - während sie historische Altstädte und ausgedehnte Gründerzeitviertel als Zeugnisse der bürgerlich-kapitalistischen Vergangenheit verfallen ließ. Mit der Platte sollte ab 1955 das in der Verfassung verankerte "Recht auf Wohnen" verwirklicht werden.

Bereits vier Jahre später wurden 80 Prozent aller Neubauwohnungen in Montagebauweise errichtet. Das Prestigeprojekt schlechthin war der Bau des Ost-Berliner Stadtteils Marzahn für 160.000 Einwohner. In einem Akt nationaler Kraftanstrengung wurden zwischen 1977 und 1987 Platten aus allen Teilen des Landes zur größten zusammenhängenden Neubausiedlung Deutschlands montiert.

Die dabei verwendete Wohnbauserie WBS70 war ein Meisterstück an Normierung und Standardisierung - und kam in der gesamten Republik zum Einsatz. Das heißt, jede DDR-Wohnung aus den 1970er und frühen 80er Jahren basierte auf denselben Grundelementen: Sechs Meter breite Platten ergaben sechs oder zwölf Meter breite Wohnungen, mit (oder ohne) sechs Meter breiten Loggien. Egal ob Einraum- oder Vierraumwohnung - jedes Wandelement hatte an denselben Stellen dieselben, gleichgroßen Öffnungen für Fenster oder Türen. Jeder Platte wurden bereits im Betonwerk dieselben Installationsrohre eingegossen, deren Auslässe für Wasser und Strom identisch positioniert waren. So waren DDR-Bürger kaum verwundert, wenn sie in fremde Wohnungen kamen und feststellten, dass diese - zwangsläufig - exakt so eingerichtet waren wie ihre eigenen.

Differenzierungen
Lediglich bei der Außengestaltung bemühten sich die Plattenkombinate der 16 DDR-Bezirke um etwas Differenzierung durch den Einsatz regionaltypischer Materialien. So wurden an der Ostsee einige Reihen Klinker auf die Platten geklebt, in Sachsen Sandstein und im Erzgebirge Schiefer.

In den 1980er Jahren, als die gebaute Monotonie langsam als Problem erkannt wurde, gab es Versuche zur Verniedlichung der Platte. Nun wurden Erker eingesetzt - natürlich normiert und typisiert - oder Dachschrägen vorgetäuscht, um die nüchternen Flachdächer der Plattenbauten zu kaschieren. Im Berliner Nikolai-Viertel versuchte man gar, historische Straßenzüge mit Plattenbauten zu rekonstruieren.

Gleichzeitig schlug sich die ökonomische Krise des Ostblocks auch im DDR-Wohnbau nieder. Wohl einzigartig auf der Welt begann man in den 1980er Jahren, sechsgeschossige Bauten aus Kostengründen ohne Aufzüge zu errichten. Und die ohnehin schon knapp bemessenen Wohnungen wurden noch kleiner.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-26 16:24:13
Letzte Änderung am 2012-04-27 16:44:00


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