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  • Artikel vom 20.01.2012, 14:30 Uhr

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"Es wird ein schärferer Wind wehen"

Mahmoud Ghozlan und Amani El Tunsi


Von Iris Mostegel
  • Wie ist die derzeitige politische Lage in Ägypten zu beurteilen? Auf diese Frage antworten zwei unmittelbar Beteiligte unabhängig voneinander; sie kommen dabei zu sehr unterschiedlichen Einschätzungen und haben ganz verschiedene Befürchtungen und Hoffnungen.

"Jeder agiert vor sich dahin, die Ziele sind verwässert". Amani El Tunsi im Gespräch mit Iris Mostegel.

"Jeder agiert vor sich dahin, die Ziele sind verwässert". Amani El Tunsi im Gespräch mit Iris Mostegel.© Ahmed Mahmoud "Jeder agiert vor sich dahin, die Ziele sind verwässert". Amani El Tunsi im Gespräch mit Iris Mostegel.© Ahmed Mahmoud

Mahmoud Ghozlan, der Sprecher der ägyptischen Muslimbruderschaft, erklärt, weshalb er die radikal-islamistischen Salafisten ablehnt, eine Koalition mit den liberalen Kräften bevorzugt und wie das Ägypten seiner Träume aussieht.

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Wiener Zeitung:In wenigen Tagen jährt sich der Jahrestag der Revolution. Wo steht Ägypten?

Information

Zur Person

Mahmoud Ghozlan ist Sprecher der 1928 gegründeten ägyptischen Muslimbruderschaft (MB). Die MB ist die ideologische Mutterorganisation ihres politischen Arms, der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei, der Siegerin bei den jetzigen Parlamentswahlen. Ideologisch gilt die MB als überaus inhomogen; Ghozlan - Professor für Biochemie an einer Universität im Nildelta - wird zur konservativen alten Garde gezählt. Ein Kennzeichen der MB ist ihr Pragmatismus. Es wird erwartet, dass sich ihre Partei jetzt mehr in die Mitte bewegen wird. Seit Jahrzehnten ist die MB bekannt für ihre Wohltätigkeitsarbeit in den Armenvierteln.

Amani El Tunsi engagiert sich seit Jahren für Frauenrechte in Ägypten. Ursprünglich arbeitete sie als Graphik-Designerin für ein Jugendmagazin, bevor sie 2008 in einer kleinen Wohnung in Kairo den Internet-Radiosender "Banat we Bass" ("Girls Only") gründete. In der ersten feministischen Radiostation in der arabischen Welt werden sensible Themen wie Gewalt in der Ehe oder Frauenbeschneidung offen diskutiert. Täglich folgen 20.000 Hörerinnen und Hörer den Programmen. Das zweite Standbein der 28-Jährigen ist ein Verlag für gesellschaftskritische Bücher.

Mahmoud Ghozlan: Die Revolution ist nicht vorbei - wir sind erst in der Halbzeit. Um sagen zu können, die Revolution war erfolgreich, bedarf es weiterer Schritte. Einer der wichtigsten ist, dass der regierende Militärrat unter Feldmarschall Tantawi die Macht an einen gewählten zivilen Präsidenten übergibt und sich aus der Politik zurückzieht.

In der Politik bleiben damit die Parteien, darunter die Freiheit- und Gerechtigkeitspartei der Muslimbrueder (FJP), die jetzt bei den Parlamentswahlen 46 Prozent gewonnen hat, gefolgt von den radikal-islamistischen Salafisten und ihrer Partei des Lichts mit 23 Prozent, danach im einstelligen Bereich einige liberale Parteien. Hat Sie das starke Abschneiden der Islamisten überrascht?

Was uns selbst angeht, nein. Da bin ich von einem Sieg in dieser Größenordnung ausgegangen. Was mich jedoch - wie auch alle anderen - überrascht hat, war, dass die Salafisten so immens stark abgeschnitten haben. Ich bin von maximal 10 bis 15 Prozent ausgegangen.

Rein rechnerisch ergibt das Wahlergebnis eine absolute Mehrheit für die Muslimbrüder und die Salafisten. Wäre eine Koalition eine Möglichkeit, gewisse islamistische Wertvorstellungen durchzusetzen?

Wir neigen eher zu einer Koalition mit den liberalen und gemäßigten Kräften. Es ist sinnvoll, gerade in diesen Zeiten, wo es um die Neugestaltung Ägyptens geht, das gesamte Spektrum der Gesellschaft zu involvieren. Ein Zusammenschluss mit den Salafisten ist unwahrscheinlich. Die Salafisten sind Neulinge in der politischen Arena und beherrschen ihr Geschäft noch kaum. Ganz abgesehen davon, dass ihre Ideologie sehr radikal ist. Selbst die Art, wie sie Ägypten reformieren wollen: Ginge es nach ihnen, würden sie das gesamte System mit einem Schlag auswechseln wollen. Das ist nicht möglich. Ägypten würde zusammenbrechen. Wir vertreten einen moderaten Islam. Man darf die Menschen nicht überfordern, deshalb muss man die Dinge schrittweise ändern und an ihre Umgebung anpassen.

