• vom 29.04.2011, 10:07 Uhr

Zeitgenossen

Update: 25.06.2012, 19:40 Uhr

Psychoanalyse

Margarete Mitscherlich




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Von Sonja Panthöfer

  • "Lust am Wissen habe ich immer noch"
  • Die fast 94-jährige deutsche Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich über das Lebensgefühl im hohen Alter, die Angst vor dem Tod, die Treue zu ihrem Mann, die Fähigkeit zur Liebe - und über die Radikalität eines wahrhaftigen, ungeschönten Blicks auf sich selbst.

Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich (1908-1982), mit dem Margarete 27 Jahre verheiratet war.

Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich (1908-1982), mit dem Margarete 27 Jahre verheiratet war.

"Wiener Zeitung": Frau Mitscherlich, Sie leben heute, obwohl Sie bald Ihren 94. Geburtstag feiern, noch in Ihren eigenen vier Wänden. Wie wichtig ist Ihnen Selbständigkeit?

Margarete Mitscherlich: Ich habe bereits mit meinem Mann, der 1982 gestorben ist, in dieser Wohnung gelebt, also lebe ich hier schon sehr lange. Selbständig will ich auf jeden Fall sein und in meinen vier Wänden bin ich das auch. Ich kann gut alleine sein, habe meine Bücher, meinen Rollator und bezahlte Haushaltshilfe. Es gibt außerdem vieles, was mich noch interessiert. Lust am Wissen habe ich immer noch.


Von der Autorin Silvia Bovenschen stammt das Zitat: "Ich überlege, ob die Abwägung zwischen dem Altersgemäßen und dem Zeitgemäßen nicht die wahre Artistik des Alterns ist." Älter zu werden, ohne sich der Welt zu entfremden - wie gelingt Ihnen das?

Margarete Mitscherlich hat das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut mitbegründet. Foto: S. Fischer Verlag/Breitinger

Margarete Mitscherlich hat das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut mitbegründet. Foto: S. Fischer Verlag/Breitinger Margarete Mitscherlich hat das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut mitbegründet. Foto: S. Fischer Verlag/Breitinger

Ich habe einen Sohn, Enkelkinder und inzwischen auch bereits eine Urenkelin . . .

. . . mit denen sie sich gut verstehen?

Ja, wir sehen uns oft. Ich weiß zudem auch, wie sie leben. Wissen Sie zum Beispiel, was Lap Dance ist?

Keine Ahnung!

Ha! Sehen Sie . . . Möglicherweise sind auch Sie schon der Jugend entfremdet!

Ertappt! Aber nun bin ich neugierig. Verraten Sie mir bitte, was Lap-Dance ist?

Wörtlich übersetzt bedeutet es Schoßtanz. Es ist ein erotischer Tanz, wenn Sie so wollen, der offenbar in vielen Bars in London praktiziert wird. Ich habe das in einem Buch über Jugendsexualität gelesen. Als ich meine Enkel nach Lap-Dance gefragt habe, wussten die sofort, wovon ich rede.

Viele ältere Menschen sagen, dass sie sich jünger fühlen, als sie tatsächlich sind. Wie ist das bei Ihnen?

Einerseits kann ich mich durchaus erinnern, wie ich mit dreißig oder mit fünf Jahren war. Etwas in mir ist noch 5-jährig, 30-jährig und so weiter. Aber nun bin ich fast 94 Jahre alt und habe gleichzeitig sehr das Gefühl, am Ende des Lebens zu stehen. Um ganz ehrlich zu sein, ich habe kein Bedürfnis, noch sehr viel länger zu leben. Ich bin also durchaus so alt, wie ich bin.

Wie würden Sie dieses Lebensgefühl beschreiben?

