• vom 13.08.2010, 14:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 13.08.2010, 14:40 Uhr
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Homöopathisches Boxen statt archaischem Kampf

Rupert Voß


Von Sonja Panthöfer und Andreas Wirthensohn

  • Der Sozialtherapeut Rupert Voß, Betreiber der Münchner "Work and Box Company", erklärt, warum boxen zu lernen für gewalttätige Jugendliche mehr bringt, als eine Haftstrafe abzusitzen.

Wiener Zeitung: Der Fall Dominik Brunner, der zurzeit vor Gericht verhandelt wird, hat im letzten Jahr für Entsetzen und Fassungslosigkeit gesorgt. Der 50-jährige Geschäftsmann wurde auf einem Münchener S-Bahnhof von Jugendlichen zu Tode geprügelt. Was wäre gewesen, wenn Jugendliche Ihrer "Work and Box Company" den Mann erschlagen hätten?

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Rupert Voß: Damals schoss mir in der Tat der Gedanke durch den Kopf: Hoffentlich war es keiner von uns! Denn das wäre natürlich verheerend gewesen. Und ich kann für keinen der Jugendlichen in unserem Projekt die Hand grundsätzlich ins Feuer legen. Doch generell halte ich es für unwahrscheinlich, dass jemand, der schon länger bei uns ist, so etwas Gravierendes tun würde. Möglich gewesen wäre es aber durchaus bei einem Jugendlichen, der erst seit ein paar Wochen dabei ist. Da sind die alten Verhaltensmuster noch sehr stark.

Welche Einstellung haben die Jugendlichen zu sich selbst, wenn sie zu Ihnen kommen?

"Jemand, der anfängt, sich selbst zu mögen, wird keine Gewalttat mehr begehen, mit der er sich selbst so sehr schadet": Rupert Voß (l.) im Gespräch mit den "extra"-Mitarbeitern Andreas Wirthensohn und Sonja Panthöfer. Foto: Dieter Mayr

"Jemand, der anfängt, sich selbst zu mögen, wird keine Gewalttat mehr begehen, mit der er sich selbst so sehr schadet": Rupert Voß (l.) im Gespräch mit den "extra"-Mitarbeitern Andreas Wirthensohn und Sonja Panthöfer. Foto: Dieter Mayr "Jemand, der anfängt, sich selbst zu mögen, wird keine Gewalttat mehr begehen, mit der er sich selbst so sehr schadet": Rupert Voß (l.) im Gespräch mit den "extra"-Mitarbeitern Andreas Wirthensohn und Sonja Panthöfer. Foto: Dieter Mayr

Sie haben weder ein Gefühl für sich noch für andere. Sie glauben, nichts wert zu sein und wollen deshalb um jeden Preis auffallen. Das bedeutet: Wenn ich schon nichts wert bin, will ich zumindest dafür Anerkennung, dass ich wertlos bin, auch wenn diese in Form von Ablehnung erfolgt. Solch ein Jugendlicher besitzt so wenig Selbstwertgefühl, dass es ihm egal ist, wenn er in den Knast muss.

Viele fordern nach spektakulären Fällen harte Bestrafung. Was halten Sie davon?

Wenn es jemandem gleichgültig ist, was mit ihm passiert, ist er zu jeder Tat fähig. Deshalb sind auch die harten Strafmaßnahmen, die regelmäßig gefordert werden, völlig sinnlos. Dieses Muster versuchen wir zu durchbrechen, indem wir die Jungen so nehmen, wie sie sind. Wir machen also genau das Gegenteil von dem, was nach Ansicht vieler richtig wäre.

Was lernen die Jugendlichen bei Ihnen?

Bei uns lernen die "Jungs", wie wir sie nennen, dass sie uns etwas wert sind, und sie spüren, dass sie gemocht werden. Jemand, der anfängt, sich selbst zu mögen, wird keine Gewalttat mehr begehen, mit der er sich selbst so sehr schadet. Denn es ist eine sehr schwere Last, jemanden getötet zu haben, und das noch dazu vorsätzlich.

