• vom 15.07.2011, 14:00 Uhr

Zeitgenossen

Update: 15.07.2011, 14:34 Uhr

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Theo Fischer




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Von Sonja Panthöfer

  • Der deutsche Autor Theo Fischer über die Lebensphilosophie des Taoismus, das Geheimnis des Nicht-Handelns, den gelassenen Umgang mit Problemen - und die falschen Versprechungen vieler esoterischer Bücher.
  • "Individualität ist zeitlebens eine Illusion"

Theo Fischer. - © Foto: Panthöfer

Theo Fischer. © Foto: Panthöfer

"Nicht-Handeln heißt segeln, wohin der Wind weht, dem Lauf des Wassers folgen, wohin es fließt . . .": Theo Fischer im Gespräch mit "extra"-Mitarbeiterin Sonja Panthöfer in seinem Garten.

"Nicht-Handeln heißt segeln, wohin der Wind weht, dem Lauf des Wassers folgen, wohin es fließt . . .": Theo Fischer im Gespräch mit "extra"-Mitarbeiterin Sonja Panthöfer in seinem Garten.© Foto: Wirthensohn "Nicht-Handeln heißt segeln, wohin der Wind weht, dem Lauf des Wassers folgen, wohin es fließt . . .": Theo Fischer im Gespräch mit "extra"-Mitarbeiterin Sonja Panthöfer in seinem Garten.© Foto: Wirthensohn

Theo Fischer: Finden Sie, dass ich wie ein Guru aussehe?

"Wiener Zeitung": Eigentlich nicht. Sie tragen zumindest keine wallenden bunten Gewänder. Aber als Sie auf mich zukamen, schoss mir tatsächlich der Gedanke durch den Kopf, dass Sie ein bisschen asiatisch wirken.

Information


Zur Person

Theo Fischer wurde 1931 im badischen Karlsbad geboren. Über zwanzig Jahre war er Unternehmensberater, bevor er seinen Beruf aufgab und 1985 in die französischen Vogesen übersiedelte, um dort Bücher über asiatische Philosophie und Lebenskunst zu schreiben. 1989 erschien sein erstes Buch, "Wu wei. Die Lebenskunst des Tao" (Rowohlt Taschenbuch), das zum Bestseller wurde und sich über 300.000 Mal verkauft hat.

Seit 1997 lebt er mit seiner Frau Sabine, zwei Hunden und sieben Katzen in Murazzano, einem kleinen Ort in der norditalienischen Region Piemont. Von Theo Fischer sind bisher acht Bücher erschienen, außerdem gibt er ein kleines Magazin namens "Tag und Tao" heraus, das alle zwei Monate erscheint. Neuerdings veröffentlicht er auch Beiträge in einem Blog, um damit - nach eigenen Worten - "das Tao vor seinen Interpreten zu retten": www.die-taobaustelle.de

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Um Gottes willen! Asiatisch will ich auf keinen Fall aussehen. Wenn, dann doch bitte badisch. Schließlich komme ich aus Karlsruhe.

Gibt es denn Leute, die in Ihnen eine Art Guru sehen?

"Tao steht als Synonym für den Grund der Dinge": Fernblick aus Theo Fischers Garten im Piemont.

"Tao steht als Synonym für den Grund der Dinge": Fernblick aus Theo Fischers Garten im Piemont.© Foto: Panthöfer "Tao steht als Synonym für den Grund der Dinge": Fernblick aus Theo Fischers Garten im Piemont.© Foto: Panthöfer

Es gibt natürlich welche, die auf der Suche nach so jemandem sind. Aber der Taoismus sammelt keine Scharen von Anhängern, weil er nichts verspricht. Er ist auch für Glaubensgemeinschaften völlig untauglich, weil es nichts gibt, was geglaubt werden könnte.

Und wie sehen Sie sich selbst?

Sicher nicht als Lehrer, höchstens als eine Art Wegweiser. Damit wir uns aber nicht missverstehen: Ich behaupte nicht, dass ich alles begriffen habe. Aber das, was ich begriffen habe, funktioniert.

Theo Fischer.

Theo Fischer.© Foto: Panthöfer Theo Fischer.© Foto: Panthöfer

Sie machen einen recht bodenständigen Eindruck. Esoterik gepaart mit Wirklichkeitsnähe findet sich eher selten. Nun stehen Ihre Bücher aber in der Esoterikabteilung der Buchhandlungen. Wie wohl fühlen Sie sich dort?

Weder noch. Wenn man Esoterik wörtlich definiert, bin ich durchaus ein Esoteriker. Doch inzwischen wird auch sehr viel Unfug unter diesem Etikett zusammengefasst - und der Begriff hat seine Tiefe wie auch seinen Wert verloren.

