• vom 29.10.2010, 13:46 Uhr

Zeitgenossen

Update: 29.10.2010, 13:48 Uhr

"In den USA war ich ein Ziel von Terroristen"

Jonathan Farley




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Von Ernst Grabovszki

  • Der Mathematiker Jonathan Farley, der zwei Jahre an der Universität Linz tätig war, erklärt, wie man mathematische Methoden in der Terrorismus-Bekämpfung einsetzt und berichtet über seine Probleme mit dem Ku-Klux-Klan.

Wiener Zeitung: Herr Dr. Farley, Sie sind Mathematiker und beschäftigen sich unter anderem mit Terrorismusbekämpfung. Was kann man als Mathematiker gegen Terrorismus tun?

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Jonathan Farley: Ich entwerfe Modelle für Terrorzellen und versuche, den typischen Aufbau solcher Zellen in Form von "Graphen" zu dokumentieren. Sie zeigen, dass es Beziehungen zwischen einzelnen Punkten gibt. In der Praxis könnte das etwa bedeuten, dass zwei Individuen direkt miteinander kommunizieren. Die entscheidende Frage dabei ist: Wie viele solcher Punkte muss man entfernen, um ein terroristisches Netzwerk zu zerstören oder zumindest die Verbindungen zu unterbrechen? Ursprünglich bemühte man sich lediglich darum, Terrorzellen zu sprengen, ohne deren Strukturen zu kennen. Aber gerade diese Strukturen können uns wertvolle Informationen geben.

Die Arbeit von Terrorismusfahndern und Polizei - wie hier in Paris - kann mit mathematischen Modellen unterstützt werden. Foto: epa

Die Arbeit von Terrorismusfahndern und Polizei - wie hier in Paris - kann mit mathematischen Modellen unterstützt werden. Foto: epa Die Arbeit von Terrorismusfahndern und Polizei - wie hier in Paris - kann mit mathematischen Modellen unterstützt werden. Foto: epa

In der mathematischen Theorie nennt man das "partially ordered sets", partiell geordnete Mengen. In terroristischen Zellen gibt einer die Befehle - und andere führen sie aus, und das beeinflusst meine Vorstellung davon, wie man die Zelle zerstören kann. Noch interessanter finde ich die Frage, wie die perfekte terroristische Zelle strukturiert ist, vor allem jene, die weiter besteht, obwohl man einige ihrer Mitglieder, mehr oder weniger zufällig, bereits gefasst hat. Das könnte der Strafverfolgung helfen, die in der Regel nichts über die Struktur solcher Zellen weiß.

Auch bei der Grenzsicherung, die in den USA eine besondere Rolle spielt, kann solches Wissen nützlich sein. Wer illegal über eine Grenze kommen will, wird natürlich eine Route wählen, von der er sich den größten Erfolg verspricht. Das beruht auf mathematischer Psychologie, die man "reflexive control" nennt.

Allerdings meinen manche Kritiker, dass das Wissen um die Terrorzellen den Terroristen selbst mehr nützt als denen, die sie bekämpfen - und ich habe leider kein wirklich gutes Argument gegen diese Ansicht.

Jonathan Farley. Foto: Associated Press

Jonathan Farley. Foto: Associated Press Jonathan Farley. Foto: Associated Press

Wie lässt sich eine Terrorzelle charakterisieren? Wie entsteht sie und warum kann sie so schlagkräftig sein?

Es kommt darauf an, wie man sie darstellt. Ich gehe am liebsten von einer möglichst einfachen Definition aus, nämlich vom erwähnten "partially ordered set". Ich arbeite mit Leuten zusammen, die zwar über Terrorzellen Bescheid wissen, aber wenig Ahnung von Mathematik haben, und ich kann ihnen auf meine Weise helfen, ihre Arbeit besser zu machen. Diese Experten haben sich meiner Arbeit bedient, was mich sehr freut. Ich habe zum Beispiel mit der US-Air-Force-Academy zusammengearbeitet, und das "Pacific Northwest National Laboratory" hat mir sogar einen Job angeboten, den Kontakt aber dann abgebrochen, als ich den Verantwortlichen von den Angriffen aus dem Umkreis des Ku-Klux-Klan gegen mich berichtete.

