• vom 29.06.2012, 15:00 Uhr

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Update: 30.06.2012, 14:29 Uhr

Ukraine

Mit dem Hund im Dnjepr




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Von Christoph D. Brumme

  • Wer mit dem Fahrrad durch die Ukraine fährt, begegnet freundlichen Aussteigern und gemütlichen Schnapstrinkern, die auch während der Fußball-EM nicht in Aufruhr geraten.

Einst war er Webdesigner in Deutschland, heute ist er Bauer in der Ukraine: Jens mit seiner Hündin Irma beim Bad im Dnjepr, dem größten Fluss der Ukraine. - © Privat

Einst war er Webdesigner in Deutschland, heute ist er Bauer in der Ukraine: Jens mit seiner Hündin Irma beim Bad im Dnjepr, dem größten Fluss der Ukraine. © Privat

Julia Timoschenko steckt ihren Kopf durchs Gatter und meckert, als vor ihren Augen einem Hahn der Hals durchgeschnitten wird. Lyudmyla, die Schlächterin, entschuldigt sich bei dem zappelnden Tier. "Verzeih mir, mein Guter, aber sterben müssen wir alle und nun ist deine Seele schon im Himmel." Sie lässt das Blut abfließen und legt den Hahn in dampfendes Wasser. Bereits als Kind hat sie das Schlachten gelernt, dann hat sie Agrarwissenschaft studiert, im Kolchos und in der Fleischfabrik gearbeitet, zum Schlachten hat sie kein sentimentales Verhältnis. Nur um die Kaninchen tut es ihr leid, die muss Jens, ihr deutscher Mann, für den Kochtopf vorbereiten.

Sie ruft nach ihm und bittet ihn, er solle den Hund festhalten, damit der das Blut des Hahns nicht sehe. Julia Timoschenko reißt ihrer Mutter Emma währenddessen das Gras aus dem Maul und pinkelt nebenbei den Enten in den Futtertrog. Jens meint, die junge Ziege verhalte sich genauso wie die echte Julia, nur dass diese hier ein weißes Fell habe, keinen blonden Zopf. "Blöd ist die Ziege ganz gewiss nicht", sagt er. "Sie schafft es zum Beispiel, die Türverriegelungen mit Maul und Hörnern selbst zu öffnen."


Bereitwillig führt Julia ihre Künste vor, als Jens den Riegel nicht im Zaun verhakt. Die eingesperrte Mutterziege sollte eigentlich einen Präsidenten bekommen, der Viktor Janukowitsch heißen sollte, für den 15. Mai war die Geburt erwartet worden. Doch Emmutschka brachte zwei Weibchen zur Welt. So herrscht meistens Frieden im Ziegenstall.

"Als wir noch in Deutschland lebten", erzählt Jens, "waren wir höchstens Besitzer von ein paar Stubenfliegen und einem kleinen Blumenbeet neben der Terrasse. Heute tummeln sich in unsrer kleinen Kolchose über einhundert Nutztiere, Hühner, Gänse, Enten, Kaninchen, Ziegen, und wir bewirtschaften etwa dreitausend Quadratmeter Land."

Hunde heißen "Rex"
Das wichtigste Tier ist allerdings die Schäferhündin Irma. Wenn Jens "Kuss" ruft, schleckt ihm Irma das Gesicht ab. Eigentlich sollte der reinrassige Welpen 200 Euro kosten, doch Lyudmyla erwies sich als geschickte Händlerin und bot dem Züchter ein Fahrrad als Tauschobjekt an. Der Naturhandel ermöglicht vielen Menschen das Überleben, in der Ukraine ist etwa die Hälfte aller wirtschaftlichen Tätigkeiten illegal. Lyudmyla wird einmal die Mindestrente von umgerechnet achtzig Euro erhalten. Irma darf im Schlafzimmer nächtigen, sie begleitet Jens bei seinen Einkäufen im Dorf oder an den Dnjepr. Ukrainer ketten ihre Hunde fast immer an, denn der Gedanke, dass der Hund des Menschen bester Freund sein könnte, ist ihnen fremd.

"Wildfremde Menschen sprechen uns auf Irma an und können kaum glauben, wie lieb und brav ein Hund sein kann", sagt Jens. "Viele Kinder kennen Irma, und möchten sie mal streicheln. Sie rufen schon von weitem nach ‚Rex‘, denn die österreichische Fernsehserie mit dem Hundekommissar ist sehr beliebt."

Seit zwei Jahren leben Lyudmyla und Jens im Dorf Červona Sloboda, Rote Erde. 1923, unter der Sowjetmacht, bekam es seinen heutigen Namen. Vorher hieß esČesarska Sloboda, Perlhuhn-Erde, und zu Ehren der Romanow-Dynastie auchČarska Sloboda, königliche Erde.

Mit dem Fahrrad ist man in wenigen Minuten am Dnjepr, der hier, südlich von Tscherkassy, 13 Kilometer breit ist. Der Kremen-tschuker See, zu dem der Dnjepr unter Stalin flussaufwärts gestaut wurde, hat 2252 Quadratkilometer Wasserfläche - und ist somit viermal so groß wie der Bodensee.

Wir schwimmen im Wasser, Irma leckt seinem Herrchen die Halbglatze ab. Jens sagt, er würde lieber versuchen, bis ans andere Ufer zu schwimmen, als achttausend Kilometer mit dem Rad zu fahren. Obwohl wir uns das Überqueren des Flusses beide nicht zutrauen.

Der fleißige Deutsche
Das Leben im ukrainischen Dorf ist für Jens gesünder als jenes, welches er in Deutschland als Webdesigner und Computerprogrammierer geführt hat. Er hat in den letzten zwei Jahren 50 Kilogramm abgenommen, hat aber immer noch einen mittelgroßen Bauch. Sein Auto hat er verkauft, zu den Märkten nach Tscherkassy fährt er mit dem Bus. Man kennt ihn im Dorf als den fleißigen Deutschen mit den goldenen Händen, der Bad und Küche gefliest und sogar eine Bodenheizung verlegt hat, der sonntags kocht und Kuchen backt und selbst deutsche Würste herstellt. Scherzend sagt er zu Lyudmyla, falls sie ihn einmal aus dem Haus weisen würde, würden ihn andere Frauen aus der Nachbarschaft gerne bei sich aufnehmen.

Wenn er an seine Hochzeit denkt, dann vor allem an den bürokratischen Aufwand, der für sie erforderlich war. Als er endlich glaubte, alle Papiere beisammen zu haben, forderte ihn ein Beamter bei der deutschen Ausländerbehörde auf, die Ehewilligkeit seiner Frau nachzuweisen. Er fragte den Beamten, ob Boris Becker, wenn er eine farbige Frau nach Deutschland holen wollte, auch dieses Papier vorweisen müsste. Die Antwort ärgert ihn noch heute: "Der kann auch Tennis spielen!"

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Schlagwörter

Ukraine, Alltag, Extra

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2012-06-28 18:20:15
Letzte ─nderung am 2012-06-30 14:29:10



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