Welche Rolle spielt für Sie das Denken?

Früher bin ich recht eindeutig gegen das Denken als Hindernis des Erkenntnisprozesses zu Feld gezogen. Glücklicherweise habe ich dazugelernt und sehe mittlerweile unser Denkvermögen mitsamt seinen Auswirkungen deutlich aufgeschlossener. Zugleich bin ich aber auch viel offener für die Möglichkeiten und Chancen des Wachstums, die sich durch das Denken ergeben.

Inwiefern stehen Sie dem Denken aufgeschlossener gegenüber?

Die östlichen Lehren verteufeln das Denken gewissermaßen - aber Sie werden im "Tao te king" oder anderen Schriften der alten Weisen des Tao keinen einzigen Satz finden, der sich gegen unser Denkvermögen richtet. Wenn unser Denken mit Gefühl, Intuition und Instinkt kooperiert und sich nur fünf symbolische Winkelminuten von unserem Selbst entfernt und nach draußen richtet, wird es zu einem intelligenten Instrument unseres Daseins.

Ihr Bestseller "Wu wei" trägt den Untertitel "Die Lebenskunst des Tao". Was bringt der Taoismus für den Alltag?

Der chinesische Begriff "Wu wei" ist schwer zu übersetzen. Nicht-Handeln kommt ihm am nächsten, im Sinne von Nicht-Zwingen. Es darf aber auf keinen Fall mit Trägheit oder Untätigkeit verwechselt werden, es ist vielmehr eine absolute Empfänglichkeit. Wenn ich es mit einem Bild beschrieben sollte, würde ich sagen: Nicht-Handeln heißt segeln, wohin der Wind weht, dem Lauf des Wassers folgen, wohin es fließt, ohne Widerstand zu leisten.

Überfordert dieses intuitive Vorgehen die Leute nicht?

Gerade nach meinem ersten Buch, dem "Wu wei", habe ich Leserbriefe von Menschen bekommen, die diese Lebensphilosophie für sich interessant fanden. Nach wenigen Tagen stellten sie dann fest, dass ihre Umsetzungsversuche in Anstrengung ausarteten oder grundsätzlich misslangen und sie schließlich frustriert aufgaben. Das ist genau der Punkt. Wenn man alle Bemühungen, sich zu verändern, aufgibt, entsteht eine ungeheure Freiheit. Man hört auf, an sich herumzudoktern. Dann lebt man einfach, aber man nimmt wahr und ist mitten im Leben.

Dieses Leben wird aber von vielen Leuten als Stress empfunden.

Ich glaube, dass viele Menschen von einer uneingestandenen Todesangst begleitet werden. Morgen könnte ja schon alles vorbei sein. Es gilt also, alles aus dem Leben herauszuholen. Der Taoismus sagt, dass wir alle aus dem Grund hervorgegangen sind, gleichzeitig aber der Grund geblieben sind. Wenn wir sterben, gehen wir wieder in den Grund zurück. Mit der Individualität ist es dann natürlich vorbei. Aber die ist auch zeitlebens eine Illusion. Doch über das Individuelle hinaus hat unser Selbst einen unendlichen Durchmesser - und den behalten wir. Letztlich müssen wir uns alle mit unserer Vergänglichkeit aussöhnen.

Wie würden Sie das Tao definieren?

Über das Tao selbst weiß niemand etwas. Wer es zu beschreiben versucht, liegt bereits voll daneben. Tao ist nur ein Wort und steht als Synonym für den Grund der Dinge. Der Taoismus selbst hingegen ist schiere Lebensweisheit. Wenn ich versuche, es kurz zu formulieren, würde ich sagen: in diesem Sinne ist Tao eine Dimension von Ihnen und mir. Sie ist dem Denken nicht zugänglich, sie kann aber sehr wohl gelebt und an jedem von uns verwirklicht werden.

Es ist schwer zu verstehen, aber unser Bewusstsein ist identisch mit dem Tao. Lassen Sie uns einen kleinen Test machen. Hören Sie für ein paar Sekunden mit dem Denken auf. Keine Sorge, das geht, es ist wie Atemanhalten.

. . . es fühlt sich ein bisschen leer an.

Wenn man diese Leere berührt, und sei es nur für einen Augenblick, löst diese Erfahrung zunächst oft Unbehagen aus. Sie lässt sich auch nur sehr schwer beschreiben. Ich kann dieses Gefühl höchstens mit einer extrem kalten, windstillen Winternacht vergleichen. Wenn Sie eine solche Winternacht bei mindestens minus 25 Grad erlebt haben, ist das eine Stille, die förmlich zu hallen scheint. Da ist nichts.

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Extra, Tao


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2011-07-14 20:23:18
Letzte Änderung am 2011-07-15 14:34:39



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