"Wiener Zeitung": Herr Professor Fuchs, woran arbeiten Sie derzeit?
Ernst Fuchs: Am Abendmahl unseres Erlösers Jesus Christus, einem großformatigen Werk für die Kirche St. Egid in Klagenfurt. Eine Aufgabe, mit der ich mich schon lange beschäftige. Das Bild wird noch eine Weile in Anspruch nehmen, bis es fertig ist. Fertig ist ja nie etwas.
Wie spürt der Maler, wann der Zeitpunkt da ist, Pinsel und Farben wegzulegen?
Wenn man das Gefühl hat, man hat sich selbst übertroffen. Dann kann man den Schatten hinter sich lassen . . . Diesen Schatten, über den zu springen man stets versucht hat.
Malen Sie ausschließlich an dem einen, großen Werk oder gibt es daneben noch andere?
Bilder führen gewissermaßen einen Dialog miteinander; ich male parallel an mehreren Leinwänden. Was man bei dem einen Bild lernt, kann man bei dem anderen sofort anwenden. Man könnte, im Freudschen Sinn, geradezu von einer Beziehungsneurose der Bilder untereinander sprechen.
Wie entwickelt sich diese Beziehung weiter, wenn Sie ein Bild verkaufen?
Ich hänge an Gegenständen, leide, wenn ich etwas verliere. Das gilt auch für meine Bilder. Wenn ich eines zurückkaufen kann, empfinde ich das so, als würde ich ein Stück meines Lebens zurückerhalten. Als ich nach fast einem halben Jahrhundert mein Bild "Selbstportrait als Kaiser von Österreich" ersteigerte, war das für mich mehr als ein Rückkauf: es war ein symbolischer Akt. Die Wiedererlangung dieses Gemäldes hat mich quasi wieder "inthronisiert" . . .
Sie waren ja schon in Jugendtagen von gekrönten Häuptern und Majestäten angetan?
Der Altwaren-Lagerplatz meines Vaters war für mich als Kind ein Paradies. Am meisten faszinierten mich dort die feinsäuberlich geordneten alten Bücher und Kunstdrucke. Stundenlang stöberte ich in Jubiläumsbänden, die in einem eigenen Raum gestapelt waren. Dort stieß ich auf die Welt der Majestäten: Kaiser Franz Joseph, Kaiser Wilhelm, Napoleon. Sie beeindruckten mich auf den Xylographien und Heliogravuren zutiefst. Schon als Kind sammelte ich leidenschaftlich. Ich hatte auch Freude am Berühren schöner Publikationen.
Diesen sinnlichen Zugang zur Kunst haben Sie auch in der katholischen Religion gefunden. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Kunst und Religion?
Mir war Religion immer wichtig. Stets habe ich die Verbindung zwischen Kunst und Religion gespürt. Die Bilder in meiner Taufkirche St. Thekla in der Wiedner Hauptstraße waren mein erster, starker Kunsteindruck.
Ich habe zwar den Taufunterricht damals ungern besucht, denn der Pfarrer war streng und meinen Schwärmereien nicht zugetan. Der Kathechismus musste auswendig gelernt werden. Aber das hat mir den Glauben nicht vermiest.
Wie alt waren Sie bei Ihrer Taufe?
Ich war zwölf. Meine Tante und Förderin hat zu meiner Mutter gesagt: Poldi, lass den Buben taufen, schaden kanns nicht. Warum soll er im Schülerbeschreibungsbogen ,konfessionslos ausfüllen? Besser liest sich: ,römisch-katholisch. 1942 erfolgte die Taufe und ich spürte damals, dass mir das alles auch als Schutz vor den Nazis aufgebrummt wurde. Meine Taufnamen lauten Peter Paul, denn mein Lieblingsmaler war Peter Paul Rubens. Ich war schon erwachsen genug, mir selbst die Taufnamen auszusuchen. Mein absolutes Lieblingsbild war damals übrigens kein Rubens, sondern "Das Fest des Bohnenkönigs" von Jacob Jordaens, einem Rubens-Trabanten.

Woher kannten Sie Bilder von Rubens und anderen Meistern, denn die Museen hatten die Gemälde damals ja ausgelagert?
Ein Original hatte ich tatsächlich noch nicht gesehen. Aber ich kannte Abbildungen aus Büchern und von Kunstpostkarten. Die haben mich derart begeistert, dass ich mich selbst als Rubens fühlte. Ihm wollte ich nachfolgen. Natürlich ändern sich die Idole in diesem Alter noch, wenig später adorierte ich Leonardo und Michelangelo. Im Luftschutzkeller sitzend, malte ich stundenlang, schweigend. Ich redete mir selbst zu: Um Rubens, Michelangelo und Leonardo nahe zu sein, musste ich das alles überstehen.
Hat Kunst für Sie eine Flucht-, also eine Welt-Flucht-Funktion?
Kunst ist Erlösung und ein Friedensbote. Sie birgt den göttlichen Funken in sich, weist auf das Unsterbliche hin, ist selbst unsterblich - und Zeichen für den göttlichen Ursprung des Menschengeschlechts.
Hehre Worte. Was sind Ernst Fuchs Erinnerungen an die ersten Jahre an der Akademie?
Die Amerikaner, die als Besatzungsmacht in Wien präsent waren, haben eine gewisse Weltoffenheit an die Akademie gebracht. Wir staunten nicht schlecht, als der US-General Mark W. Clark mit seinem Cadillac, in Begleitung von Frau und Tochter, am Schillerplatz vorfuhr. Beide Frauen waren sehr hübsch - und der General zudem kunstinteressiert! Da fiel ein Lichtstrahl in die Dunkelheit des zerstörten Wien.
Kam Ihnen Wien damals vom Kunstgeschehen der Welt abgeschnitten vor?
In Wien wusste man kaum, was in den großen Metropolen vor sich ging. Man war zwar neugierig auf Nachrichten von "draußen", aber auch misstrauisch und ungläubig. Viele Entwicklungen wurden skeptisch kommentiert: Das wird sich nicht halten . . .

