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  • Artikel vom 13.01.2012, 14:30 Uhr

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Vier österreichische Theaterdirektorinnen über weibliche Karrieren, Chancengleichheit, den Führungsstil von Frauen - und die (Un-)Vereinbarkeit von Kindern und Karriere.

"Theaterarbeit ist ein Leistungssport"


Von Petra Rathmanner

Um Abend für Abend verdienten Applaus einzuheimsen, muss man in zentraler Position ständig präsent sein, meinen die vier Intendantinnen unisono. - © © John Lund/Paula Zacharias/Blend Images/Corbis

Um Abend für Abend verdienten Applaus einzuheimsen, muss man in zentraler Position ständig präsent sein, meinen die vier Intendantinnen unisono. © © John Lund/Paula Zacharias/Blend Images/Corbis

Seit Emmy Werner 2005 das Volkstheater an Michael Schottenberg übergab, steht in der Theaterstadt Wien keine weibliche Intendantin einer der großen Bühnen vor. In den Bundesländern stellt sich die Situation anders dar: Vier künstlerische Leiterinnen sorgen für neuen Aufschwung und volle Häuser - die Auslastungszahlen der von Frauen geleiteten Bühnen liegen im österreichweiten Länderbühnenvergleich durchwegs im Spitzenfeld. Den vier Intendantinnen - Anna Badora (Schauspiel Graz), Elisabeth Sobotka (Oper Graz), Isabella Suppanz (Landestheater Niederösterreich, St. Pölten) und Brigitte Fassbaender (Tiroler Landestheater, Innsbruck) - wurden von der "Wiener Zeitung" gleichlautende Fragen gestellt, per Telefon, E-Mail sowie im Vier-Augen-Gespräch.

Information

Zur Person

Anna Badora, geboren 1951 in Tschenstochau (Polen), studierte Darstellende Kunst in Krakau - und als erste Frau Regie am Max Reinhardt Seminar. Sie war Schauspieldirektorin am Staatstheater Mainz, leitete zehn Jahre lang das Schauspielhaus Düsseldorf und ist seit 2006 geschäftsführende Intendantin am Schauspielhaus Graz. Ihr Vertrag wurde kürzlich bis 2017 verlängert. Badora hat Regiestars wie Peter Konwitschny und Theu Boermans, Schauspieler wie Peter Simonischek, Helmuth Lohner und Udo Samel nach Graz geholt. Ihre Erfolge spiegeln sich in den Auslastungszahlen: Diese liegen in Graz deutlich über 80 Prozent.

Isabella Suppanz, geboren in Spindlhof in der Steiermark, studierte in Wien unter anderem Theaterwissenschaft und begann ihre Laufbahn als Regisseurin am Wiener Burgtheater. Von 1989 bis 2004 war sie Dramaturgin am Theater in der Josefstadt sowie Lektorin an der Universität Wien und am Max Reinhardt Seminar. Von 2005/06 bis zum Ende dieser Spielzeit leitet sie das Landestheater Niederösterreich, ihre designierte Nachfolgerin ist Bettina Hering. Während ihrer Intendanz hat Suppanz die Bühne in St. Pölten mit internationalen Gastspielen, ambitioniertem Spielplan und konsequenter Ensemblepflege zu einem Sprechtheater ersten Ranges geführt.

Brigitte Fassbaender, geboren 1939 in Berlin, stammt aus einer Künstlerfamilie. In den 1970er und 1980er Jahren trat die Mezzosopranistin an vielen Häusern Europas auf und war regelmäßiger Gast bei den Salzburger und Bayreuther Festspielen sowie an der New Yorker Met. 1995 beendete sie ihre Gesangskarriere und widmet sich seitdem verstärkt der Regie. Von 1999 bis zum Ende dieser Spielzeit leitet sie als Intendantin das Tiroler Landestheater, ihr designierter Nachfolger heißt Johannes Reitmeier. Fassbaender ermöglichte Uraufführungen in den Sparten Schauspiel, Tanz und Musik und steigerte die Auslastungszahlen.

Elisabeth Sobotka, geboren 1965 in Wien, studierte Musikwissenschaft und Betriebswirtschaftslehre. Ihre Laufbahn begann sie bei den Salzburger Festspielen, der Wiener Jeunesse und an der Oper Leipzig. Bevor sie 2002 nach Berlin ging, war Sobotka acht Jahre lang in leitender Position an der Wiener Staatsoper tätig. Seit 2009 ist sie geschäftsführende Intendantin der Oper Graz, ihr Vertrag wurde kürzlich bis 2017 verlängert. Die Grazer Oper deckt unter der Ägide Sobotkas die ganze Bandbreite des Musiktheaters ab - vom Musical bis zur (geplanten) Kinderoper, von (einem neuen) "Lohengrin" bis zu weiteren Uraufführungen.

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"Wiener Zeitung":Als Sie am Theater zu arbeiten begonnen haben, waren die Strukturen noch weitaus verkrusteter. Was hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Anna Badora: Vor zwanzig Jahren musste ich meine Schwangerschaft verheimlichen, sonst hätte ich als freischaffende Regisseurin keine Verträge bekommen! Heute stillen junge Regisseurinnen ihr Kind in den Pausen zwischen den Proben. Andererseits haben sich die positiven Veränderungen noch nicht im ganzen deutschsprachigen Raum durchgesetzt. So fand ich anfangs in Graz eine Situation vor, die in Deutschland völlig unmöglich wäre: Schauspielerinnen erhielten hier weniger Gage als ihre männlichen Kollegen gleichen Alters.

