• vom 05.04.2013, 13:55 Uhr

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Update: 05.04.2013, 13:56 Uhr

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Von der Physik zur Metaphysik




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Von Christian Pinter

  • Vor 100 Jahren ließ sich der englische Komponist Gustav Holst zur Orchestersuite "Die Planeten" inspirieren, worin die Gestirne als Metaphern für Aspekte des menschlichen Lebens fungieren.

Unsere acht Planeten von Merkur bis Neptun. Die Erde ließ Holst in seinem Werk aus, weil sie in der Astrologie (noch) nicht als Planet galt und keine Rolle spielte . . . - © Foto: NASA/JPL

Unsere acht Planeten von Merkur bis Neptun. Die Erde ließ Holst in seinem Werk aus, weil sie in der Astrologie (noch) nicht als Planet galt und keine Rolle spielte . . . © Foto: NASA/JPL

London, 1913: Gustav Holst ist unglücklich. Seine letzten Werke haben Kritiker und Publikum kaum begeistert. Der 38-Jährige kann noch immer nicht vom Komponieren leben. Er betrachtet sich wohl als Versager und hat, wie er selbst schreibt, genug von der Musik. Mit seinem Schicksal hadernd, versinkt er in tiefe Melancholie. Ein Landsmann lädt ihn zu einer Reise nach Spanien ein. Doch auch sie heitert Gustav nicht wirklich auf.

Horoskop-Produktion
Im März und April 1913 findet sich die kleine Reisegruppe auf Mallorca ein. Die Venus gleißt abends im Sternbild Widder, der Saturn prangt darüber im Stier. Der Dramatiker Clifford Bax fesselt Gustav mit seinen Erzählungen über die Astrologie: Die Sterndeuterei ist damals gerade populär; die Spannungen in Europa lösen Zukunftsängste aus.


Davon profitiert in England unter anderem William Allen. Der gescheiterte Kaufmann gibt unter dem Namen "Alan Leo" die Zeitschrift "Modern Astrology" heraus und beschäftigt einen ganzen Stab von Mitarbeitern für die Horoskop-Produktion en gros. Zurück in London, vertieft sich Holst in Leos astrologische Bücher.

Die alten Babylonier, die Griechen und die Römer - sie alle verwoben die durch die Sternbilder wandernden Planeten mit Göttern. Sie wählten dabei Gottheiten aus, die zum Erscheinungsbild des jeweiligen Wandelgestirns passten. Dabei orientierten sie sich an dessen Glanz, Bewegungstempo und Farbton. Im planetaren Lauf, so glaubte man im Zweistromland, täten die Götter ihren Willen und ihre Pläne kund. Diese Vorstellung führte letztlich zur Illusion, das Schicksal und auch den menschlichen Charakter aus der Position der Wandelgestirne ableiten zu können.

Die darauf fußenden astrologischen Regeln sind Tand aus Menschenhand. Doch nicht für Gustav Holst: Er taucht tief in diese Scheinwelt ein und formt daraus das Fundament für sein Orchesterwerk "Die Planeten".

Seit 1914 wohnt der Komponist mit seiner Gattin und seiner Tochter in Thaxted, Essex. Er unterrichtet an der St. Paul’s Girls’ School. In ihrem schalldichten Musikraum verbringt er nun auch viele Stunden seiner Freizeit. Am Klavier erarbeitet er die Sätze für Mars, Venus und Jupiter, für Saturn, Uranus und Neptun. Anfang 1916 ist der Merkur fertig. In Gustavs Planetenreigen fehlt die Erde. Als die Astrologie erfunden wurde, galt sie noch nicht als Planet - sondern als ruhendes Zen-trum des Kosmos. Auch deshalb spielt sie in der Sterndeuterei keine Rolle. Holst ignoriert sie.

Nun beginnt er mit der Orchestrierung. Ihm schwebt ein großes Sinfonieorchester vor, samt Orgel und sechsstimmigem Frauenchor. Bravourös nützt er den orchestralen Klangreichtum, um sieben höchst unterschiedliche Stimmungsbilder zu kreieren. Die Planeten werden darin zu Metaphern für Aspekte des menschlichen Charakters. Sie bilden gleichzeitig die Stationen einer Reise von der ungestümen Jugendzeit bis hin zum beschwerlichen Alter, vom Physischen zum Metaphysischen. Die komplette Suite erklingt erstmals am 15. November 1920 in London.