Viele sind der Meinung, man solle sich zuerst einmal um die Opfer von Gewalttaten kümmern, weniger um die Täter.

Rupert Voß. Foto: Dieter Mayr

Rupert Voß. Foto: Dieter Mayr Rupert Voß. Foto: Dieter Mayr

Es geht mir nicht darum, Gewalttaten zu entschuldigen. Dennoch: So verschieden die Jugendlichen sind, die zu uns kommen - allen gemeinsam ist eine schwere innere Verletzung. Wenn wir sie erreichen wollen, müssen wir zum Kern ihrer Persönlichkeit vordringen.

Wenn die Jugendlichen zu Ihnen kommen, sind sie oft sehr aggressiv. Wenn zu Ihnen einer sagt: "Hey, du alter Wichser!" Wie reagieren Sie darauf?

"Und du nicht?", antworte ich darauf gerne. Damit läuft die Provokation ins Leere. Generell gilt für mich die Regel: Wenn ich mit einem Chinesen zu tun habe, der kaum Deutsch spricht, ist es sinnvoll, mit ihm zumindest ein bisschen Chinesisch zu sprechen. Denn dann versteht er mich.

Wo ist für Sie die Grenze? Würden Sie gegenüber einem Jugendlichen ein Schimpfwort wie "Arschloch" benutzen?

Schimpfwörter verwende ich höchst selten. Ich sage durchaus mal: "Du bist doch nicht ganz knusprig." Das bedeutet: "Dein Verhalten ist wirklich schädlich." Gegenbeleidigungen vermeide ich auch deshalb grundsätzlich, weil sie nur provozieren, aber nie zum Ziel führen. Eine Grenze ist bei mir erreicht, wenn jemand einen anderen aus seinem Innersten heraus verletzen will. Entscheidend ist also die Geisteshaltung, nicht aber der Inhalt.

Drohen, schreien, ausflippen gehört bei den Jugendlichen gleichsam "zum Programm". Sind Sie oder einer Ihrer Mitarbeiter schon einmal geschlagen worden?

Es kann schon passieren, dass die Jugendlichen übergriffig werden. Ich selbst bin zwar noch nie geschlagen worden, aber bei Kollegen kommt es vor.

Wie schützen Sie sich? Arbeiten immer mehrere Mitarbeiter gleichzeitig mit den Jugendlichen?

Das ist ein wesentlicher Punkt. Zum anderen wenden wir den simplen psychologischen Trick der immer gleichen Rollenverteilung im Sinne von bad guy, good guy an, um Notwendiges auszusprechen. Wichtig ist zudem, ehrlich zu sein. Wenn ich versuche, jemanden zu manipulieren, weil ich zu wissen glaube, was für ihn richtig ist, spürt der andere das sofort. Wenn es mir dagegen gelingt, authentisch und mit offenem Herzen da zu sein, kann ich mir fast alles erlauben.

Cooles Auftreten funktioniert also überhaupt nicht?

Man darf sich auf keinen Fall mit den Jugendlichen gemein machen. Es muss völlig klar sein, wer der Chef ist.

Im Film "Friedensschlag" strahlen Sie in Gesprächen mit den Jugendlichen eine gewisse "Wurschtigkeit" aus. Ist die Haltung gespielt?

Nein, das ist echt. Es muss mir nämlich egal sein, wie sich ein Jugendlicher entscheidet. Wenn ich dabei eine Intention verfolge, wird er garantiert das Gegenteil von dem tun, was ich will. Für das Gesamtprojekt habe ich selbstverständlich Ziele - und ich will bei den Jugendlichen auch etwas erreichen. Letztendlich zählt aber: Es ändert sich nur, wer sich ändern will, wer sich dafür entscheidet, Hilfe zu wollen.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2010-08-13 14:00:19
Letzte Änderung am 2010-08-13 14:40:00


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