Apropos schrittweise: Im Zusammenhang mit der Sharia spricht die Muslimbruderschaft oft von ihrer schrittweisen Umsetzung. Bedeutet das, dass am Ende des Weges die Sharia komplett implementiert werden soll?

Ja, das ist korrekt.

Nach den offiziellen Statements der Muslimbrüder in der jüngeren Vergangenheit überrascht diese Aussage.

Man muss die Sharia richtig verstehen. Vom Westen wird das oft verzerrt dargestellt. Dort denkt man bei Sharia nur an Hände abhacken und Peitschenhiebe. In Wirklichkeit ist die Sharia ein integrales Werte- und Regelsystem. Der Islam gibt uns Richtlinien für die Gestaltung aller Lebensbereiche vor.

Ich gestehe, auch ich muss bei der Vollimplementierung der Sharia weniger an jenen Teil der Sharia denken, der beispielsweise das islamische Erb- und Heiratsrecht regelt, als an jenen Teil, der für gewisse Vergehen drakonische Strafen wie Peitschenhiebe vorsieht.

"Gottes Wort regelt die Grundprinzipien." Der Politiker Mahmoud Ghozlan, während des Interviews in Kairo.

"Gottes Wort regelt die Grundprinzipien." Der Politiker Mahmoud Ghozlan, während des Interviews in Kairo.© Ahmed Mahmoud "Gottes Wort regelt die Grundprinzipien." Der Politiker Mahmoud Ghozlan, während des Interviews in Kairo.© Ahmed Mahmoud

Es stimmt, es sind drakonische Strafen. Nur: Es gelten auch drakonische Bestimmungen, soll heißen: Damit so eine Strafe überhaupt vollzogen werden kann, müssen sehr rigide Auflagen erfüllt werden. Ehebruch zum Beispiel: Da muss es vier Zeugen geben. Vier Zeugen, die unabhängig voneinander den Geschlechtsakt gesehen haben und in allen Details belegen müssen. Sagen drei Zeugen ja, der vierte aber nein, werden die drei Zeugen wegen ihrer Aussage bestraft. Ganz abgesehen davon: Wenn jemand seine Frau betrügt, ist es doch ein nahezu unmögliches Szenario, dass ihm dabei vier Personen zuschauen. Der Sinn dieser drakonischen Strafform liegt auch weniger in der Bestrafung selbst als in seinem Abschreckungsfaktor. Die Gesellschaft muss vor einem Abdriften in ein unmoralisches Verhalten geschützt werden.

Das heißt, es soll auch Alkohol verboten werden?

Nicht sofort, aber irgendwann in Zukunft ja. Für Muslime sollte es langfristig keinen Alkoholausschank in Restaurants mehr geben. Was ein Muslim dann innerhalb seiner vier Wände macht, ist eine Sache zwischen ihm und Gott. Es würde sicher nicht so weit kommen, dass ich über seine Hausmauer springe und zum Fenster hineinluge, um zu kontrollieren, ob er wirklich nichts trinkt. Anders verhält es sich mit den Kopten und Touristen aus dem Westen: In ihrem Glauben ist Alkohol erlaubt, also sollen sie ihn in Ägypten auch weiterhin bekommen. Die Sache mit dem Alkohol hat für uns aber keine Priorität. Wir haben über dringendere Probleme nachzudenken.

Probleme wie eine am Boden liegende Wirtschaft, eingebrochene Tourismuseinnahmen und hohe Arbeitslosigkeit. Welche Pläne haben die Muslimbrüder?

Wir haben in den vergangenen Monaten mehrere Delegationen in Staaten geschickt, die innerhalb weniger Jahre Beachtliches hingelegt haben, so wie die Türkei, Malaysia oder auch Brasilien. Das Ziel der Mission war, sich verschiedenste Bereiche von der Landwirtschaft bis zum Gesundheits- und Bildungswesen anzuschauen und sich zu überlegen, was und wie wir bei uns umsetzen können. Das betrifft auch ganz praktische Sachen wie Abfall- und Verkehrskonzepte, in Ägypten ein großes Thema. Diesbezüglich sind wir etwa mit einer türkischen Firma im Gespräch. Wir wollen von ihrem Know How profitieren.




Schlagwörter

Islam, Ägypten, Extra

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2012
Dokument erstellt am 2012-01-19 17:48:14
Letzte Änderung am 2012-01-20 13:13:08


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