• vom 27.05.2011, 18:35 Uhr

Zeitgenossen

Update: 07.06.2011, 17:23 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Lucifers Nachfahren


Von Christian Hoffmann

Kryptographie, also die Kunst, Geschriebenes zu verschlüsseln, ist wahrscheinlich so alt wie die Schrift selbst. So soll bereits vor 4000 Jahren ein Schreiber des Pharao Khnumhotep II. Wortblöcke in einem Text gezielt vertauscht haben. Der römische Historiker Sueton berichtete im Jahr 120 n. Chr. in seinen Kaiserbiographien, dass vor rund 2000 Jahren Julius Caesar fallweise einen geheimen Code für wichtige Mitteilungen an seine Militärs benützt habe, der auf dem Verschieben von Buchstaben im Alphabet beruht haben soll.

Werbung

Mit modernen Methoden der Kryptographie haben solche Verfahren allerdings sehr wenig gemeinsam. Seit den Tagen der ersten Großrechenanlagen stützt man sich auf die bis dahin unvorstellbaren Fähigkeiten von Computern beim Abarbeiten von komplexen mathematischen Funktionen. Damit wird ein Niveau der Chiffrierung erreicht, gegen das sich geheime Codes, wie sie im Zweiten Weltkrieg verwendet wurden, beinahe kindlich ausnehmen.

Im Jahr 1970 entstand eines der ersten modernen Verschlüsselungsverfahren, das sich nach dem Standard DES (Data Encryption Standard) richtete, den die Nationale Sicherheitsbehörde (NSA) der USA vorgab. Das erste Programm nach diesem Standard entwickelte IBM unter der Aufsicht der Geheimdienste. Es hieß Lucifer und war, wie viele Kritiker meinten, nicht optimal, da zur Verschlüsselung nur 56 Bits statt den optimalen 112 verwendet werden durften.

Die Debatte um Lucifer zeigt vor allem, wie ernst Militärs und Geheimdienste die neuen kryptographischen Möglichkeiten nahmen, die elektronischen Rechnern zugänglich waren. Dass im DES-Standrad nur Schlüssel mit einer maximalen Länge von 56 Bits zum Einsatz kommen durften, hat damit zu tun, dass man hocheffiziente moderne Verschlüsselungsverfahren nicht in den Händen von Privaten sehen wollte. So hatte DES zwei Seiten: Einerseits war der danach entwickelte Programmcode öffentlich und damit vielen Programmieren zugänglich, die ihn weiterentwickelten, auf der anderen Seite blieb die damit programmierte Software weit hinter den Möglichkeiten zurück. Der moderne Standard AES, der im Jahr 1997 festgelegt wurde, arbeitet mit Schlüsseln von mindestens 128 Bit. Auf ihm beruhen seither alle Verschlüsselungen von Funknetzwerken, Internet-Telefonie oder Festplatten.

Wesentlich an der modernen Kryptographie ist vor allem, dass die alten symmetrischen Kodierungsverfahren, wie sie bereits in den Tagen des Julius Cäsar in Gebrauch waren, durch sogenannte asymmetrische Verfahren abgelöst wurden. Bei der Übermittlung einer geheimen Nachricht mussten in Cäsars Tagen ebenso wie im Zweiten Weltkrieg beide Seiten, Sender und Empfänger, den Schlüssel, nach dem codiert wurde, kennen. Die Pointe bei modernen, asymmetrischen Verschlüsselungsverfahren, wie sie heute zum Schutz von E-Mails eingesetzt werden können, besteht darin, dass dieser symmetrische Austausch eines einzigen Schlüssels nicht mehr nötig ist. Diese Verfahren gehen auf die Abschlussarbeit des Studenten Ralph Merkle, Sohn von Schweizer Einwanderern, im Fach Computer Science an der University of California im Jahr 1974 zurück. Bei ihnen gibt es nicht mehr einen einzigen Schlüssel, sondern zwei, einen öffentlichen und einen privaten. Zwischen den beiden besteht eine komplexe mathematische Beziehung, wie sie nur mit einem Computer herzustellen ist. Der Sender verschlüsselt seine Nachricht mit dem öffentlichen, allgemein zugänglichen Schlüssel, der Empfänger kann sie mit seinem privaten Schlüssel dechiffrieren.



Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2011-05-27 18:42:02
Letzte Änderung am 2011-06-07 17:23:20


Werbung



Beliebte Inhalte



"Für mich war Musik schon früh etwas Lebensnotwendiges. Als ich später einmal keine Möglichkeit hatte, Musik zu machen, bin ich depressiv geworden." Walter Arlen - Foto: Bernadette Conrad
  • Der in Wien geborene Komponist Walter Arlen erzählt von den schlimmen Tagen im März 1938, dem Glück, das er in Amerika fand...
  • weiter

Minna Wagner, Porträt von Clementine Stockar-Escher, 1853. - Abb.: Wikip.
  • Dreißig Jahre lang war Richard Wagner mit Minna Planer verheiratet. An ihrer Seite hat er fast alle seine Werke komponiert oder zumindest konzipiert...
  • weiter

Das "Highlinen" in gebirgigen Höhen ist die Königsdisziplin des "Slacklinens": Hier Christian Waldner unterwegs zur Innsbrucker "Frau Hitt", 2012. - Foto: Slackliner.at
  • Der Tiroler Christian Waldner ist einer der Stars der österreichischen "Slackline"-Szene. Nach wagemutigen Touren im Hochgebirge überquert er nun am...
  • weiter

  • Erinnerung an den vor zehn Jahren verstorbenen Politikwissenschafter Johannes Agnoli, einen so ironiefähigen wie streitbaren Denker und wichtigen...
  • weiter

Ranajit Guha, der am 23. Mai 90 Jahr alt wird, mit seiner Ehefrau Mechthild, 2008. - Foto: Nonica Datta
  • Der indische Historiker Ranajit Guha gilt als Begründer der "Subaltern Studies". Als Kritiker der kolonialistisch-eurozentristischen...
  • weiter

Das "Highlinen" in gebirgigen Höhen ist die Königsdisziplin des "Slacklinens": Hier Christian Waldner unterwegs zur Innsbrucker "Frau Hitt", 2012. - Foto: Slackliner.at
  • Der Tiroler Christian Waldner ist einer der Stars der österreichischen "Slackline"-Szene. Nach wagemutigen Touren im Hochgebirge überquert er nun am...
  • weiter




Nach Sony (PlayStaion 4) und Nintendo (WiiU) hat nun auch Microsoft seine Vision der zukünftigen Spielkonsolenwelt vorgestellt. Kinect Group Program Manager Scott Evans demonstrierte bei der Präsentation der "Xbox One" gleich einmal den neuen Kinect-Sensor, der nun nicht mehr als Zubehör erhältlich sein wird, sondern fix im Lieferumfang enthalten sein wird.

Mailands "neubabylonischer" Hauptbahhnhof Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi"

Der Teil einer Installation des pakistanischen Künstlers von Imran Qureshi im Metropolitan Museum in New York. Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen:

Werbung