Ich erlebe es als immer selbstverständlicher, dass das menschliche Leben nicht mehr als ein Abschnitt ist. Wenn ich mich zurück erinnere, hatte ich mit 30 Jahren nicht das Gefühl, dass der Mensch kurz auf der Erde weilt. Doch wenn ich mir vor Augen halte, dass die Erde bereits Milliarden Jahre alt ist, die durchschnittliche Lebenserwartung des Menschen aber lediglich 80 Jahre beträgt, ist das nur eine sehr, sehr kurze Zeitspanne. Das macht mir bewusst, welch geringe Rolle im Grunde der Einzelne spielt.

Wie verändert das Ihren Blick auf das Leben?

Margarete Mitscherlich: "Um ehrlich zu sein, ich habe kein Bedürfnis, noch sehr viel länger zu leben."Foto: dpa

Margarete Mitscherlich: "Um ehrlich zu sein, ich habe kein Bedürfnis, noch sehr viel länger zu leben."Foto: dpa Margarete Mitscherlich: "Um ehrlich zu sein, ich habe kein Bedürfnis, noch sehr viel länger zu leben."Foto: dpa

Sehr. Mein Blick ist auf das Ende gerichtet, und auf die Gewissheit, dass ich nicht mehr allzu lange leben werde. Im Grunde leben wir ja seit unserer Geburt mit dem Todesurteil, was wir natürlich häufig verdrängen.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Nicht, während ich jetzt hier mit Ihnen sitze. Und wissen Sie: Ich habe meinen Mann sterben sehen. Er ist friedlich gestorben, hat zunächst noch schwer geatmet, dann plötzlich nicht mehr, und seine Züge haben sich sehr entspannt.

Hat Sie das verblüfft?

Überrascht hat mich diese generelle Entspannung im Augenblick des Todes. Endlich muss ich nicht mehr anständig aussehen, meine Haare waschen oder zum Beispiel Interviews geben!

Wie wichtig ist es Ihnen denn, "anständig" auszusehen? Sind Sie eitel?

Ich halte mich nicht für besonders eitel, aber ich bemühe mich, einigermaßen gepflegt und ordentlich auszusehen. Und ich gebe zu, dass ich eine gewisse Vorliebe für teure Cremes habe. Früher war die Körperpflege allerdings mehr mit Lust verbunden. Nicht zu verwahrlosen ist im Lauf der Zeit anstrengender geworden. Früher war es mir immer wichtig, eine gepflegte Frau zu sein . . .

. . . welche Sie ja heute immer noch sind.

Aber glauben Sie mir: Es ist mühsam, wie das Alter insgesamt.

Sie sagen das recht milde. Hat sich Ihre Haltung gegenüber Ihrer eigenen Person verändert?

Ich bin viel netter und milder zu mir geworden. Ich verzeihe mir vieles, das ich mir früher nicht vergeben hätte. Früher hatte ich außerdem viel mehr mit Eifersucht und Neid zu kämpfen.

Hatten Sie denn in Ihrer Ehe Grund dazu? Immerhin hat Ihre Beziehung zu Ihrem Mann gewissermaßen als Seitensprung begonnen. Denn er war ja ein verheirateter Familienvater.

Seine Frau, meine Familie und meine Freunde wussten Bescheid. Dass mein Mann durchaus auch andere Frauen attraktiv fand, habe ich immer gewusst. Genauso war mir auch klar, dass es Frauen gab, die ihn gern verführt hätten. Das war schwer für mich zu ertragen, weil ich es unwürdig fand, eifersüchtig zu sein. Gegen Männerfreundschaften hatte ich nichts. Ich wollte nur nicht, dass er mit anderen Frauen flirtet.

Und Sie selbst: Waren Sie treu?

Natürlich gab es Männer, die mir gefallen haben. Und wenn ich wirklich gewollt hätte, hätte sich sicherlich die eine oder andere Gelegenheit zum Seitensprung ergeben. Aber letztlich war ich treu und fand, dass mein Mann dann also auch verzichten konnte. Ich bin mir nur nicht ganz sicher, ob er das immer getan hat . . . ( lacht )

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2011-04-29 10:07:00
Letzte ńnderung am 2012-06-25 19:40:44



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