In Jamaica hatte ich ein Treffen mit dem Minister für nationale Sicherheit. Von ihm habe ich von einem Polizeibeamten erfahren, der meine Ideen anwandte, um ein Drogen-und-Waffen-Schmuggler-Netzwerk aufzudecken. Weitere Theorien kann man in dem Buch "Mathematical Methods in Counterterrorism" nachlesen, das ich mitherausgegeben habe.

Darüber hinaus organisiere ich gemeinsam mit Kollegen nahezu jedes Jahr eine Konferenz zu diesem Thema. Meine Ideen werden also wahrgenommen, bekommen aber nicht immer die Unterstützung, die ich mir wünsche.

Woran liegt das?

Ein Grund dafür liegt sicher darin, dass ich Afro-Amerikaner bin. Wie erwähnt, haben mich Anhänger des Ku-Klux-Klan angegriffen, noch bevor ich mich mit Terrorismusbekämpfung auseinander setzte. Ich war mehr oder weniger gezwungen, aus Tennessee zu flüchten. Es gab Todesdrohungen gegen mich und andere Einschüchterungsversuche. In den Vereinigten Staaten war ich Ziel von Terroristen, die meinen Ruf zu zerstören versuchten, was die erwähnte Zurückhaltung zur Folge hat.

Sie haben zwei Jahre lang am Institut für Algebra der Universität Linz gearbeitet. Welche Ziele hatten Sie sich für Ihre Forschung gesetzt?

Ich habe in Linz meine Untersuchungen in der Verbandstheorie fortgesetzt, mich aber auch mit Terrorismusbekämpfung beschäftigt. Vor kurzem habe ich an einem kanadischen Projekt teilgenommen, das sich auch mit sozialen Netzwerken auseinandergesetzt hat. Von hier aus gehe ich an die University of Maine.

Gehen Sie mit gemischten Gefühlen zurück in die USA?

Ja, weil ich das Leben hier sehr gemocht habe und weil ich weiß, was mich erwartet: Wenn ich in den USA mein Wissen anbiete, errege ich ironischerweise Sorge und Angst, außer bei Leuten, die ich seit vielen Jahren kenne. Um ein Beispiel zu nennen: Im Jahr 2005 war ich zum Essen bei der österreichischen Botschafterin in den Vereinigten Staaten eingeladen. Dort traf ich den Vorstand der "Behavioral and Social Sciences Division" der amerikanischen Akademie. Er fragte mich, wie man mathematische Psychologie im Kampf gegen den Terrorismus einsetzen könne. Ich erklärte es ihm. Damals war ich an der Stanford University tätig, und ich lud ihn zu einem Treffen nach Stanford ein.

Nach einer Woche schickte er mir ein Mail mit einem Link zu einem Artikel, den ich für den britischen "Guardian" über den Kampf gegen den Terrorismus geschrieben hatte. Darin beschrieb ich auch den Rassismus in den Vereinigten Staaten. Der Vorstand fragte mich also, ob ich der Autor dieses Artikels sei. Er setzte mehrere Fragezeichen, um seine Überraschung über den Inhalt des Artikels auszudrücken. Da ich aber Politik nicht mit akademischer Arbeit vermengen wollte, machte ich einen Witz und sagte: Den hat mein Doppelgänger geschrieben. Ich hörte nie wieder von dem Mann, und das Treffen fand nie statt. So etwas gibt mir zu denken. Auch deshalb gehe ich mit gemischten Gefühlen zurück.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2014
Dokument erstellt am 2010-10-29 13:46:25
Letzte Änderung am 2010-10-29 13:48:00


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