
Reinhard Walcher ist ein Grübler, ein Weltnachdenker, aber einer mit Chuzpe. Seine witzigen und tiefgründigen Bildergeschichten von "Herrn Gescheit" und "Herrn Blöd" haben schon die Leser der Satirezeitschrift "Luftballon" und der literarischen "Gegenwart" begeistert.
Walchers Welt ist keine runde Sache, spitz und kantig sind die dargestellten Objekte, oft sind es Männer und Frauen in anzüglichen Posen, die aber durch künstlerische Verfremdung viel vom Kontext gesellschaftlicher Zustände und den Beziehungen zwischen den Geschlechtern erzählen. Und von eigenen Befindlichkeiten, die manchmal ebenfalls so unrund sind, dass man sich am besten auf ein befreiendes Gespräch in einem Lokal trifft.
"Wiener Zeitung": Sie sind Zeichner, Maler und Karikaturist. Gibt es dabei mitunter ein Identitätsproblem?
Reinhard Walcher: Ein Identitätsproblem habe ich sowieso immer. Nicht nur, ob ich Zeichner, Maler oder Karikaturist bin. Ich frage mich genauso, ob ich Mann oder Frau, wahnsinnig oder normal, lustig oder traurig bin. Aber das ist gut so. Nichts ist schlimmer, als immer das Gleiche zu tun bzw. immer der Gleiche zu sein. Vielleicht wird man technisch, handwerklich besser, wenn man ewig bei derselben Sache bleibt. Irgendwann aber wird dann alles zu glatt, Spannung und Authentizität gehen verloren und man bewegt sich in Richtung Hochglanz. Alles, was mit Hoch- beginnt, ist mir suspekt: Hochkultur, Hochadel, Hochschaubahn, High Society . . .
Wie würden Sie Ihre künstlerische Entwicklung beschreiben?
Mein Vater hat meine Kinderzeichnungen oft in sein Büro mitgenommen, um sie seinen Kollegen zu zeigen. Stolz erzählte er mir, dass alle beeindruckt gewesen seien. Das war meine erste Publikumserfahrung als Künstler. Ich war damals noch Linkshänder und wurde mit vereinten Kräften des Volksschullehrers und meines Vaters auf die rechte, "schöne" Hand umgezwungen. Das war meine erste Erfahrung als Dissident des Imperiums.
Später, in der 7. Klasse Gymnasium, stellte der Zeichenlehrer die Aufgabe, einen Baum mit der linken Hand zu zeichnen. Mein Baum gelang mir so gut, dass ich mir eine gewaltige Kopfnuss einhandelte. Obendrein zerknüllte der Lehrer mein Blatt und warf es in den Papierkorb. Er wollte mir nicht glauben, dass ich die linke Hand benutzt hatte. Es war das zweite Erlebnis mit der vernichtenden Ignoranz und Zynik des Imperiums. Bei diesem Lehrer wollte ich in Zeichnen maturieren, was er mir verbot. "Ich lasse dich sonst einfach durchfallen", meinte er. Ich bestand dann die Prüfung mit sehr gut und mein Entschluss, Künstler zu werden, stand fest. Mein Kunstverständnis lautete: anders sein, aufmüpfig sein, das Imperium zwicken oder ignorieren. Kein guter Plan, um reich und berühmt zu werden.
Mein Idol war van Gogh und ich beschloss, nicht an die Kunstakademie zu gehen. Malen kann man sich selber authentischer beibringen. Es begann eine schöne Zeit mit Reisen und Landschaftsmalen in der Natur und ersten Ausstellungen, meist gemeinsam mit Walter Klier. Nebenbei studierte ich Architektur. Dann gründeten Klier, Klaus Schiffer und ich den "Luftballon", die erste satirische Zeitschrift Tirols. In den vier Jahren seines Erscheinens entwickelte ich mich zum Zeichner und Karikaturisten, von Strichmännchen bis hin zu üppigen Frauen. Ein eher unbedeutender Innsbrucker Bürgermeister verklagte uns auf 100.000 Schilling und läutete das Platzen des "Luftballons" ein. Das war die dritte Erfahrung mit der Humor- und Verständnislosigkeit des Imperiums.
Welche wichtigen Entscheidungen mussten Sie auf Ihrem künstlerischen Weg treffen?
Da war keine Entscheidung nötig. Künstler zu sein ist für mich die einzig mögliche Form zu leben. Das hat auch mit Rebellion zu tun, mit Reflexion über die herrschenden Zustände, mit passivem Widerstand, mit Gesellschaftskritik, mit Kreativität und Anderssein. Es braucht Mut und eine gewisse Verantwortungslosigkeit sich selbst gegenüber, ein winziger Vektor zu sein, der auch andere Möglichkeiten als die herrschenden Sitten vorantreibt. Politik bewegt nichts. Der Jazz war die Kraft aus dem Untergrund, die viele Veränderungen initiiert hat, und nicht die Salonmusik von Beethoven bis Mozart.
Sind Sie in die heimische Kunstszene integriert?
Wenn damit die offizielle, subventionierte, im ORF breitgetretene Szene gemeint ist: nein! Da hab ich keine Chance. Der Mainstream - warum sagt man nicht Hauptstrom? - ist nicht das Meine. Die heimische Kunst findet aber nicht nur in den heiligen Hallen der Subvention statt. Es gibt eine ganze Reihe von Szenen, die origineller und ehrlicher, vor allem aber mutiger und engagierter sind, auch in Tirol. Nicht zuletzt gibt es mein kleines Studio in Innsbruck, wo ich zu 100 Prozent integriert bin.
Lässt eine Außenseiterposition mehr künstlerische Möglichkeiten offen?
Prinzipiell lässt jede Position alle Möglichkeiten zu. Aber wer es in eine höhere, offizielle Position geschafft hat, traut sich meistens nichts mehr. Das ist das Ende der Kunst. Die oft jämmerlichen Versuche der Staatskünstler, die Leute zu provozieren, scheitern kläglich. Niemand regt sich mehr über schwarz übermalte Bilder oder überdimensionales Gekritzel auf. Dafür sind die Leute längst zu abgeklärt und auch zu gebildet, um nicht die Dünne dieser Artefakte zu durchschauen. Und den paar Millionären, die solches kaufen, sei es gegönnt, so genarrt zu werden.
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