Anna Badora.

Anna Badora.Lupi Spuma Anna Badora.Lupi Spuma

Isabella Suppanz: Ich hatte Anfang der achtziger Jahre das Glück, unter Achim Benning ans Burgtheater zu kommen. Zu dieser Zeit galt es als schick, Frauen am Theater zu engagieren - wohl deshalb wurde ich sehr gefördert. Nach nur zwei Monaten am Haus hatte ich bereits meine erste Regie. Aber es hat sich längst nicht so viel verändert, wie wir uns einst erhofften.

Brigitte Fassbaender: Ende der 80er Jahre galt es noch als etwas Besonderes, als Frau eine Männerdomäne wie etwa die Regie zu erobern. Inzwischen ist das eine Selbstverständlichkeit.

Elisabeth Sobotka, Opern-Intendantin in Graz.

Elisabeth Sobotka, Opern-Intendantin in Graz.BIG SHOT Elisabeth Sobotka, Opern-Intendantin in Graz.BIG SHOT

Elisabeth Sobotka: Im Musiktheater hat sich seit den neunziger Jahren enorm viel getan: Frauen wurden erstmals ins Staatsopernorchester aufgenommen. So war etwa Simone Young die erste Dirigentin im Haus am Ring. Dass Frauen Opernhäuser leiten, ist längst keine Seltenheit mehr.

Ist es für Frauen inzwischen leichter, am Theater wahrgenommen zu werden - und eine Karriere bis hin zur Leitungsfunktion zu durchlaufen?

Badora: Wir scheinen uns in einer Art Umbruchszeit zu befinden. Heute sind an den Theatern deutlich mehr Regisseurinnen als früher anzutreffen, auch wenn das Verhältnis noch längst nicht paritätisch ist. Zugleich ist es schwieriger geworden, mit männlichen Dramaturgen zu arbeiten, weil es diese kaum mehr gibt. Je nach Kulturpolitik und Milieu kann es für die Karriere mittlerweile sogar von Vorteil sein, eine Frau zu sein.

Brigitte Fassbaender.

Brigitte Fassbaender.Larl Brigitte Fassbaender.Larl

Suppanz: Wir befinden uns in einer post-feministischen Gesellschaft, was am Theater dazu führt, dass Frauen heute pseudo-selbstverständlich sind. Die wirklichen Karrieren sind nach wie vor rar gesät, während die zweite Ebene - die gesamten Bereiche der Dramaturgie, der Assistentinnen oder der Künstlerischen Betriebsbüros - weiblich geprägt ist.

Fassbaender: Eine Leitungsfunktion ist für eine Frau nicht mehr unerreichbar. Es gibt viele Beispiele - Tendenz steigend.

Isabella Suppanz.

Isabella Suppanz.Lukas Beck Isabella Suppanz.Lukas Beck

Sobotka: Es ist doch nie einfach, Leitungsfunktionen zu erreichen. Entscheidungsprozesse sind jedoch transparenter geworden, in der Kultur sind männliche Gruppenbildungen nicht mehr so dominierend wie in der Privatwirtschaft.

Würden Sie von sich behaupten, Feministin zu sein?

Badora: In meiner Jugend in Polen kannte man diesen Begriff nicht. Während es in Wien noch keine Regiestudentinnen gab - ich war übrigens die erste am Max Reinhardt Seminar -, arbeiteten in meiner Heimat längst anerkannte Regisseurinnen und Intendantinnen. Gleichzeitig wäre bei uns niemand auf die Idee verfallen, Männer für die Kinderbetreuung einzuspannen. Dafür standen Mütter, Tanten, Nachbarinnen zur Verfügung.

Suppanz: Selbstverständlich bin ich stark davon geprägt. In meiner Studienzeit waren feministische Arbeitskreise eine Selbstverständlichkeit!

Fassbaender: Als Feministin habe ich mich nie empfunden. solche Kategorisierungen interessieren mich weniger, aber ich bin immer selbstbestimmt meinen Weg gegangen.

Sobotka: Die Vorstellung, zu heiraten, Kinder zu bekommen und das war’s dann - davon war ich nie angetan. Für mich war es wichtig, selbstständig und emanzipiert zu sein.

Wie begegnen Sie beruflichen Problemen?

Badora: Ich akzeptiere weder ein Nein, wenn ich von etwas überzeugt bin, noch lasse ich davon ab, nach dem letzten Millimeter Wahrheit und nach Qualität zu suchen. Ausreden, weshalb etwas nicht geht, nicht gehen kann, akzeptiere ich nicht. Ich halte mich an das Motto meines Lehrmeisters Peter Zadek: ,Kein Alibi-Denken akzeptieren.

Suppanz: Was mich jeden Tag motiviert, ist Verantwortung. Ich habe im Theater Leute um mich, für die ich Verantwortung übernommen habe.

Fassbaender: Ich konfrontiere mich und Andere sofort und versuche Lösungen zu finden. Die meisten Probleme in dem emotionsgeladenen Berufsfeld Theater sind zwischenmenschlich.




Schlagwörter

Theater, Frauen, Extra

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2012
Dokument erstellt am 2012-01-12 18:38:17
Letzte Änderung am 2012-01-13 14:14:45


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