• vom 28.05.2010, 13:53 Uhr

Zeitgenossen

Update: 28.05.2010, 13:58 Uhr

"Wir haben die Originale, das ist unser Trumpf"

Christian Köberl




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Von Christian Pinter

  • Der Spitzenforscher Christian Köberl tritt am 1. Juni sein neues Amt als Generaldirektor des Naturhistorischen Museums in Wien an. Im Gespräch erläutert er seine Pläne und Perspektiven für das traditionsreiche Haus am Wiener Burgring.

Christian Köberl im Gespräch mit Christian Pinter. Foto: Andreas Pessenlehner

Christian Köberl im Gespräch mit Christian Pinter. Foto: Andreas Pessenlehner

"Wiener Zeitung": Herr Professor Köberl, Sie haben sich schon mehrmals Träume erfüllt. Im Alter von zehn Jahren erlebten Sie die ersten Mondlandungen mit. Später analysierten Sie selbst das Mondgestein. Sie sahen die ersten Bilder der kraterzernarbten Oberflächen der Jupiter- und Saturnmonde. Später untersuchten Sie federführend Einschlagskrater auf der Erde. Sie lasen sicher auch abenteuerliche Forscherberichte aus dem 19. Jahrhundert - und forschten später selbst in der Libyschen Wüste, in Sibirien oder der Antarktis. War die Leitung eines Museums auch ein Jugendtraum?

Christian Köberl: Tatsächlich begeisterten mich damals auch die Mondlandungen für die Astronomie. Ich vergrub mich in Büchern, half an der Urania-Sternwarte und im Wiener Planetarium mit. Mit dem Naturhistorischen Museum kam ich dann in den frühen Achtzigerjahren in Kontakt, bei der Analyse von Meteoriten. Die damals dort vorhandenen Geräte gab es an der Universität nicht. Außerdem kann man im Museum an langfristigen Projekten arbeiten, anders als an der Uni. Und man hat dort diese wunderbaren Sammlungen zur Verfügung. Sicher hätte ich die weltberühmte Wiener Meteoritensammlung gerne einmal geleitet, aber an die Direktion des ganzen Hauses dachte ich nicht. Als mir jüngst die Gelegenheit dazu geboten wurde, nahm ich die Herausforderung nach kurzem Nachdenken begeistert an.

Mineralien, Pflanzen, Tiere . . . - das Naturhistorische Museum besitzt rund 20 Millionen Objekte. Foto: Andreas Pessenlehner

Mineralien, Pflanzen, Tiere . . . - das Naturhistorische Museum besitzt rund 20 Millionen Objekte. Foto: Andreas Pessenlehner Mineralien, Pflanzen, Tiere . . . - das Naturhistorische Museum besitzt rund 20 Millionen Objekte. Foto: Andreas Pessenlehner

Über dem Eingang prangt seit 1889 in goldenen Lettern das Motto "Dem Reiche der Natur und seiner Erforschung". Ist die Forschung auch heute noch ein fundamentaler Auftrag für das Naturhistorische Museum?


Ja! Wir wollen den Besuchern nicht nur vorführen, was und wie die Habsburger gesammelt haben und das Museum dann gleichsam in diesem Zustand "versiegeln". Vielmehr möchten wir zeigen, was moderne Naturwissenschaften sind und worin deren wissenschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung liegt. Mit der Bestellung eines aktiven Forschers als Generaldirektor sollte, so glaube ich, die Rolle der Wissenschaft betont werden. Und um sie kompetent zu vermitteln, braucht es Mitarbeiter, die selbst forschen.

Christian Köberl. Foto: Andreas Pessenlehner

Christian Köberl. Foto: Andreas Pessenlehner Christian Köberl. Foto: Andreas Pessenlehner

Sie haben erklärt, die Forschungsarbeit am Museum besser sichtbar machen zu wollen. Was haben Sie da konkret vor ?

Ich möchte zunächst, dass mehr geforscht wird - ähnlich wie in den Museen mit vergleichbarer Geschichte in Berlin, London, Paris oder Stockholm. Natürlich sind die Zeiten der "Gießkannen"-Dotationen für Geräte, Honorare, Konferenzreisen usw. vorbei. Heute muss man sich auch beim Ringen um Finanzen dem Wettbewerb stellen, sich kompetitiv um Drittmittel bewerben: bei internationalen Programmen, beim Forschungsfonds oder der Akademie der Wissenschaften. Das Museum hat Persönlichkeiten und Chancen für eine solche Strategie. Man muss sich aber trauen, und die Museumsleitung muss das unterstützen. So können wir auch den Aufholbedarf bei der Ausstattung der Laboratorien besser bewältigen. Wir wollen neue Elektronenmikroskope und eine neue Mikrosonde anschaffen. Das derzeitige Gerät ist 37 Jahre alt und schon lange nicht mehr Stand der Technik. Dann möchte ich in jedem Saal zumindest eine Vitrine haben, die unsere eigenen Forschungen erklärt. Wir holen nicht nur Exponate aus dem Tiefenspeicher, wir zeigen, wie daran gearbeitet wird.

Wissenschaft beginnt ja mit Staunen. Lässt sich in einer Zeit, in der die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Utopie immer rascher überholt sind, Staunen überhaupt noch hervorrufen?

Das ist jetzt sicher nicht einfacher, zumal die Aufmerksamkeitsspanne immer kürzer wird. Das Museum wurde 1889 als Haus für systematische Sammlungen konzipiert, wo Besucher mit viel Zeit sehr viel lernen und sich selbst vieles erarbeiten können. Doch in dieser Welt leben wir nicht mehr. Heute kommt es überall auf Soundbites an, also auf ganz kurze Statements; nicht mehr auf detaillierte, tiefe Erklärungen. Daher müssen auch wir die Informationen aufbereiten. Besucher werden von der fantastischen Vielfalt des Gezeigten fast "erschlagen". Ich möchte die systematische Sammlung etwas in den Hintergrund rücken und auf Blickfänge setzen. Besonders spektakuläre oder wichtige Exponate werden speziell inszeniert und hervorgehoben - um daran dann ein Lehrstück bzw. eine besondere Information aufzuhängen, um zu zeigen, was wir an diesem Stück gelernt haben. Wenn der Besucher dann davor steht und denkt: "Aha, das habe ich nicht gewusst!", dann haben wir Erfolg gehabt.

Werden audiovisuelle Medien diesen Weg unterstützen?

Wir haben die Originale, das ist unser Trumpf gegenüber Fernsehen, Buch oder Internet: die Venus von Willendorf, einen seltenen Meteoriten, das Präparat eines mittlerweile ausgestorbenen Tieres. Das Original steht im Zentrum, es erzählt die Geschichte. Andere Medien werden bloß unterstützend eingesetzt - ein erklärender Text, eine Holografie, ein Film. Wenn ich z.B. den Schädel eines Australopithecus vor mir habe, will ich wissen, wie das ganze Wesen ausgesehen hat. Wenn ich einen Saurierknochen mustere, interessiert es mich, wie sich dieses Tier bewegt hat. Das können moderne Medien gut vermitteln. Vor allem für die junge Generation müssen wir interaktive Stationen einbauen, etwas, womit die Besucher in Wechselwirkung treten können.

Christian Köberl neben einem Saurierkopf. Foto: Andreas Pessenlehner

Christian Köberl neben einem Saurierkopf. Foto: Andreas Pessenlehner Christian Köberl neben einem Saurierkopf. Foto: Andreas Pessenlehner

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Dokument erstellt am 2010-05-28 13:53:54
Letzte nderung am 2010-05-28 13:58:00



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