Der Planet Mars strahlt alle zwei Jahre besonders kräftig. Die Babylonier sahen in ihm den seuchenbringenden Unterweltgott Nergal. Die Griechen erinnerte sein rötlicher Glanz an Feuer und Blut. Sie kürten ihn zum Sinnbild ihres blutrünstigen, kriegerischen Gottes Ares. In Rom verehrte man den Kriegsgott ganz besonders, und zwar unter dem Namen Mars. Soldaten exerzierten auf dem "campus martius", und auch andere Städte erhielten ihr "Marsfeld" oder ihre "Marswiese". Der Monat März ist nach ihm benannt.

Kriegsbringer Mars
Astrologen der Neuzeit sagten jenen, die angeblich unter seinem "Einfluss" geboren wurden, einen Hang zum Brennen, Rauben und Morden nach; sie wären grimmig sowie voller Jähzorn und Bosheit.

Alan Leo erklärte Soldaten, Seeleute, Schlächter, Eisenhändler und Techniker zu den Kindern dieses Planeten. Neben Kampfesmut schenke er aber auch Selbstvertrauen, Unternehmungslust, Stolz, Leidenschaft und Willenskraft; Charakterzüge, die Holst teils auch der Jugend zuschreibt. In der Orchestersuite tritt der Mars äußerst martialisch auf, als "Kriegsbringer" schlechthin. Anfangs erklingt ein hypnotisierendes Ostinato. Es ist, als würden hunderte Speere auf den Boden schlagen. Widerstreitende Fanfaren und Dissonanzen folgen.

Man meint, ferne Salven und Granaten zu hören. Bei der Premiere fühlt sich das Publikum an die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs erinnert - obwohl Holst diesen Satz bereits Wochen vor Beginn des gegenseitigen Abschlachtens schuf. Auch die neuartige musikalische Sprache, der Verlust an Tonalität, verstört etliche Zuhörer. Noch ein knappes Jahrhundert später wird man diesen Teil zur Untermalung von Filmberichten verwenden, die Kriegsgräuel thematisieren.

Astrologisch steht die Venus (hier im Nürnberger Barockgarten) für Schönheit, Zuneigung, Heirat.

Astrologisch steht die Venus (hier im Nürnberger Barockgarten) für Schönheit, Zuneigung, Heirat.© Foto: Pinter Astrologisch steht die Venus (hier im Nürnberger Barockgarten) für Schönheit, Zuneigung, Heirat.© Foto: Pinter

Friedensbotin Venus
Die Venus ist der mit Abstand hellste Planet. In der späten Abenddämmerung gleißt sie in schönstem Weiß am Firmament; eine ideale Zeit für die Liebe. In der frühen Morgendämmerung mahnte ihr Erscheinen einst so manchen Burschen, die heimliche Geliebte zu verlassen - bevor der helle Tag anbrach. Die Sichtbarkeitsperiode dieses Planeten als Abend- oder Morgenstern währt jeweils ähnlich lange wie eine Schwangerschaft. All das war Grund genug für die Griechen, ihn mit der mächtigen Aphrodite zu verbinden. Sie weckte bei Göttern und bei Menschen die Sehnsucht und die Begierde. Die ihr geweihten erotisierenden Kräuter und Pflanzen wurden "Aphrodisiaka" genannt. Der Name ihres römischen Pendants, Venus, steckt hingegen im Venushügel, der Venusmuschel und den venerischen Krankheiten.

Gustav Holst, 1921.

Gustav Holst, 1921.© Foto: wikipedia Gustav Holst, 1921.© Foto: wikipedia

Der schillernde, für Holst klingende Planeten-Reigen . . .

Der schillernde, für Holst klingende Planeten-Reigen . . .© Foto: NASA/JPL Der schillernde, für Holst klingende Planeten-Reigen . . .© Foto: NASA/JPL

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Dokument erstellt am 2013-04-05 13:41:10
Letzte Änderung am 2013-04-05 13:56:45



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